Markus Ritter: Killen unsere Kühe das Klima?
«Wer das Klima schützen will, braucht wissenschaftsbasierte Lösungen statt Schuldzuweisungen», schreibt Markus Ritter in seiner Kolumne.

Das Wichtigste in Kürze
- Markus Ritter ist gewählter Präsident des Schweizer Bauernverbandes.
- Auf Nau.ch schreibt der Mitte-Nationalrat regelmässig Kolumnen.
- Die Kuh sei weder Heilige noch Klimakillerin, schreibt Ritter.
Die Schweiz schwitzt in der Hitze, während ich diese Kolumne schreibe. Seit Tagen klettert das Thermometer auf deutlich über 30 Grad.
Wir Landwirtinnen und Landwirte sorgen uns um die Kulturen und Wiesen, die nach Wasser ächzen. Die Älplerinnen und Älpler sehen ihre Quellen versiegen. Das Klima und seine Wandlungen kommen in den Fokus. Wer ist schuld, was kann man tun?
Und so landet man gerne bei der Kuh.
Ihre natürlichen Methanemissionen beim Wiederkäuen werden als Beweis dafür angeführt, dass Rinderhaltung grundsätzlich klimaschädlich ist. Doch die Fakten zeichnen ein differenzierteres Bild.
Methan baut sich ab
Ja, Kühe produzieren Methan. Dieses entsteht bei der Verdauung von Gras und anderem Raufutter im Pansen.
Methan ist ein starkes Treibhausgas. Deshalb müssen wir seine Emissionen ernst nehmen.
Gleichzeitig unterscheidet es sich grundlegend von fossilem CO₂. Während Kohlendioxid aus Öl, Gas oder Kohle über Jahrhunderte in der Atmosphäre verbleibt, baut sich Methan innerhalb von rund zwölf Jahren wieder ab.
Methan aus der Landwirtschaft ist damit Teil eines natürlichen Kohlenstoffkreislaufs. Pflanzen nehmen CO₂ auf, Kühe verwerten das Gras, dabei entsteht Methan, das sich nach rund zwölf Jahren wieder abbaut und erneut von Pflanzen gebundenes CO₂ wird. Deshalb greift der Begriff «Klimakillerin» zu kurz.

Unverzichtbar für die Ernährung
Er blendet zudem aus, welche Leistungen Wiederkäuer für unser Ernährungssystem erbringen.
Rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz bestehen aus Wiesen und Weiden, die sich nicht für den Ackerbau eignen. Kühe machen dieses Gras für den Menschen überhaupt erst nutzbar und produzieren daraus hochwertige Lebensmittel wie Milch und Fleisch. Gleichzeitig pflegen sie unsere Kulturlandschaft und tragen zu funktionierenden Nährstoffkreisläufen bei.
Verantwortung statt Stillstand
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Landwirtschaft nichts unternehmen muss.
Im Gegenteil: Die Schweizer Landwirtinnen und Landwirte arbeiten seit Jahren daran, die Methanemissionen weiter zu senken.
Neue Fütterungsstrategien, innovative Futterzusätze, Zuchtfortschritte sowie Verbesserungen bei der Hofdüngerbewirtschaftung und der Nutzung von Biogasanlagen reduzieren die Emissionen. Der Schweizer Bauernverband unterstützt diese Entwicklung.
Lösungen statt Schuldzuweisungen
Die Wissenschaft diskutiert heute darüber, wie die Klimawirkung von Methan korrekt bewertet werden soll. Die bisher international gebräuchliche Berechnungsmethode behandelt kurzlebiges Methan ähnlich wie langlebiges CO₂.
Neue Ansätze berücksichtigen dagegen die unterschiedliche Lebensdauer der Gase und liefern ein differenzierteres Bild der tatsächlichen Erwärmungswirkung.
Wer das Klima schützen will, braucht deshalb wissenschaftsbasierte Lösungen statt Schuldzuweisungen.
Die Schweizer Landwirtschaft übernimmt Verantwortung und reduziert ihre Emissionen kontinuierlich.
Die Kuh ist deshalb weder Heilige noch Klimakillerin. Sie ist ein unverzichtbarer Teil unseres Ernährungssystems – und mit Innovationen kann sie auch Teil der Klimaschutzlösung sein.

Zum Autor:
Markus Ritter (58) ist Nationalrat (Die Mitte) und gewählter Präsident des Schweizer Bauernverbandes.












