Das passiert, wenn der Vater in der Kindheit fehlt
Beim Vater lernt die Tochter, wie sich Nähe anfühlt. Fehle dieser Kontakt, entstehe die Frage: Warum bin ich nicht genug? Eine Kolumne von Chris Oeuvray.

Das Wichtigste in Kürze
- Chris Oeuvray ist psychologische Beraterin und Expertin für Narzissmus.
- Auf Nau.ch schreibt Oeuvray regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über fehlende Väter in der Kindheit – und was es auslösen kann.
Du suchst dir keinen falschen Mann. Du suchst das Gefühl, das dir als Kind gefehlt hat. Denn: Wenn der Vater fehlt, fehlt nicht nur ein Mensch. Es fehlt der erste Blick, in dem ein Mädchen sich als wertvoll erlebt.
Genau das zeigt auch Der Fall rund um Melanie Winiger, die öffentlich über die Tränen und die Leerstelle spricht, die ihr Vater hinterlassen hat. Diese Leerstelle ist ein prägendes Trauma.

Ein Vater ist für seine Tochter die erste gegengeschlechtliche Bezugsperson. An ihm lernt sie, wie sich Nähe anfühlt. Ob sie gesehen wird. Ob sie willkommen ist.
Funktionieren, kümmern, stark wirken
Fehlt dieser Kontakt oder ist er von Ablehnung geprägt, entsteht kein neutrales Nichts. Es entsteht eine stille Frage, die sich festsetzt: Warum bin ich nicht genug?
Ich sehe das in meiner Arbeit immer wieder. Frauen, die funktionieren, die stark wirken, die sich kümmern – und gleichzeitig innerlich kämpfen. Nicht, weil sie schwach sind, sondern weil ihr System früh gelernt hat, dass Liebe unsicher ist.
Verlässliche Männer wirken langweilig
Das zeigt sich später in Beziehungen. Nähe wird gleichzeitig gesucht und gefürchtet.
Verlässliche Männer wirken langweilig. Unklare, distanzierte Männer fühlen sich vertraut an. Nicht logisch. Aber vertraut, weil genau dieses Gefühl früh verankert wurde.
Auch Tamy Glauser hat über eine schwierige Vaterbeziehung gesprochen und darüber, wie sich dieses Gefühl von Nicht-Zugehörigkeit durchzieht.
Es sind unterschiedliche Geschichten mit dem selben Kern.

Es fehlt rasch die Orientierung
Dabei gilt etwas, das viele unterschätzen: Mütter sind für ihre Söhne die erste weibliche Erfahrung. Väter sind für ihre Töchter die erste männliche.
Wenn dieser erste Kontakt fehlt oder schmerzhaft ist, fehlt nicht einfach ein Mensch. Es fehlt Orientierung. Und diese Orientierung wird später unbewusst gesucht.
Deshalb geben viele Frauen zu viel. Halten zu lange aus. Hoffen, dass es diesmal anders wird, dass sie endlich gesehen werden.
Doch das Problem liegt nicht im aktuellen Partner. Es liegt in der alten Prägung, die immer wieder aktiviert wird.
Ohne ständige Alarmbereitschaft
Die gute Nachricht ist unbequem und gleichzeitig befreiend. Diese Muster sind veränderbar.
Therapien, die gezielt auf Kindheitstraumata und frühe Bindungserfahrungen eingehen, können genau hier ansetzen.
Du kannst lernen, die alte Geschichte zu verstehen, ohne weiter nach ihr zu leben. Du kannst Frieden mit deiner Ausgangslage finden.
Und dann entsteht etwas, das sich für viele lange unerreichbar angefühlt hat: Eine Partnerschaft, in der du dich wirklich fallen lassen kannst. Ohne Angst und ohne ständige Alarmbereitschaft. Dann wird echte Liebe lebbar.

Zur Person
Chris Oeuvray ist Expertin für Narzissmus, psychologische Beraterin und Autorin («Du genügst», weitere Bücher auf ch-oeuvray.ch/buecher) aus Zug.












