Daniel Koch: So traurig ist es im Tierheim in der Ukraine

Daniel Koch
Daniel Koch

Bern,

Die Russen hinterlassen in der Ukraine nicht nur getötete Zivilisten, sondern auch Tausende verwaiste Hunde. Daniel Koch war in Tierheimen unterwegs.

Besuch im Tierheim: Daniel Koch und Marta in der Ukraine.
Besuch im Tierheim: Daniel Koch und Marta in der Ukraine. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 BAG-Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten.
  • Auf Nau.ch schreibt Koch regelmässig Kolumnen, diesmal über Tiere im Krieg in der Ukraine.

Die «Ingeborg Brudermann Stiftung» führt ein Projekt unter dem Titel «Tiere im Krieg». Sie unterstützt Tierheime in der Ukraine.

Wenn man in die Augen der verängstigten und geschundenen Tiere dieser Heime schaut, dann wird klar: Hilfe für diese unschuldigen Kreaturen bedeutet etwas Mitgefühl und Empathie.

Unzählige Tiere leiden im Krieg

Der Mensch, der sich allzu gern als die Krone der Schöpfung sieht, hat seit jeher die anderen Lebewesen dieses Planeten durch sein unsinniges und aggressives Kriegsverhalten in Mitleidenschaft gezogen.

Obwohl Kriege nicht mehr mit der Hilfe von Tausenden von Pferden, Kriegs-Elefanten und Kampfhunden geführt werden, leiden immer noch unzählige Tiere unter dem Gemetzel, das Kriegsherren veranstalten.

Tierheim Ukraine
Ein Blick ins Tierheim in der Ukraine. - zvg

Wenn alle Regeln gebrochen werden und sich die Mächtigsten dieser Welt an keine Grenzen und Abkommen mehr halten, dann nützen auch die besten Tierschutzgesetze den Tieren nicht mehr viel.

Übrig bleibt dann nur noch die direkte Hilfe für die direktbetroffenen Tiere, motiviert durch Mitleid und Mitgefühl.

Aufopfernder Einsatz der Tierschützer

Meinen Besuch Anfangs März dieses Jahres in zwei Tierheimen in der Ukraine habe ich als Privileg erlebt. Der aufopfernde Einsatz der Tierschützer in den Tierheimen «Domivka» und «Sirius Fedorivka» hat mich zutiefst beeindruckt.

Die junge Veterinärstudentin Marta zeigte mir die kleine Auffangstation am Rande eines grossen Parks mitten in Lwiw.

Ursprünglich war es eine Auffangstation für gefundene und verletzte Wildtiere. Aber wegen des Krieg kamen immer mehr Hunde, Katzen, Nutz- und Zootiere aus den Frontgebieten hinzu.

Schafe und Esel
Verpflegung für Schafe und Esel. - zvg

Marta erzählte, in sehr gutem Englisch, von ihren abenteuerlichen Reisen mit der Tierrettungsequipe. Sie haben Dutzende zurückgelassener oder verwaister Tiere aus den durch Bomben zerstörten Ortschaften an der Kriegsfront evakuiert. Natürlich immer mit Hilfe und in Absprache mit dem Militär.

Gnadenhof wird gebaut

Mittlerweile hat es in der kleinen Auffangstation in Lwiw nicht mehr genügend Platz, vor allem nicht für die grösseren Huftiere. Deshalb baut die Organisation 20 Kilometer ausserhalb der Stadt einen grossen Gnadenhof, auf dem sich bereits zahlreiche exotische Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde und Esel befinden.

Der Besuch dort, an diesem sonnigen Märztag, war geprägt durch die Überreste des extrem strengen und kalten Winters. Wochenlang herrschten eisige Temperaturen, bis zu minus 30 Grad im Osten des Landes.

Auf dem grossen Landwirtschaftsareal war der Boden noch grösstenteils gefroren, teilweise bildeten sich unter der Frühlingssonne grosse Schlammlöcher.

Daran störten sich die zutraulichen Esel aber nicht und sie holten sich bei den Besuchern eine Streicheleinheit ab. Auch sie waren aus den umkämpften Gebieten im Osten gerettet und hierher evakuiert worden.

Daniel Koch mit einem Esel.
Daniel Koch mit einem zutraulichen Esel. - zvg

Viele traurigere Geschichten erfuhr ich im Tierheim «Sirius Fedorivka», welches ich einige Tage später 50 Kilometer im Norden von Kyi v besuchen durfte.

Hier sind über 3000 Hunde in grossen Zwingern und etwa 200 Katzen in einem Katzenhaus untergebracht.

Die Katzen im Katzenhaus
Ein trauriger Anblick: Die Katzen in ihrem Katzenhaus. - zvg

Futter ins Tierheim geschmuggelt

Alexandra Mezinova hat das Heim vor 25 Jahren aus reiner Tierliebe gegründet und mit lokaler Unterstützung betrieben. Im Februar 2022 beim Überfall der Ukraine durch russische Truppen wurde auch die Gegend von Fedorivka besetzt.

Mit Zivilcourage, dem Mut der Verzweiflung und der Disziplin ihrer Handvoll Mitarbeiter konnte Alexandra das Hundeheim und die Tiere retten.

Es gelang ihr, trotz der Isolation (alle Mobiltelefone waren durch die Soldaten zerstört worden) etwas Futter ins Heim zu schmuggeln.

Als die Russen nach einem Monat abzogen, hinterliessen sie tausende getöteter Zivilisten und eine zerstörte Gegend. Hunderte von verwaisten und zurückgelassenen Hunden wurden eingesammelt und ins Heim gebracht.

Hunde im Tierheim.
Hunde im Tierheim. - zvg

Zahl der Hunde wuchs auf über 3000

Es mussten dringend neue Zwingeranlagen erstellt werden. Die «Ingeborg Brudermann Stiftung» half unbürokratisch bei der Finanzierung. Und sie sichert seither auch einen Teil der Futtermittelbeschaffung und der Tierarztkosten.

Die Zahl der untergebrachten Hunde wuchs auf über 3000 an. «Ich mache mir grosse Sorgen um die Zukunft», erzählte mir Alexandra bei unserem Rundgang durch die gesamte, riesengrosse Anlage. «Immer noch bringt uns das Militär neue verwaiste Hunde aus den Kriegsgebieten. Ich kann ja nicht einfach die armen Tiere ablehnen.»

Hast du schon für die Ukraine gespendet?

Leider würden aber nur wenige Tiere adoptiert, viele Menschen in der Ukraine hätten einfach zu wenig Geld, um sich noch ein Haustier zu leisten. «Obwohl uns viele Freiwillige und auch lokale Sponsoren aktiv unterstützen, sind wir auf die internationalen Spenden angewiesen und wir sind dafür sehr dankbar.»

Alexandra kennt viele der herzzerreissenden Schicksale der Hunde, die sich an den Gittern ihre kleinen Streicheleinheiten abholen. Da ist der junge, zutrauliche Schäferhund, den ein junger Mann in Obhut brachte, als er sich freiwillig zum Militärdienst meldete.

«Wir haben den Mann seither nie mehr gesehen. Ich glaube, er ist gefallen», meint Alexandra mit trauriger Stimme.

Koch mit einem Schäferhund.
Koch mit einem Schäferhund. - zvg

Ganz besonders ans Herz gewachsen sind ihr die grossen «Owtscharkas-Hunde», eine Herdenschutzrasse, die in der Ukraine weit verbreitet ist.

Hundeheime kein idealer Platz

Nur das Ende des Krieges wird es vielleicht ermöglichen, dass einige dieser Hunde zurück in ein besseres Leben, in ein Dorf oder auf einen Hof vermittelt werden können.

In einem kriegsgebeutelten Land ist es besonders offensichtlich, dass Hundeheime nicht der ideale Platz für Vierbeiner, welche wir so gerne als den besten Freund des Menschen bezeichnen, sind.

Auch wenn es ihnen weder an Futter, noch an der tiermedizinischen Betreuung fehlt, ist zu hoffen, dass möglichst viele wieder in ein besseres Zuhause finden.

In der Zwischenzeit ist die Unterstützung für all jene, die für das Wohl dieser Tiere sorgen, ein Zeichen der Solidarität mit Opfern des Krieges, zu denen auch unschuldige Tiere gehören.

Zum Autor

Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Er ist der Öffentlichkeit als «Mister Corona» bekannt und schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. Koch lebt im Kanton Bern. Mehr zur «Ingeborg Brudermann Stiftung» gibts unter ukraine-tiere-im-krieg.ch.

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Kommentare

User #4197 (nicht angemeldet)

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