«Ungeimpfte sind Idioten!», rief ein Mann wartenden Menschen vor einem Testcenter zu. Dieses Vorgehen ist himmelschreiend, findet unser Halleluja-Kolumnist.
Sam Urech
Sam Urech besucht die Freikirche FEG Wetzikon. - Fotograf: Sebastian Heeb

Das Wichtigste in Kürze

  • Sam Urech aus dem Zürcher Oberland ist Halleluja-Kolumnist auf Nau.ch.
  • Den Autor erreichen Sie via SamUrech.ch oder auf Social Media.

Innerorts fahre ich höchstens 40km/h und ausserorts selten schneller als 65 km/h. In Tempo-30-Zonen ist mir oft schon 20km/h zu stürmisch.

Unzählige Automobilisten hinter mir haben sich schon über mich aufgeregt. Nachvollziehbar! Ich schränke ihre Freiheit ein, am Tempolimit zu fahren, da sich nicht immer eine Überholmöglichkeit bietet.

Oft fahren Menschen nahe auf, zwinkern mit ihren Scheinwerfern oder hupen. Einerseits können sie so ihren Frust abbauen – andererseits hoffen sie vielleicht, dass ich dadurch schneller würde.

Umsicht am Steuer

Das Gegenteil ist aber der Fall. Ich bin genervt ob ihrer (teilweise) heftigen Reaktion, fühle mich unverstanden, bedrängt und drücke ganz sicher nicht stärker aufs Gas.

Zwei Dinge wissen die Menschen, die hinter mir fluchen, nicht. Dass vor zwanzig Jahren ein Auto im Gubrist-Tunnel ungebremst in unser Auto krachte und meine Einstellung zum Strassenverkehr veränderte.

Und dass ein Kind in meinem nahen Umfeld von einem Lieferwagen tödlich verletzt wurde und dies endgültig dafür sorgte, dass ich das Steuerrad ganz bewusst als geladene Waffe betrachte.

Zu mehr Gas drängen?

Sollten Sie heute an meinem Heck kleben und ausgebremst werden, könnten Sie sich mal fragen: Was für eine Gesellschaft wollen Sie? Eine Gesellschaft, in der Sie mich dazu drängen sollen, aufs Gas zu drücken?

Am Tempolimit zu fahren, ist für Sie doch kein Problem, also darf es das für mich auch nicht sein, oder? Mit meinen Problemen schädige ich Ihrer Freiheit – also bin ich ein Depp, richtig?

Wer sich eine solch forsche Gesellschaft wünscht, wird hoffentlich nie in die Situation kommen, selbst mal mit etwas ein Problem zu haben, was die Mehrheit nicht verstehen kann.

Aus wichtigen Gründen

Nicht alle Impfgegner sind faul oder egoistisch. Es gibt viele Menschen in unserem Land, die wegen tiefgehenden Erlebnissen, beängstigenden Berichten oder sonst aus für sie wichtigen Gründen keine Impfung wollen.

Ob ich das berechtigt finde oder nicht, ist irrelevant. Völlig egal, ob der Impfverweigerer Nati-Captain ist – jeder Mensch darf für sich selbst entscheiden, ob er diese Spritzen will.

Xhaka
Der ungeimpfte Granit Xhaka ist an Covid erkrankt. - keystone

Was die Zürcher Gesundheitsdirektorin, die ich normalerweise top finde, im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» von sich gab, ist meines Erachtens kontraproduktiv.

Aussage verschärft die Fronten

Sie fordert Ungeimpfte auf, «echte Eigenverantwortung» zu übernehmen und eine Patientenverfügung auszufüllen, dass im Fall einer Corona-Erkrankung auf eine Spital- und Intensivbehandlung verzichtet würde.

Sam ist nicht einverstanden mit den Aussagen von Natalie Rickli. - keystone

Warum geht das zu weit? Weil dies indirekt aussagt, dass Ungeimpfte keinen Anspruch auf Rettungsmassnahmen hätten.

Wann hat in der Schweiz jemand keinen Anspruch auf Rettung? Selbst einem Amokläufer würde geholfen, wenn er sich bei seinem Attentat verletzte.

Was also bewirkt diese Aussage? Es verschärft die Fronten. Und diese Fronten rund um die Covid-Impfung ziehen sich ohnehin schon viel zu heftig durch Familien und Freundschaften.

Respekt als oberstes Ziel

Fronten sorgen nicht für Respekt, Einsicht oder Solidarität. Sie sorgen für Spaltung, Ausgrenzung, Hass. Irgendwann haben wir die Pandemie besiegt – diese Gräben bleiben aber.

Oberstes Ziel einer Gesellschaft sollte meines Erachtens sein, respektvoll mit Menschen umzugehen, die andere Ansichten haben. Selbst wenn ihre Ansichten die eigene Freiheit beschneiden.

Was denken Sie zu Sams Gedanken?

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Zum Autor:

Sam Urech ist 37-jährig, verheiratet und Vater von zwei Buben. Mit seiner Familie besucht er die Freikirche FEG Wetzikon. Sam ist selbständiger Kommunikationsberater und in Ausbildung zum Seelsorger.

Er liebt seine Familie, Gimmelwald, Schwarzmönch Black Ale, den EHC Wetzikon, Preston North End und vor allem Jesus Christus. Sam schreibt wöchentlich auf Nau.ch über seine unverschämt altmodischen Ansichten. Wenn Sie hier klicken, finden Sie alle seine Halleluja-Kolumnen.

Fragen oder Anregungen? Sie erreichen Sam via samurech.ch

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