Krieg

Basel: Wie die Uni-Bibliothek ihre Schätze vor dem Krieg rettete

Universität Basel
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Die Universitätsbibliothek Basel brachte im Zweiten Weltkrieg Handschriften ins Kloster Engelberg und in einen Banksafe. Nun sind die Akten ausgewertet.

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Die Universität in Basel bildet mit dem Austauschprogramm Eucor einen grenzüberschreitenden Verbund von fünf französischen, deutschen und schweizerischen Universitäten in der Region am Oberrhein (Symbolbild) - Nau.ch / Werner Rolli

Als der Zweite Weltkrieg näher rückte, brachte die Universitätsbibliothek Basel (UB) wertvolle Bestände in Sicherheit und traf Vorkehrungen gegen Bomben und Spionage. Noah Regenass, Leiter Historische Sammlungen, hat die Archivquellen dazu ausgewertet und dabei auch Widersprüche im damaligen Bibliotheksbetrieb gefunden.

Herr Regenass, die UB feiert ihr 555-jähriges Bestehen. Weshalb haben Sie sich in diesem Zusammenhang ausgerechnet mit der UB im Zweiten Weltkrieg befasst?

Es ist ein spannendes Kapitel der Geschichte, das bisher noch wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Nicht nur in Basel, sondern auch an anderen Schweizer Universitätsbibliotheken. Wegen der Provenienzforschung, die auch in Bibliotheken an Bedeutung gewinnt, wird das Thema aber immer aktueller.

Die Schweiz blieb vom Krieg weitgehend verschont. Weshalb hatte er dennoch Konsequenzen für die Universitätsbibliothek?

Als Grenzstadt war Basel nahe an der Front zwischen Deutschland und Frankreich. Zweimal fielen Bomben auf die Stadt, in den Jahren 1940 und 1945. Die Bedrohungslage war also vorhanden.

Das erkannte auch der damalige Leiter der Universitätsbibliothek Karl Schwarber.

Dr. Noah Regenass, Leiter Historische Sammlungen der Universitätsbibliothek Basel

Weil Bibliotheken wichtige Kulturgüter enthalten, sind sie in Kriegen oft beliebte Angriffsziele. Deshalb traf er schon früh Vorkehrungen, um die Bestände der UB zu schützen.

Was hat Karl Schwarber konkret unternommen?

Bereits 1938 nach der Annexion des Sudetenlandes durch Nazideutschland fasste er mit Regierungsrat Fritz Hauser einen Krisenplan und organisierte Lagerräume für wertvolle Schriften. Für kostbare Drucke war der Safe der Basler Kantonalbank vorgesehen, die sich damals neben dem Hotel Dreikönig befand. Die Handschriften sollten im Kloster Engelberg gelagert werden.

Als 1939 der Krieg ausbrach, war alles vorbereitet und Schwarber konnte die Ausführung seines Krisenplans veranlassen. Diese Massnahmen waren auch vom Basler Regierungsrat genehmigt. In Verträgen mit der Basler Kantonalbank und dem Kloster Engelberg war die Aufbewahrung geregelt und einmal pro Jahr wurde das Inventar überprüft.

Für die Forschung wurden zum Teil auch einzelne Drucke und Handschriften für kurze Zeit an die UB zurückgeholt.

Welche Schriften wurden weggebracht?

Das lässt sich aufgrund von Inventarlisten nachvollziehen. Unter den Handschriften waren es vor allem Basliensia, also Werke und Dokumente mit einem besonderen Bezug zu Basel – unter anderem die Schriften von Thomas Platter, die Briefsammlungen der Humanisten sowie natürlich die Handschriften von Erasmus von Rotterdam. Ebenfalls evakuiert wurden Drucke und Handschriften in hebräischer Sprache, die sogenannten Hebraica, sowie der in Basel im Jahr 1542 gedruckte Koran.

Es war Schwarber klar, dass gerade die Hebraica zerstört oder beschlagnahmt würden, wenn sie den Nationalsozialisten in die Hände fielen. Ein Verlust drohte auch, wenn die UB von Bomben getroffen worden wäre. Nach dem Krieg kamen die Bestände im Jahr 1946 zurück nach Basel.

Welche Vorsichtsmassnahmen gab es noch?

Die Zettelkästen, also der damalige Katalog der UB-Bestände, wurde nach Kriegsausbruch im Bibliothekskeller aufbewahrt, um ihn vor einer möglichen Zerstörung durch Bomben zu schützen. Zudem versiegelte man das Kartenarchiv, damit sich Spione nicht über die Schweizer Topografie informieren konnten.

Der UB-Direktor scheint demnach ein gutes Gespür dafür gehabt zu haben, was vor sich geht.

Das stimmt. Er reagierte insgesamt sehr besonnen, strukturiert und mit Weitsicht. Das gilt nicht nur für den Schutz des Bestands, sondern auch für seine Mitarbeitenden.

Während des Kriegs herrschte an der UB Minimalbetrieb. Viele Angestellte mussten Aktivdienst leisten. Karl Schwarber versuchte, so viele wie möglich in Basel an der Bibliothek zu halten, mit der Begründung, die Universitätsbibliothek müsse für die Lehre und Forschung geöffnet bleiben.

Um das zu gewährleisten, rekrutierte Schwarber auch neue Mitarbeiter. Frauen wollte er in dieser Situation dennoch nicht als wissenschaftliche Bibliothekarinnen einstellen. Er sprach ihnen offenbar die nötigen Kompetenzen ab.

Das geht aus der Antwort an eine Bewerberin hervor: «Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob wir auch weibliche Aushilfskräfte heranziehen müssen. Vorläufig sehe ich dafür noch keine Notwendigkeit.» Dies schrieb er, obgleich die UB zehn Tage lang schliessen müsste, aufgrund von Personalmangel.

In der Kunstszene taucht immer wieder Raubgut auf. Hat auch die Universitätsbibliothek Basel von der Notlage mancher Menschen profitiert, um an besondere Bestände zu kommen?

Die Provenienzforschung ist bei Büchern sehr viel schwieriger als bei Kunstwerken, da es von einer Buchauflage viele Exemplare gibt. Ich habe im Archiv aber eine Kaufquittung für Bücher gefunden, die die UB einem Juden aus Frankfurt abgekauft hat.

Die genauen Umstände dieses Handels sind indes nicht dokumentiert. Es gab auch die Absicht, die Bestände eines Antiquariats zu kaufen, die wegen der Pogrome zum Verkauf standen. Man wusste also Bescheid, was in Deutschland vor sich ging und dass Bücher vernichtet wurden.

Kurzum: Die Umstände vieler Erwerbungen sind beim aktuellen Forschungsstand noch nicht ganz klar. Ich finde, dass man aus heutiger Sicht nicht vorschnell über Entscheidungen von damals urteilen sollte.

Welche ideologische Haltung vertrat die Universitätsbibliothek?

Die Universität Basel orientierte sich damals entsprechend der Regierung links und die UB konnte in diesem Fahrwasser mitschwimmen. Karl Schwarber zeigte keine Berührungsängste mit jüdischen Personen. In der Korrespondenz mit Bibliotheken im Deutschen Reich sind die Grussformeln «Heil Hitler!» oder «Deutscher Gruss» nicht zu finden, gebräuchlich ist «Mit kollegialem Gruss».

Die UB kaufte auch kommunistische Literatur, denn Forschung sollte auch jenseits von Ideologie funktionieren. Dass man eine möglichst neutrale Wissenschaft aufrechterhalten wollte, finde ich bemerkenswert.

Was hat Sie an Ihrer Recherche am meisten überrascht?

Das Bild ist bei Weitem noch nicht vollständig und ich habe noch viele Fragezeichen. Das hat auch damit zu tun, dass viele Schweizer Unibibliotheken dieses Kapitel noch nicht aufgearbeitet haben. Das geschieht hoffentlich in den nächsten Jahren.

Öffentlicher Themenabend mit Noah Regenass

Der Zweite Weltkrieg stellte die Universitätsbibliothek Basel vor grosse Herausforderungen. Der Themenabend zeigt anhand bislang unveröffentlichter Archivquellen, wie die UB auf die Gefahren des Krieges reagierte.

Mittwoch, 26. August, 18.00 bis 19.15 Uhr, Vortragssaal im 1. Stock der Universitätsbibliothek Basel, Schönbeinstrasse 18–20, Basel

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