Wallis

    «Zermatt wird seinen Charakter verlieren»: Hotelier schlägt Alarm

    Bettina Zanni
    Bettina Zanni

    Oberwallis,

    Hotelier Heinz Julen klagt über fremde Investoren, die sich in Zermatt VS breitmachten. Mit der Lösung, die er vorschlägt, trifft er auf Skepsis.

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    Heinz Julen spricht über die Entwicklung von Zermatt und die vielen Baustellen. - Instagram / @linapeakzermatt

    Das Wichtigste in Kürze

    • «In Zermatt stehen momentan über 30 Baukräne», kritisiert Heinz Julen.
    • Er sieht seinen Wolkenkratzer als Lösungsmodell gegen die hohe Bautätigkeit.
    • «Verdichtetes Bauen ist per se nicht negativ», sagt ein Tourismusfachmann.

    Der Zermatter Hotelier, Architekt und Künstler Heinz Julen will beim verdichteten Bauen hoch hinaus. Sein Projekt «Lina Peak» sieht einen 260 Meter hohen Wolkenkratzer ausserhalb des Dorfzentrums von Zermatt VS vor.

    Damit will der Architekt und Künstler nicht nur der Wohnungsnot im Dorf begegnen.

    Die Situation im Bergdorf bereitet Julen Sorgen. Auf Instagram schlägt er kürzlich Alarm.

    «Alte Hotels und Häuser werden niedergerissen»

    «In Zermatt stehen momentan über 30 Baukräne», sagt er in einem Video-Post. Offensichtlich könne Zermatt das Wachstum dieses Ortes nicht stoppen. «Die einzige Lösung, die ich erkenne, ist, dass wir dieses Wachstum ausserhalb Zermatts fortsetzen.»

    Das Bauland in Zermatt sei beschränkt, sagt Julen. «Deshalb werden alte Hotels und Häuser niedergerissen und durch Neubauten ersetzt.»

    Wird in Zermatt zu viel gebaut?

    Er bedauert, dass sich dort zu 90 Prozent fremden Firmen und Investoren sowie internationale Hotelketten breitmachten. «Bis heute war Zermatt noch grösstenteils in den Händen von Zermattern und von traditionsreichen Familienhotelbetrieben.» Viele von ihnen würfen leider den Bettel hin und verkauften für teures Geld an fremde Gesellschaften. «Zermatt wird seinen Charakter verlieren», warnt er.

    Den Wolkenkratzer sieht Julen als Möglichkeit, einen Konkurrenzmarkt zu schaffen, der die Bautätigkeit wirtschaftlich uninteressant macht.

    Über 100 neue Wohnungen

    User in den Kommentaren teilen Heinz Julens Sorgen. «Es wird alles zugepflastert werden, überall den Berg hinauf gibt’s noch Bauzonen … Massentourismus ohne Ende», schreibt ein User.

    Eine Userin schreibt: «Zermatt wird mit der Zeit nur noch fremde Investoren haben und alles ist verbaut.» Sie lobt Heinz Julens «Proberitt» und wünscht ihm viel Glück.

    Tatsächlich ist die Bautätigkeit in Zermatt hoch. 2024 registriert der Bund 103 neu erstellte Wohnungen. Die Daten erfassen Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser, Wohngebäude mit Nebennutzung sowie Gebäude mit teilweiser Wohnnutzung.

    2023 gab es 45, in den Jahren zuvor im Schnitt rund 35 neue Wohnungen.

    Alltagsleben sei wichtig

    Betonwüsten verjagen insbesondere Touristinnen und Touristen. «Gäste sind natürlich vom einmaligen Matterhorn fasziniert», sagt Florian Eggli zu Nau.ch. Er ist Fachmann Tourismus am Institut für Tourismus und Mobilität der Hochschule Luzern.

    Zermatt trumpfe aber auch mit seiner ganzjährigen Erlebnisangeboten, einer top-modernen Infrastruktur, attraktiven Bergsportmöglichkeiten und exklusiven Hotellerie- und Gastronomieangeboten.

    Neben den baulichen Aspekten erachtet er die einheimische Bevölkerung als zentralen Faktor. «Ohne Alltagsleben fehlt einer Destination das Ursprüngliche und Authentische.»

    «Ursprünglichen Charakter bewahren»

    Florian Eggli geht davon aus, dass sich Investitionen in Immobilien in Zermatt weiterhin positiv entwickeln und somit Wertsteigerung erfahren. Die Bautätigkeit widerspiegle die grundsätzlich hohe Nachfrage an alpinem Wohnraum.

    Zermatt sei mit seiner ganzjährigen Attraktivität besonders geeignet für eine Ferienresidenz oder auch für einen Erstwohnsitz.

    Zermatt
    Florian Eggli ist Fachmann Tourismus am Institut für Tourismus und Mobilität der Hochschule Luzern. - hslu.ch

    Verdichtetes Bauen beurteilt der Tourismusfachmann per se nicht negativ. So könne effizient mit dem knappen Boden umgegangen werden. «Es gilt jedoch den ursprünglichen Charakter der historischen Orte zu bewahren und das baukulturelle Erbe zu respektieren.» Dies schliesse aber ein verdichtetes Bauen nicht grundsätzlich aus.

    Ob eine intensivere Bautätigkeit ausserhalb des Zentrums zur Entlastung des Dorfes führt, ist für Eggli fraglich. «Auch diese Personen werden wohl die Zentrumsfunktionen nutzen und somit die Kerndestination als Tagestouristen besuchen.»

    Entlastung könne es für Einheimische und touristische Arbeitskräfte geben, die auf günstigen Wohnraum in erreichbarem Umfeld angewiesen seien. «Aber ob diese Zweiteilung für die Entwicklung des Dorfes langfristig förderlich ist, ist für mich eine andere Frage.»

    Gemeindepräsidentin: «Ausdruck der hohen Attraktivität»

    Die Zermatter Gemeindepräsidentin Romy Biner-Hauser schliesst sich Heinz Julens Warnung nicht an.

    «Die Entwicklung der Bautätigkeit in Zermatt ist Ausdruck der hohen Attraktivität und grossen Nachfrage des Standorts», sagt sie.

    Zermatt
    Romy Biner-Hauser ist Gemeindepräsidentin von Zermatt. - keystone

    Investitionen in Wohnraum, Hotels und touristische Infrastruktur leisten laut Biner-Hauser grundsätzlich einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Destination. Sie macht auf die Voraussetzungen aufmerksam. «Wer in Zermatt baut – und das gilt schweizweit –, muss die raumplanerischen Voraussetzungen erfüllen.»

    Auch müssten die kantonalen sowie kommunalen Gesetze und Reglemente eingehalten werden.

    Viele Einheimische bauten

    Zermatt sieht Romy Biner-Hauser nicht als Hotspot für fremde Firmen und Investoren. «Viele der aktuellen Bautätigkeiten und Investitionen werden von Einheimischen getätigt», sagt die Präsidentin.

    Dies, um Erstwohnungen zu schaffen oder das touristische Angebot qualitativ zu verbessern. «Damit steigern sie die Qualität für die Einwohner und Gäste und somit die Attraktivität von Zermatt insgesamt.»

    Entscheidend ist aus ihrer Sicht, dass sich die Entwicklung an einer langfristigen Strategie orientiert. «Und die Balance zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, Lebensqualität und dem Erhalt des Dorfcharakters gewahrt bleibt.»

    Die Zukunft Zermatts werde nicht allein über die Anzahl neuer Gebäude entschieden. «Sondern darüber, wie wir Wachstum qualitativ gestalten.»

    Attraktiv bleibt Zermatt laut Biner-Hauser dann langfristig, wenn es gelingt, Tradition und Weiterentwicklung miteinander zu verbinden. Dazu gehörten ein sorgfältiger Umgang mit dem Ortsbild, qualitativ hochwertige Architektur und der Schutz der gewachsenen Identität.

    «Sowie attraktive Lebensbedingungen für die lokale Bevölkerung.» Ein lebendiges Dorf mit Einheimischen, Vereinen, Familien und einer funktionierenden Infrastruktur sei letztlich auch für Gäste attraktiv.

    «Ein ‹Lina Peak› zerstört auch das schöne Zermatt»

    Manche User verdächtigen Heinz Julen, aus Eigennutz Alarm zu schlagen.

    «Also ein ‹Lina Peak› zerstört auch das schöne Zermatt. Das passt doch überhaupt nicht in ein Bergdorf», schreibt eine Userin in den Kommentaren zum Video. «Ihnen geht es doch auch nur ums Geld!», behauptet sie.

    Ein User antwortet: «Der höchste Wolkenkratzer der Schweiz in Zermatt: Ich denke, Sie sorgen sich eher darum, sich selbst ein Denkmal zu setzen.» Es gehe ihm nicht wirklich um die Integrität des Dorfes oder die die Erhaltung des Landschaftsbildes, behauptet er.

    Kommentare

    User #2595 (nicht angemeldet)

    Wir müssen überall in der Schweiz viel mehr in die Höhe statt in die Breite bauen.

    User #1225 (nicht angemeldet)

    Julen ist der Dorfkönig und klar passt es ihm nicht, dass ihm böse Auswärtige Projekte wegschnappen. schliesslich sind wir im Wallis und da wird untereinander gemauschelt. das Geld nimmt man aber gerne

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