Angetrieben von höheren Energiekosten hat sich der Anstieg der Verbraucherpreise weiter beschleunigt: Im November übersprang die Inflationsrate die Fünf-Prozent-Marke und erreichte damit den höchsten Stand seit fast drei Jahrzehnten.
Die Inflationsrate steigt seit Juli deutlich
Die Inflationsrate steigt seit Juli deutlich - AFP

Das Wichtigste in Kürze

  • Höchster Wert seit 29 Jahren - Energiepreise legen um 22 Prozent zu .

Hinweise darauf, dass die Inflation ausser Kontrolle geraten könnte, gibt es nach Angaben von EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel aber nicht.

Wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte, beträgt die Inflationsrate im November voraussichtlich 5,2 Prozent. Im Oktober dieses Jahres hatte die Teuerung bei 4,5 Prozent zum Vorjahresmonat gelegen und damit bereits den höchsten Stand seit August 1993 erreicht. Der November-Wert bedeutet nun den höchsten Stand seit Juni 1992, als die Inflationsrate 5,8 Prozent erreicht hatte, unter anderem durch die Verteuerung bei den Lebenshaltungskosten in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung.

Deutlich teurer als ein Jahr zuvor waren im November erneut die Energiepreise, was sich für Verbraucherinnen und Verbraucher zuletzt bereits verstärkt an der Tankstelle oder den Kosten fürs Heizen bemerkbar gemacht hatte. Binnen Jahresfrist legten die Preise für Haushaltsenergie und Kraftstoff nach Angaben der Statistiker um 22,1 Prozent zu. Im Oktober 2021 hatte das Plus bei den Energiepreisen im Vorjahresvergleich 18,6 Prozent betragen.

Allerdings: Die Vorjahresmonate als Vergleichszeitraum waren stark vom zeitweiligen Nachfrageeinbruch in der Corona-Krise geprägt. So war die Inflation im November 2020 im Vergleich zum November 2019 mit minus 0,3 Prozent sogar negativ; die Energiepreise sanken damals binnen Jahresfrist um 7,7 Prozent. Ein Grund für die damals niedrige Inflation war auch die zeitweilige Absenkung der Mehrwertsteuer bis Ende 2020.

Für die aktuelle Entwicklung hinzu kommt nach Angaben des Bundesamtes aber auch, dass Anfang 2021 der CO2-Preis eingeführt wurde und Energie verteuert hat. Ausserdem spielen «krisenbedingte Effekte» auf den vorgelagerten Wirtschaftsstufen eine Rolle. Denn angesichts von weltweiten Lieferengpässen hatte es zuletzt über verschiedene Wirtschaftszweige hinweg bei der Materialbeschaffung deutliche Preissteigerungen gegeben.

Wie das Bundesamt weiter ausführte, wurden den vorläufigen Berechnungen zufolge Nahrungsmittel im November um 4,5 Prozent teurer, Dienstleistungen, darunter die Wohnungsmiete, verteuerten sich im Vorjahresvergleich um 2,8 Prozent.

Mit 5,2 Prozent liegt die Inflation deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB), die zuletzt verstärkt unter Druck geraten war, eine Abkehr von ihrer lockeren Geldpolitik zu erwägen. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel bekräftigte aber am Montag im ZDF-«Morgenmagazin» die Einschätzung der Zentralbanker, dass die derzeit aussergewöhnlich hohe Inflation ein vorübergehendes Phänomen sei. «Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist und dass die Inflation im kommenden Jahr wieder allmählich zurückgehen wird», sagte sie.

Auch der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, Sebastian Dullien, erklärte, es bestünden «gute Chancen, dass wir mit dem aktuellen Anstieg den Höhepunkt der Inflation erreicht haben».

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) erklärte hingegen, dass die Pandemie einen «guten Nährboden für eine höhere Inflation geschaffen» habe. IfW-Konjunkturexperte Nils Jannsen verwies darauf, dass die privaten Haushalte rund 200 Milliarden Euro an zusätzlicher Ersparnis angehäuft hätten und sich gleichzeitig Produktionskosten erhöhten und das Angebot verknappe. Vor allem durch die Corona-Krise angeschlagene Unternehmen würden daher dazu tendieren, «höhere Kosten in stärkerem Umfang an ihre Kunden weiterzureichen».

Der Paritätische Gesamtverband mahnte, die realen Kaufkraftverluste für die Bezieherinnen und Bezieher von Grundsicherung abzufedern. Nötig sei ein «spürbarer Ausgleich». Beim Wohngeld brauche es zudem eine wirksame Energiekostenpauschale.

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