Alice Schwarzer

Alice Schwarzer: Mit 83 noch immer streitbar

Isabella Seemann
Isabella Seemann

Deutschland,

Kaum jemand hat die Debatten über Frauenrechte im deutschsprachigen Raum so geprägt wie Alice Schwarzer. Das sagt die 83-Jährige im Interview.

Alice Schwarzer
Vordenkerin und Tabubrecherin: Alice Schwarzer. - Bettina Flitner

Das Wichtigste in Kürze

  • Alice Schwarzer (83) gilt hinsichtlich Frauenrechte als Vordenkerin und Tabubrecherin.
  • Nun hat sie ein neues Buch geschrieben.
  • Es sei das zugänglichste ihrer bisherigen Bücher.

Feminismus: Kaum jemand hat die Debatten über Frauenrechte im deutschsprachigen Raum so geprägt wie Alice Schwarzer. Nun hat sie ein neues Buch geschrieben.

Redaktion: In «Feminismus pur. 99 Worte» reflektieren Sie über fast hundert Begriffe, über jeden kurz und bündig auf einer Seite. Ist es Ihr zugänglichstes Buch? Oder Ihr radikalstes?

Alice Schwarzer: Es ist sicher das zugänglichste meiner Bücher. Ich beschränke mich da bei Themen, über die ich schon ganze Bücher geschrieben habe oder «Emma» riesige Dossiers veröffentlicht hat, auf eine Textseite, 1800 Zeichen je Begriff.

Grund: Ich komme der Generation Z entgegen, die nicht mehr so viel liest, mit der ich aber genauso ins Gespräch kommen möchte wie mit ihren Eltern.

Alice Schwarzer
Alice Schwarzer, Feministin und Islam-Kritikerin. - keystone

Redaktion: Überrascht hat mich das Stichwort «Gendern»: Sie äussern Verständnis für dessen Kritiker. Hat sich die ursprünglich gut gemeinte Idee in ihr Gegenteil verkehrt?

Schwarzer: Ja, das haben ja so manche gut gemeinten Ideen so an sich: Sie verkehren sich ins Gegenteil. Mit «Gendern» meinten die feministischen Linguistinnen ursprünglich ganz einfach, in der rein männlichen Sprache müssten auch die Frauen vorkommen. Wir sind schliesslich die Hälfte der Welt.

Also nicht nur «Lehrer», sondern auch Lehrerinnen, zum Beispiel so: LehrerInnen. Nun aber haben übereifrige Akademikerinnen die Sprache bis ins Unsprechbare zersplittert, mit Doppelpunkten, Unterstrichen und Sternchen. Und in diesem Wirrwarr kommen die Frauen nun gar nicht mehr vor. Das war nicht beabsichtigt.

Redaktion: Fürchten Sie, dass die neue Generation Feministinnen die Begriffe neu definiert? Schliesslich feiern Linke das Kopftuch als Empowerment, während es für Sie das Gegenteil ist von allem, wofür der Feminismus steht.

Schwarzer: Es geht nicht um sprachliche Definitionen. Es geht um die Realität. Und die wird im Namen der Ideologie geleugnet. Es ist einfach lächerlich, das Kopftuch zum Empowerment umzudeuten.

Das Kopftuch ist eine patriarchale Tradition, nach der die Haare und der Körper der Frau «Sünde» sind und sie diese zu verhüllen haben, weil nur der eigene Mann sie sehen darf.

Der Körper seiner Frau ist sein Besitz. Nicht nur im Iran lassen die Frauen ihr Leben dafür, es abzuziehen. Das ist doch schlicht lachhaft und das Gegenteil von Emanzipation.

Kopftuch Frauen
Alice Schwarzer: «Das Kopftuch ist eine patriarchale Tradition.» (Symbolbild) - keystone

Redaktion: Seit 50 Jahren ertragen Sie Feindseligkeit. Früher skandierten Medien «Schwanz-ab-Schwarzer». Heute versuchen Linke, Ihre Auftritte mit Diffamierungen wie «transphob» und «islamophob» zu verhindern. Sind diese Angriffe anders und gefährlicher für die Debatte?

Schwarzer: Zwischen der Linken und linken Feministinnen einerseits und den autonomen Feministinnen andererseits hat es immer schon grosse Spannungen gegeben. Die Neue Frauenbewegung war schliesslich auch eine Reaktion auf den Sexismus der Linken.

Die predigten noch die Befreiung des letzten bolivianischen Bauern und liessen ihre Frauen für sie Kaffee kochen, Flugblätter tippen und die Beine breit machen.

Dass jüngere Feministinnen jetzt in das abgegriffene Horn tuten und den Feminismus erneut als Nebenwiderspruch deklarieren, rangierend hinter Rassismus, etcetera, das ist schlicht ein Rückfall.

Redaktion: Wo sehen Sie heute die grösste Gefahr für Frauenrechte?

Schwarzer: Aus meiner Sicht ist heute die Bedrohung von Demokratie und freier Meinungsäusserung durch die extreme Linke nicht geringer als durch die extreme Rechte. Die betonierte Selbstgerechtigkeit der Linken ist so erdrückend wie die dumpfe Wut der Rechten.

Engagierst du dich für Frauenrechte?

Und der Schulterschluss der Islamisten und Gauchisten, dieser Islamogauchismus, ist schon seit Jahrzehnten hoch alarmierend. Angefangen hat das 1979 mit der Machtübernahme von Khomeini und der klammheimlichen Freude von Foucault und Co.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal in der Mitte wiederfinden würde. Aber das ist das, was jetzt bestärkt werden muss: Die besonnene Mitte mit einem starken Sinn für soziale Gerechtigkeit.

Redaktion: Sie haben Frauen immer aufgefordert, ihre Stimme zu erheben. Haben Sie selbst schon gezögert, etwas auszusprechen – aus Angst vor den Folgen?

Schwarzer: Nein. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich bin ja auch eine der Wenigen, die noch wagt, den politischen Islam zu kritisieren. Nicht den Islam, Der ist Glaubenssache. Den Islamismus.

Davor warne ich seit 1979, seit meiner Reise in den Iran nach der Machtergreifung durch Khomeini. Ich halte diese Ideologie, die Frauen und alle Andersdenkenden total entrechtet, für eine neue Variante des Faschismus.

Zur Person:

Alice Schwarzer, geboren 1942 
in Wuppertal, prägt als Autorin 
und Aktivistin seit dem Aufbruch 
der Frauenbewegung Anfang der 1970er-Jahre den Diskurs des Feminismus im deutschsprachigen Raum. Sie hat Soziologie und Psychologie in Paris studiert und gründete 1977 die Zeitschrift «Emma», deren Verlegerin und Chefredaktorin sie heute noch ist.

Von den über 40 Büchern, die sie geschrieben respektive herausgegeben hat, wurden viele Bestseller wie «Der kleine Unterschied» (1975). In ihrem neusten Buch reflektiert die 83-Jährige über 99 Themen, die ihr Denken und Handeln prägten.

Redaktion: Sie haben gesellschaftliche Debatten über Jahrzehnte geprägt. Wo würden Sie sagen: Da habe ich mich geirrt?

Schwarzer: Da fällt mir nichts ein. Sagen Sie es mir.

Redaktion: Wenn Sie Ihrem Publikum nur ein einziges, das hundertste Wort mitgeben, welches wäre es?

Schwarzer: Frieden. Zwischen den Geschlechtern und Völkern.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.

Kommentare

User #1447 (nicht angemeldet)

Alice Schwarzer: Mit 83 noch immer streitbar, das ist absolut nichts neues, das ist die sogenannte Altersbosheit!

User #5018 (nicht angemeldet)

Hater würden sagen sie weiss nicht wie man ein Mikrofon hält. Hater würden sagen sie hat Schwarzgeldkonten in CH. Hater würden sagen ...

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