Daniel Koch: «Hoffe, dass sich die Schweiz zu Europa bekennt»
Es seien Putin und Xi Jinping, welche eine neue Weltordnung forderten. «Und Donald Trump inszeniert dies mit dem Recht des Stärkeren», schreibt Daniel Koch.

Das Wichtigste in Kürze
- Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 BAG-Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten.
- Auf Nau.ch schreibt Koch regelmässig Kolumnen, diesmal über die weltweiten Konflikte.
- Er hoffe, dass sich die Schweiz zu Europa bekenne, schreibt Koch.
«Vielleicht könnten sich die Mächtigen dieser Welt auch einmal am Weihnachtsmann orientieren. Und mit etwas mehr Frieden Angst und Schmerzenstränen in Millionen von Kinderaugen vermeiden.» So lautete der Schluss in meiner Nau.ch-Dezemberkolumne.
Eigentlich müsste es der Vorsatz für jedes neue Jahr und für den ganzen Planeten Erde sein. Aber: Gerade dieses Jahr 2026 hat mit unglaublich viel Leid und Schrecken begonnen.
Die Brandkatastrophe in Crans-Montana hat die Schweiz und ganz Europa geschockt. Für viel zu viele Jugendliche und deren Familien begann der Jahresbeginn mit Schmerzen, die auch die Zeit nur lindern und nicht heilen kann.
Vom Leid profitieren einige wenige Mächtige
Aber auch die Menschen in bewaffneten Konflikten weltweit, sei es im Sudan, in Palästina, der Ukraine oder den anderen Kriegsgebieten, kommen aus dem täglichen Leiden nicht heraus.
Vom Leid von Millionen von Menschen und Kindern profitieren einige wenige Mächtige dieser Welt.
Das, obschon jeder Dreijährige wissen sollte, dass man sich nicht einfach alles nehmen kann, was man haben will. Und dass man kleinere Geschwister nicht attackiert. Dieses Verhalten ist aber auf der grossen Politbühne gerade zur gängigen Umgangsform geworden.
Viele freuen sich darüber und applaudieren. Dabei lehrt uns die Geschichte, dass Extremismus immer zu unglaublichem Schrecken und Leid geführt hat. Sei es von links oder von rechts.
Es gibt aber auch viele, die sich trauen, zu protestieren – und auf die Strasse zu gehen.
Ich habe grossen Respekt vor denen, die sich, sei es in den USA, im Iran oder auch in Grönland, gegen die Machtpolitik einzelner weniger stellen. Viele riskieren dabei ihre Freiheit. Oder sogar ihr Leben!
Putin: Mehr Zynismus geht nicht
«Wir hören einen Monolog von jenen, die sich auf das Recht der Stärke berufen. Und es für legitim halten, ihren Willen durchzusetzen, andere zu belehren und Anweisungen zu erteilen», sagte Putin in seiner Rede zum Jahreswechsel 2026.
Mehr Zynismus geht kaum. Denn: Putin überzog gleichzeitig die Ukraine mit Fliegergleitbomben, Raketen und Tausenden von Drohnen.

Ab an die hoffnungslose Kriegsfront
Es seien Angriffe auf die Infrastruktur, heisst es im modernen Kriegsjournalismus. Im Klartext sind es Angriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung, die immer mehr Tote und Verletzte beklagt.
Millionen von Menschen in der ganzen Ukraine müssen in ständiger Angst leben. Sie frieren ohne Strom in eisiger Kälte. Auch schickt Putin Hunderttausende von jungen, russischen Soldaten an eine hoffnungslose Kriegsfront. Die meisten von ihnen in den sicheren Tod.
Es sind die russischen und chinesischen Präsidenten, welche eine neue Weltordnung forderten. Und es ist der amerikanische Präsident, Der dies mit dem Recht des Stärkeren inszeniert.
Die ganze Welt schaut jetzt auf Trump. Viele hoffen, dass er in Venezuela und im Iran totalitäre Diktaturen stürzt und durch Demokratien ersetzt.
Viele haben auch gehofft, dass Donald Trump den Ukraine-Krieg beendet. Das ist leider nicht geschehen.
In Venezuela ist die Zukunft weiterhin sehr unklar. Auch wenn der amerikanische Präsident die geforderte Medaille der venezolanischen Friedensnobelpreisträgerin als Geschenk erhalten hat.
Es benötigt bessere Institutionen
Im Iran wird die USA kaum das Regime stürzen können. Das müssen die Iraner wohl selbst tun. Wenn es überhaupt möglich ist, einen solch brutalen Macht-Apparat zu Fall zu bringen.
Die aktuelle Regierung der USA ignoriert häufig selbst das internationale Völkerrecht. Und schwächt damit bewusst die nach dem Zweiten Weltkrieg gebildeten UN-Organisationen.
Dabei bräuchte die Welt nicht weniger, sondern bessere Institutionen. Damit die Regeln im Zusammenleben der Staaten eingehalten werden. Und nicht das Recht des Stärkeren zählt.

Auch in den USA selbst wird mit harter Hand regiert. Und die rechtsstaatliche Gewaltentrennung, sowie die föderalistische Kompetenzverteilung, häufig ignoriert.
So bleibt für 2026 wohl nur die Hoffnung, dass überall, wo gewählt wird, demokratisch und rechtsstaatlich orientierte Parteien gewinnen.
Und in den USA bleibt zu hoffen, dass nach den Halbzeitwahlen ein kompetenter Kongress einen entfesselten Präsidenten kontrollieren kann.
Wie soll das friedliche Europa reagieren?
In echten Demokratien, so wie in der Schweiz, werden Politiker von den Wahlberechtigten gewählt. Da kann jeder Einzelne, der an der Urne eine Stimme abgibt, durchaus Einfluss nehmen.
Politiker und Parteien zu wählen, welche wirklich die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verteidigen, ist der einzige Weg für eine gerechtere und bessere Welt.
Eine bessere Zukunft führt sicher nicht über Nostalgie und Machtpoker, so wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Die damaligen Grossmächte zelebrierten eine absolute Vormachtstellung im Welthandel. Und erweiterten ihre Kolonialreiche in Afrika und Asien. Weltweit herrschten Sklaverei, Leibeigenschaft, Krieg und Unterdrückung.

Schweiz soll sich zu Europa bekennen
Auch die Schweiz wurde durch Ungerechtigkeit, Armut und den Sonderbundskrieg geprägt.
Europa ist jetzt herausgefordert, zusammenzustehen. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine werte- und regelbasierte Weltordnung müssen verteidigt werden.
Ich hoffe, dass sich die Schweiz zu Europa bekennt. Und nicht kurzfristige Profitgewinne in den Vordergrund stellt.
Zum Autor
Daniel Koch war zwischen 2008 und 2020 Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Er ist der Öffentlichkeit als «Mister Corona» bekannt und schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. Koch lebt im Kanton Bern.








