Fall Terenzi: Wenn der Vater fehlt, sucht das Herz ein Leben lang
War der Vater in der Kindheit emotional abwesend, so kann sich das später im Erwachsenenalter noch bemerkbar machen. Eine Kolumne von Chris Oeuvray.

Das Wichtigste in Kürze
- Chris Oeuvray ist psychologische Beraterin und Expertin für Narzissmus.
- Auf Nau.ch schreibt Oeuvray regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über emotional abwesende Väter, die oftmals eine Lücke hinterlassen.
Als ich gelesen habe, dass Summer öffentlich mit ihrem Vater Marc Terenzi abrechnet, musste ich an eine Klientin denken. Sie verliebte sich ständig in Männer, die sie nicht wollten. Je stärker die Ablehnung, desto grösser wurde ihre Sehnsucht.
Sie kämpfte um Aufmerksamkeit und Liebe. Nicht, weil sie Drama wollte. Sondern weil sie etwas suchte, das sie seit ihrer Kindheit vermisste.
Der Fall von Summer zeigt etwas, das viele Betroffene kennen. Ein emotional abwesender Vater hinterlässt eine Lücke. Diese Lücke verschwindet nicht einfach mit dem Erwachsenwerden. Sie meldet sich später in Beziehungen, in Selbstzweifeln und in der ständigen Suche nach Bestätigung.
Warum die Kindheit bis ins Erwachsenenleben wirkt
Kinder brauchen nicht nur Versorgung. Sie brauchen Nähe, Interesse und das Gefühl, wichtig zu sein. Fehlt das, entsteht die Überzeugung, sich Liebe verdienen zu müssen. Viele strengen sich an, passen sich an und hoffen auf Anerkennung.

Ich sehe in meiner Arbeit mit Opfern von Narzissmus immer wieder, dass Menschen später genau dort suchen, wo sie schon als Kind leer ausgegangen sind. Sie verlieben sich in Menschen, die distanziert sind oder sie ablehnen. Sie kämpfen um Liebe und nennen es Schicksal. In Wahrheit kämpfen sie oft um etwas, das sie vom Vater nie bekommen haben.
Warum Partnerschaften die Lücke nicht füllen
Kein Partner kann die eigene Kindheit reparieren. Wer unbewusst nach dem sucht, was der Vater nicht gegeben hat, überfordert jede Beziehung.
Die Sehnsucht bleibt. Die Enttäuschungen werden grösser. Und irgendwann entsteht das Gefühl, nie wirklich glücklich zu werden.
Deshalb lohnt es sich, hinzuschauen. Nicht um Schuldige zu suchen, sondern um die eigenen Wunden zu erkennen.
Was hat gefehlt? Welche Bedürfnisse wurden nie erfüllt? Welche Sehnsucht begleitet mich bis heute?
Heilung beginnt mit Ehrlichkeit
Veränderung entsteht, wenn man emotional nachnährt, reflektiert und dadurch neue, gesunde Erfahrungen macht. Manche finden dabei auch gemeinsam mit ihrer Mutter Antworten auf offene Fragen.
Ich rate Betroffenen, sich Unterstützung bei Fachpersonen zu holen, die sich mit Bindungsverletzungen und narzisstischen Mustern auskennen. Und ich ermutige sie zu einer wichtigen Entscheidung: Nicht für immer Opfer der eigenen Geschichte zu bleiben.
Frieden entsteht nicht dadurch, dass der Vater sich endlich verändert. Frieden beginnt dort, wo wir unsere Wunden selbst heilen und aufhören, das Verpasste in einer Partnerschaft zu suchen.

Zur Person
Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus, psychologische Beraterin und Autorin («Du genügst», weitere Bücher auf ch-oeuvray.ch/buecher) aus Zug.












