«Genug vom Polit-Filz – jetzt kommen die Parteilosen!»
Der Aufstieg der Parteilosen sei kein Betriebsunfall der Demokratie. «Er ist eine Reaktion auf den Polit-Filz», schreibt Thomas Renggli in seiner Kolumne.

Das Wichtigste in Kürze
- Thomas Renggli ist freier Journalist, Buchautor und Lokal-Politiker.
- Auf Nau.ch schreibt Renggli regelmässig Kolumnen.
«Politik ist die Kunst, Probleme zu lösen, die man ohne Politik gar nicht hätte.» Der frühere US-Präsident Ronald Reagan brachte es auf den Punkt.
National wird polarisiert, skandalisiert, taktiert – und oft wirkt Politik wie ein Zirkel, der sich selber absichert, Posten verteilt und Seilschaften pflegt. Anstatt Lösungen für die Bevölkerung zu liefern.
Kein Wunder, dass viele Wählerinnen und Wähler genug haben vom Polit-Filz. Doch dort, wo Politik am direktesten wirkt, verläuft die Entwicklung anders: In den Gemeinden.
Gemeindepolitik ist die Königsklasse
Für mich ist die Gemeindepolitik die Champions League der Demokratie. Entscheidungen sind konkret, Rückmeldungen unmittelbar. Der Austausch ehrlich.
Man begegnet sich an der Bushaltestelle, in der Dorfbeiz oder beim Einkaufen. Und nicht im Hinterzimmer oder in der Wandelhalle.
Wer hier politisiert, kann sich nicht hinter Parteilabels oder taktischen Manövern verstecken. Es zählen gesunder Menschenverstand, Dialog mit den Wählern – und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Parteilose übernehmen Verantwortung
Dass immer mehr Parteilose Verantwortung übernehmen, passt zu diesem Bedürfnis nach Sachpolitik.
Das Gemeindemonitoring der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften von Januar 2025 zeigt: 48 Prozent aller Gemeinderäte in der Schweiz gehören keiner Partei an. 1988 waren es erst 13 Prozent.
Je kleiner die Gemeinde, desto stärker dieser Trend. Doch auch Städte ziehen nach.
Exekutivmitglieder mit wenig aktiven Mitgliedern
Ein oft übersehener Faktor: In vielen Gemeinden sind Parteien numerisch schwach verankert. Sie stellen Exekutivmitglieder, verfügen lokal aber über kaum aktive Mitglieder.
Parteistrukturen existieren teils nur noch gemeindeübergreifend. Verantwortung übernehmen viele längst nicht mehr wegen einer Partei – sondern trotz ihr.
Sitze bleiben formal parteipolitisch besetzt, obwohl die gesellschaftliche Basis dafür immer schmaler wird. Für viele wirkt das weder zeitgemäss noch repräsentativ.
Dass Skepsis gegen Parteien kein neues Phänomen ist, zeigt Alexis de Tocqueville, französischer Historiker des 19. Jahrhunderts: «Parteien sind notwendig, aber gefährlich.»
Gemeint war ihre Tendenz, sich zu verselbständigen. Parteien entdecken Talente, strukturieren Debatten und übernehmen Kontrollfunktionen.
Doch sie verlieren Glaubwürdigkeit, wo sie sich als Selbstzweck verstehen. Und nicht dem Gemeinwohl verpflichtet sind.

Politische Unabhängigkeit kann Vertrauen schaffen. Im Zürcher Regierungsrat gehört Mario Fehr, einst SP-Mitglied, heute zu den populärsten Exponenten. Gerade weil er keinem Partei-Korsett verpflichtet ist.
Kein Betriebsunfall der Demokratie
Ich kandidiere am 8. März in meinem Heimatort Maur ZH als Parteiloser für den Gemeinderat. Nicht aus Ablehnung gegenüber Parteien, sondern aus Überzeugung, dass Gemeindepolitik dort am besten funktioniert, wo Sachfragen wichtiger sind als Absender. Und wo Entscheide erklärt werden müssen, nicht vorausgesetzt.

Der Aufstieg der Parteilosen ist kein Betriebsunfall der Demokratie. Er ist eine Reaktion auf den Polit-Filz und Selbstbeschäftigung.
Zum Autor
Thomas Renggli aus der Zürcher Vorortsgemeinde Maur ist freier Journalist und Buchautor. Zwischen Mai 2023 und April 2024 war er Chefredaktor der Lokalzeitung Maurmer Post. Heute verantwortet er die unabhängige Maurmer Zeitung. Über die Vorfälle vor seiner Haustüre hat er das Buch «Tod im Sponstürli» verfasst. Renggli kandidiert am 8. März 2026 als Parteiloser für den Gemeinderat Maur.
Wer dieses Signal ignoriert, riskiert mehr als verlorene Sitze. Er riskiert Vertrauensverlust. Und genau das kann sich eine direkte Demokratie auf Dauer nicht leisten.








