Neues Bekennerschreiben einer Literaturnobelpreisträgerin

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Deutschland,

Das Heimatgefühl ist ein Hasenkostüm: In «Der Beamte sagte» setzt Herta Müller ihre Technik der Wortcollagen fort - mit manchmal verblüffenden, manchmal verstörenden Folgen.

Herta Müller
2009 hatte Herta Müller für ihren Roman «Atemschaukel» den Literaturnobelpreis erhalten. (Archivbild) - dpa

Das Wichtigste in Kürze

  • Wörter wollen genau gewählt sein.

Sie stehen für etwas. Die Sprechenden und Schreibenden wollen etwas aussagen, die Hörenden und Lesenden verstehen möglicherweise etwas anderes. Selten sind Aussage und Verstehen absolut deckungsgleich.

Wenn Herta Müller schreibt «Der Beamte sagt Heimweh ist keine gute Idee», mögen ihre Leserinnen und Leser eine recht präzise Vorstellung dieses Gedankens entwickeln. Wie aber steht es mit der ebenfalls satzzeichenfreien Passage auf der Seite zuvor? «Der sogenannte Herr Fröhlich von der Prüfstelle B fragte haben Sie nie ein Heimatgefühl Ich sagte doch Aber es ist ein Hasenkostüm und ich bin haargenau grau darin». Poesie fordert die Fantasie der Lesenden ein.

Herta Müllers neue Erzählung «Der Beamte sagte» ist voll solcher Stellen, die Eindeutiges mit weniger Eindeutigem mischen. Das ist besonders eindrücklich, weil die Literaturnobelpreisträgerin von 2009 sich hier - nach «Im Heimweh ist ein blauer Saal» - erneut der Technik der Wortcollagen bedient.

Wie klassische Bekennerschreiben wirken die 161 Seiten ihres neuen Buches optisch: zusammengesetzt aus ausgeschnittenen einzelnen Wörtern, mal grösser und mal kleiner, mal schwarz-weiss und mal bunt, meist gedruckt und manchmal handschriftlich ergänzt, stets um teils rätselhafte Abbildungen erweitert.

Tatsächlich bekennt Müller sich mit diesen Texten in einer Art zum einzelnen Wort, wie herkömmliches Schreiben es kaum erlaubt. Jedes Wort auf seiner Insel aus Papier erscheint hier ausgewählt, hervorgehoben. Seine Bedeutung wirkt gleichzeitig betont und infrage gestellt.

«Dichten mit Schere und Klebstoff ist etwas anderes als Schreiben», hat Jörg Magenau dazu schon 2019 in seiner Rezension von «Im Heimweh ist ein blauer Saal» bemerkt. «Anders als am Bildschirm ist ein Wort, wenn es aufgeklebt wurde, nicht wieder zu verrücken.» Zudem lässt sich ein Buch aus Wortcollagen kaum noch angemessen in eine andere Sprache übersetzen.

Der Beamte, die Kantine und das Café am Platz, der Veterinär und die mitgebrachte Wachsnasige: Einige Figuren und Orte tauchen immer wieder - oft unvermittelt - in dieser Erzählung auf. Die Autorin variiert kleine Szenen. Themen wie Tod und Heimweh, die Herta Müller seit ihrer Kindheit und Jugend beschäftigen, sind unverrückbarer Bestandteil auch dieses Buches.

«Der Beamte sagte» ist eine Herausforderung für Leserinnen und Leser, aber eine durchaus lohnende und mitunter vergnügliche. Niemand, der sich auf diese Lektüre einlässt, wird eine Hühnersuppe künftig noch so löffeln wie zuvor. Immer wird die Bemerkung des Mannes mit der Zahnlücke mitschwingen, der seinem Tischnachbarn in der Kantine erklärt: «Schauen Sie mal auch Ihre Hühnersuppe hat eine Biographie denn das Huhn hat gelebt egal wie.»

- Herta Müller: Der Beamte sagte, Erzählung, Hanser Verlag, 164 Seiten, ISBN 978-3-446-27082-4, Deutschland: 24,00 Euro, Österreich: 24,70 Euro.

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