Klimawandel

Martin Jucker: Diese Auswirkungen hat Klimawandel auf Landwirtschaft

Martin Jucker
Martin Jucker

Wetzikon,

«Je schneller die Erderwärmung fortschreitet, desto schneller sind neue Lösungen gefragt», schreibt Martin Jucker in seiner Kolumne.

Martin Jucker Klimawandel
Martin Jucker von der bekannten «Jucker Farm» in Seegräben ZH. - zVg

Das Wichtigste in Kürze

  • Martin Jucker betreibt die bekannte «Jucker Farm» in Seegräben ZH.
  • Auf Nau.ch schreibt Jucker regelmässig Kolumnen.
  • Heute schreibt er über die Erderwärmung – und die Auswirkungen auf die Bauern.

Das Klima wandelt sich, das ist unbestritten. Es ist zumindest mit Daten so klar belegbar, dass es keine Verschwörungstheorie plausibel in Abrede stellen kann.

Es wird wärmer auf der Erde. In menschlichem Empfinden ist das ein langsamer Prozess. Für die Erde und das komplexe Zusammenspiel der Natur geschieht es hingegen enorm schnell.

Klimawandel
Auch die Gletscher im Wallis schmelzen wegen der Klimakrise und des heissen Wetters in hohem Tempo. - Keystone

Aktuelle Daten aus einer Studie von MeteoSchweiz und der ETH zeigen, dass die Erwärmung in der Schweiz dummerweise mehr als doppelt so hoch ist, wie im globalen Mittel.

Ein Grund dafür ist die geografische Lage. Seit der Industrialisierung beträgt die Erderwärmung im globalen Mittel 1,3 Grad Celsius. In der Schweiz sind es 2,9 Grad. Am schnellsten erwärmte sich das Klima bei uns seit den 1980er-Jahren.

Setzt du dich aktiv gegen den Klimawandel ein?

Wer jetzt daran schuld ist, lassen wir hier einmal weg. Und konzentrieren uns stattdessen auf die Auswirkungen auf die Schweizer Landwirtschaft.

Ich starte einmal den Versuch einer Erklärung anhand der Jahreszeiten:

Winter

Die Null-Grad-Grenze steigt. Für Schneehasser ist das ein Segen, für Skifahrer und Langläufer wie mich ein grosses Problem.

Aber Wintersport beiseite: Was passiert mit der Natur, wenn im Winter mehrheitlich kein Schnee mehr liegt? Auch wenn es kaum sichtbar ist und sehr langsam geschieht, so wachsen Pflanzen auch in den kalten Monaten weiter.

Was für uns Bauern und Bäuerinnen sehr wichtig ist, ist strenger Frost. Also Temperaturen von minus 10 Grad oder weniger.

Zumindest ein paarmal im Winter waren solche Temperaturen früher normal, heute leider die Ausnahme.

Viele in den letzten Jahren bei uns eingewanderte schädliche Insekten wie die Kirschessigfliege, die Mittelmeerfruchtfliege oder die marmorierte Baumwanze ertragen strengen Frost nicht.

verschneite Landschaft im Winter.
Die Winter werden immer milder. - Pixabay

Unsere immer milderen Winter überleben sie hingegen. Darum kämpft die Landwirtschaft mit immer mehr und immer neuen Schädlingen.

Ausserdem überwintern Vögel bei uns, die vorher in den Süden zogen. Sie haben zwar kaum Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Auf die Fischbestände in den Seen kann das aber sehr wohl einen Effekt haben.

Es ist momentan sehr kalt. Aber lassen Sie sich davon nicht täuschen: Eine solche Wetterlage hat noch vor zwanzig Jahren 5 bis 10 Grad kältere Temperaturen gebracht.

Frühling

Im Frühling treiben die Bäume und Sträucher durch das wärmere Klima früher aus. Das Gras wächst früher und damit verlängert sich die Vegetationszeit. Das mag gut klingen.

Das Problem ist aber, dass auch im Frühling weiterhin Kaltluftausbrüche aus dem Norden stattfinden. Historisch gesehen sind die Eisheiligen deren gefürchtete Vertreter.

Unsere Bäume treiben jetzt also früher und blühen früher. Die Kaltlufteinbrüche kommen aber immer noch bis in den Mai hinein.

Frühling
Frühling am Bodensee: Eine Amsel läuft im Uferpark durch eine Wiese voller Krokusse. - Felix Kästle/dpa

Je weiter die Vegetation fortgeschritten ist, desto anfälliger wird sie gegenüber Spätfrost. So bietet die Erwärmung auch keinen Nutzen für die einheimische Flora.

Darin liegt auch der Grund dafür, dass die Mittelmeervegetation nördlich der Alpen wenig Chancen hat, auch wenn es hier im Sommer bald so heiss ist, wie es früher in Mailand war.

Sommer

Intensivere Sommer sind auch für die Landwirtschaft intensiver – auf allen Ebenen. Die Trockenphasen werden länger. Die Regenmengen trotzdem grösser. Sie fallen aber als Starkregen und machen darum auch mehr Probleme.

Die Gewitter werden zudem heftiger. Und: Es gibt mehr Hagel- und Sturmschäden. Die Hitzewellen werden deutlich heisser.

Wer schon einmal bei über 35 Grad an der prallen Sonne einen Tag lang Erdbeeren gepflückt hat, weiss, was das bedeutet.

Wetter
Ein Sommer-Gewitter mit riesigem Blitz. - dpa

Auch die Pflanzen leiden unter der Hitze und den Wetterextremen. Sie werden geschwächt und sind so anfälliger für schädliche Insekten.

Herbst

Der Herbst startet dafür immer später. Im September sind Temperaturen bis 30 Grad keine Seltenheit mehr und das wiederum macht diversen Früchten Probleme, die diese Hitze nicht ertragen.

Der goldene Herbst ist aber trotzdem die Zeit, in der die Landwirtschaft aktuell noch am meisten positive Effekte bemerkt.

Starkregen-Ereignisse werden zwar in dieser Jahreszeit häufiger. Aber die herbstlichen Hitzewellen und Trockenperioden sind für Landwirte und Vieh recht angenehm.

Goldener Herbst
Goldener Herbst in Kloten. - Nau.ch / Miriam Danielsson

Die Feldarbeit kann oft besser erledigt werden und die verlängerte Vegetationsperiode gibt mehr Grasertrag oder lässt es zu, die Tiere länger weiden zu lassen.

Drei Jahreszeiten mit neuen Herausforderungen

Drei Jahreszeiten bergen also sehr viele neue Herausforderungen, während eine mehr positive Effekte hat.

Es wird darum mehr Schwankungen in den Erträgen geben. Der Aufwand für die Produktion steigt – und damit auch der wirtschaftliche Druck auf die Bäuerinnen und Bauern.

Eine pauschale schnell umsetzbare Lösung dafür gibt es nicht. Das Einzige, was hilft, ist sich anzupassen. Die Natur macht das von alleine.

Mitziehen – oder den Anschluss verlieren

Wir Bauern und Bäuerinnen müssen aber mitziehen, sonst verlieren wir den Anschluss. Je schneller die Erderwärmung fortschreitet, desto schneller sind neue Lösungen gefragt.

Und aktuell schreitet die Erwärmung sehr schnell voran.

Die regenerative Landwirtschaft bietet Lösungsansätze. Mit ihnen wird sich das Landwirtschaftsbild wandeln. Sie bedeuten Veränderungen auf den Höfen.

Zur Person

Martin Jucker ist gelernter Obstbauer und hat sich mit der «Jucker Farm» in Seegräben ZH über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht. Er steht für innovative, nachhaltige und unabhängige Landwirtschaft. 2014 wurde er zusammen mit seinem Bruder Beat, als bisher einziger Bauer, zum Schweizer Unternehmer des Jahres gewählt.

Das Festhalten an romantisierten Vorstellungen einer längst vergangenen Zeit wird keine Zukunft haben.

All jene Kreise, die mit ganzer Kraft am Erhalt des Alten arbeiten, müssen sich dringend mit der Realität der Landwirtschaft auseinandersetzen. Und sich die Frage stellen, ob mit dem Zementieren des Status quo noch eine lebenswerte Zukunft möglich ist.

Kommentare

User #3661 (nicht angemeldet)

Der "Klimawandel" formte vor Millionen Jahren grosse Teile der Schweiz.

User #3140 (nicht angemeldet)

Wenn wir Kakaubohnen anpflanzen können, wird Schokolade deutlich billiger.

Weiterlesen

jucker kolumne
55 Interaktionen
Martin Jucker
jucker kolumne
94 Interaktionen
Martin Jucker
Martin Jucker Kolumne
91 Interaktionen
Martin Jucker

MEHR KLIMAWANDEL

baum
97 Interaktionen
Zu wenig Wasser
feuer
105 Interaktionen
Studie
27 Interaktionen
Wegen Klimawandel
Trockenperiode Dürre
16 Interaktionen
Erwärmung

MEHR AUS OBERLAND

UHC Uster
Unihockey
Wangen-Brüttisellen
5 Interaktionen
Schwerzenbach ZH
Brian Keller
44 Interaktionen
Sicherheitsbedenken