Schneller über Ereignisse berichten, die Zuschauer in Echtzeit über Stunden mitnehmen: Wie die ARD das Informationsangebot ausbauen und sich im Markt der Nachrichtensender stärker positionieren will.
Die ARD setzt auf mehr Live-Berichterstattung. Foto: Boris Roessler/dpa
Die ARD setzt auf mehr Live-Berichterstattung. Foto: Boris Roessler/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Breaking News, Laufbänder, Reporter vor Ort: Früher war das für viele in einem Wort «CNN».

Der US-amerikanische Nachrichtensender gab schon vor Jahrzehnten den Takt vor, der sich nach und nach auch im deutschen TV-Markt mancherorts etablierte.

Bei grossen Nachrichtenlagen wird live und über lange Strecken berichtet. Der Trend im Bewegtbild-Bereich hat sich verstärkt. Die ARD legt nun einen Plan für den Ausbau ihres Informationsangebots vor.

Im Zentrum steht der Nachrichtensender Tagesschau24 des öffentlich-rechtlichen ARD-Verbunds. Der Spartenkanal soll Ort des permanenten Nachrichtenflusses werden. Bei Ereignislagen bekommen die Zuschauer Live-Berichterstattung - im fortlaufenden TV, über Stream im Netz und auf Social Media.

Den Sender gibt es schon seit vielen Jahren, sein Bekanntheitsgrad ist aber nicht so gross wie der der gleichnamigen ARD-Flaggschiff-Sendungen «Tagesschau» und «Tagesthemen». Die durchschnittliche Reichweite an einem Tag liegt bei rund 2,39 Millionen Menschen.

Mehr Live-Berichterstattung

ARD-Vorsitzende Patricia Schlesinger kündigte das neue Nachrichtenangebot an. «Wir wollen damit mehr Live-Berichterstattung und eine schnellere Orientierung schaffen.» Tagesschau24 soll vor allem in Breaking-News-Lagen die erste Adresse für die kontinuierliche Versorgung mit aktueller Information sein. Mit dem Ausbau sollen auch mehr Zielgruppen erreicht werden, die im Netz unterwegs sind und Medieninhalte mobil nutzen.

Das Programm des Spartensenders wird verändert. Dokus wird es tagsüber künftig nicht mehr geben. Das Neue: Von 05.30 Uhr am Morgen bis 20.15 Uhr am Abend gibt es aktuelle Information. Perspektivisch soll es davon noch mehr geben, wie der Intendant des Norddeutschen Rundfunks (NDR), Joachim Knuth, der Deutschen Presse-Agentur ankündigte. «In besonderen Aktualitätsfällen senden wir heute schon länger.» Im nächsten Jahr werde man den Abend bis nach Mitternacht ausbauen. Damit rückt Tagesschau24 näher an die Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung heran.

Beim NDR ist der Informationsschwerpunkt in der ARD angesiedelt - mit der Gemeinschaftseinrichtung ARD-aktuell. In Hamburg entstand in den vergangenen Jahren ein crossmediales Informationshaus. Gestemmt werden soll das News-Angebot bei Tagesschau24 durch Umschichtungen. Die Journalisten in den ARD-Häusern sollen für Tagesschau24 Inhalte mitproduzieren.

Kritik in der Vergangenheit

In der Vergangenheit sah sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer wieder auch Kritik ausgesetzt, wenn grosse Nachrichtenlagen aufkamen. Im Netz wetterten Leute sinngemäss, dass sich die Welt quasi gerade verändere, und im ARD-Hauptprogramm etwa bekomme man das nur verzögert mit. Private News-Sender wurden als flexibler angeführt.

In der ARD soll der Gedanke der Vernetzung vorherrschen: «In den Aktualitätslagen hat Tagesschau24 Priorität», sagte NDR-Intendant Knuth. «Wir reagieren in Breaking-News-Lagen und werden die Schwelle dafür senken. Es geht nicht nur um die Stürmung des Capitols oder den Brand der Notre Dame.» Knuth ergänzte: «Breaking-News-Lagen für Tagesschau24 sind schon jetzt auch das S-Bahn-Unglück, der Kanzler bei der Pressekonferenz mit Putin, der Amoklauf an der Uni in Heidelberg, Chemieunfälle, Unwetter, politische Beben aller Art.»

Ein festes Korsett soll es nicht geben. Knuth erläuterte: «Bei besonderen Nachrichtenlagen soll und muss es möglich sein, jederzeit Tagesschau24 im Ersten zu übernehmen.» Er könne sich auch vorstellen, dass ein Sender wie der Bayerische Rundfunk oder der Norddeutsche Rundfunk mit Regionalfernsehen sagen: Wir übernehmen in einer besonderen Lage in unserem Sendegebiet jetzt Tagesschau24.

«Ich kann mir vorstellen, dass Tagesschau24 sagt: Wir übernehmen jetzt das Live-Angebot des Landesprogramms des Westdeutschen Rundfunks. Unseren Nutzerinnen und Nutzern ist es egal, wo es herkommt. Hauptsache: Wir haben es.» Auch die Inforadios könnten sich in Breaking-News-Lagen dranhängen.

Rückblickend auf die bisherige Vorgehensweise sagte er: «Wenn Sie darüber nachdenken, dass Sie das Erste an irgendeiner Stelle aufbrechen oder einen Spielfilm abbrechen, dann ist die Hürde dafür sehr viel höher.»

Eine mögliche zu grosse Ähnlichkeit zu Angeboten von anderen Nachrichtensendern wie zum Beispiel n-tv (RTL-Gruppe) sieht Knuth mit der neuen Ausrichtung nicht. «Wir werden tagsüber keine Dokus mehr senden. Es gelten die Relevanzkriterien von ARD-aktuell. Personalisierung und Emotionalisierung werden bei uns keine prominente Rolle spielen.»

Was wird aus Phoenix?

Was bedeuten die Pläne für den Sender Phoenix, der als Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF gemeinsam betrieben wird? Dieser zeigt auch Politikberichterstattung und überträgt Debatten aus dem Bundestag oder in der Corona-Krise wichtige Pressekonferenzen. Wird Phoenix überflüssig? Darauf antwortete der NDR-Intendant: «Nein. Es gibt klare Abgrenzungsgrundsätze zwischen Tagesschau24 und Phoenix.»

Er erläuterte weiter: «Wenn Sie Parteitage haben und planbare Ereignisse, ist das Phoenix. Und wenn man sagt: Jetzt redet auf einem SPD-Parteitag der Kanzler zur Lage in der Ukraine - dann kann Tagesschau24 mit draufgehen. Aber der ganze Parteitag ist Gelände von Phoenix.» Dokus werden tagsüber auch dem Sender überlassen. «Tagesschau24 ist für den akuten Ereignisfall da und für die Nachrichtenbegleitung während eines Tages und künftig der Nacht», ergänzte der Intendant.

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