«Westwall» erzählt von jungen Aussenseitern, einer charismatischen Rechtsterroristin und zwielichtigen Verfassungsschützern. Die ZDF-Serie ist dabei Politthriller und Familiendrama zugleich.
Julia (Emma Bading) muss sich den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit stellen. Foto: Krzysztof Wiktor/ZDF/dpa
Julia (Emma Bading) muss sich den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit stellen. Foto: Krzysztof Wiktor/ZDF/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Es ist ein Bauwerk, das den Grössenwahn der Nazis in erschreckender Weise widerspiegelt: Der Westwall war eine über 600 Kilometer lange Verteidigungslinie mit tausenden Bunkern, Stollen und Gräben.

Noch heute sind Überreste sichtbar, etwa in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Die Thrillerserie «Westwall», die bereits in der ZDF-Mediathek zu sehen ist, spielt zwar zwischen den alten Bunkerruinen. Sie ist thematisch aber hochaktuell. Am Samstag (27.11.) laufen die ersten beiden Folgen im ZDF (21.45 Uhr), die komplette Serie wird später bei ZDFneo (7.12./8.12.) ausgestrahlt.

Die untergetauchte Rechtsextremistin Ira Tetzel (böse und zugleich charismatisch: Jeanette Hain) rekrutiert obdachlose Jugendliche und trainiert sie in einem Waldgebiet am früheren Westwall für einen Terroranschlag. Der Verfassungsschutz ist ihr auf der Spur, auch dank des Aussteigers Nick (Jannik Schümann, «Tribes of Europa») und der Polizeischülerin Julia (Emma Bading, «Play»), die zum Spielball einer Verschwörung und ihrer familiären Vergangenheit wird.

Im Laufe der sechs Folgen, die mit spannenden Wendungen und Schockmomenten aufwarten, verschwimmen Gut und Böse immer wieder. Die Zerrissenheit der Charaktere ist deutlich spürbar.

Da wäre Verfassungsschützer Florian Keppler (Devid Striesow, «8 Tage»), der den heimatlosen Nick als V-Mann auf Julia ansetzt, in Lebensgefahr bringt und dennoch wie seinen eigenen Sohn umsorgt. Nick wiederum, der noch immer ein grosses Hakenkreuz-Tattoo auf dem Rücken hat, verliebt sich in die selbstbewusst-bockige Polizeischülerin und muss sie dennoch hintergehen.

«Mich interessieren keine Schwarz-Weiss-Gut-Böse-Charaktere. Das finde ich langweilig, als Schauspieler und Konsument», sagt Nick-Darsteller Schümann im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Gerade die Ambivalenz der Charaktere, die im Grunde alle verloren sind, finde ich so spannend an dem Roman.»

«Türkisch für Anfänger»-Autor Benedikt Gollhardt, der auch das Drehbuch für die Serie schrieb, feierte 2019 mit dem Roman «Westwall» sein Thriller-Debüt. Inspiriert wurde er von den NSU-Morden ebenso wie von der Unterwanderung der rechten Szene durch den Verfassungsschutz und deren umstrittener Praxis. In der ZDF-Serie, die in Köln spielt und vor einem Jahr im polnischen Krakau gedreht wurde, sind Nachrichtendienste und Rechtsterroristen eng vernetzt.

Im Zentrum steht allerdings die Geschichte zweier Aussenseiter und die Frage, warum junge Menschen in die rechtsextreme Szene abrutschen. «Die Kinder und Jugendlichen sind verloren und bekommen keine Liebe geschenkt. Sie treffen dann auf Personen, die ihnen genau das geben, was sie brauchen: Wärme, Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit», erklärt Schümann. 

«Westwall» ist prominent besetzt (in weiteren Rollen: Suzanne von Borsody und Kostja Ullmann), rasant und stellenweise erschreckend realistisch. Einzig die Gefahr des möglichen Terroranschlags durch die Nazi-Gruppe bleibt abstrakt und nimmt diesem Spannungsbogen etwas die Dramatik.

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