Wegen Kosten: Tierhalter schieben Behandlungen immer häufiger auf
So manche Tierhalter warten aus Geldnot länger mit dem Praxisbesuch. Das kann Krankheiten verschlimmern – und die Behandlung am Ende noch verteuern.

Das Wichtigste in Kürze
- Viele Tierhalter zögern Arztbesuche wegen hoher Behandlungskosten hinaus.
- Dadurch kommen Tiere oft kränker in die Praxis und Therapien werden teurer.
- Praxen berichten von mehr Ratenanfragen und steigenden Zahlungsausfällen.
- Moderne Tiermedizin rettet mehr Tiere, verursacht aber deutlich höhere Kosten.
Wer ein krankes Haustier hat, steht mitunter vor einer schwierigen Frage: Was, wenn die Behandlung das eigene Budget sprengt?
Genau diese Sorge beeinflusst bei manchen Tierhaltern den Entscheid, ob und wann sie eine Praxis aufsuchen.
Petar Polajnar, leitender Tierarzt am Vetcenter St. Gallen, beobachtet dies vor allem bei der einkommensschwächeren Klientel.
«Wird häufiger zugewartet»
Diese Kundinnen und Kunden suchten zunächst im Internet, in Foren oder mit Hausmitteln nach günstigeren Lösungen. «Aus Kostengründen wird heute häufiger zugewartet», sagt er zu Nau.ch.
Manche Tiere kämen dadurch erst mit fortgeschrittenen Erkrankungen in die Praxis. «Das verschlechtert die Prognose und macht die Behandlung im Endeffekt sogar teurer», warnt Polajnar.
Besonders häufig verschoben oder abgelehnt würden kostspielige Operationen mit unsicherer Prognose sowie aufwendige Diagnostik wie CT- oder MRT-Untersuchungen.
Letztere werden Polajnar zufolge oft zurückgestellt, weil sie bereits viel Geld kosten, ohne unmittelbar etwas zu «heilen». Viele Halter hofften stattdessen auf eine konservative Behandlung.
Auch empfohlene Zahnsanierungen werden laut mehreren befragten Praxen immer wieder aus Kostengründen auf die lange Bank geschoben.
Praxen bleiben auf Rechnungen sitzen
Sehr deutlich zeigt sich der finanzielle Druck laut Polajnar im Notdienst seiner Praxis. Dort hätten Anfragen nach Ratenzahlungen oder Aussagen wie «das kann ich jetzt nicht zahlen» um 30 bis 40 Prozent zugenommen.
Inzwischen bietet die Praxis keine Ratenzahlungen mehr an. Der Grund sei sehr ernüchternd, sagt Polajnar: «Von den Kunden, die eine Ratenzahlung beantragt haben, haben etwa 80 Prozent ihre Zahlungsverpflichtung nicht eingehalten.»
Auch die Zahlungsausfälle hätten zugenommen. Im Vetcenter müssten pro Jahr rund 35'000 bis 50'000 Franken abgeschrieben werden. Polajnar schätzt, dass der Betrag gegenüber vor drei Jahren um etwa 20 bis 30 Prozent gestiegen ist.

Ähnliches berichtet die Tierklinik Aarau West. Dort hat der Anteil unbezahlter Rechnungen laut Geschäftsführer Roman Meier in den vergangenen drei Jahren um rund 30 Prozent zugenommen.
Deutlich gewachsen sei zudem der Anteil der Rechnungen, die mithilfe gemeinnütziger Stiftungen finanziert werden.
Auch das Tiermedizinische Zentrum Bornblick in Olten erhält viele Anfragen, die Sofortzahlung zu umgehen, etwa in Form von Ratenzahlungen. «Diese werden nicht selten nicht bezahlt und wir bleiben auf den Kosten sitzen», sagt Inhaberin Anna Vetter.
Regionale Unterschiede bleiben gross
Ein schweizweit einheitliches Bild ergibt sich allerdings nicht.
Die Tierklinik Aarau West beispielsweise beobachtet nicht, dass Halter häufiger mit einem Besuch zuwarten oder darauf verzichten.
Geschäftsführer Meier vermutet, dass dies mit der Kundschaft zusammenhängt: Viele suchten die Klinik bewusst auf, weil sie eine hochstehende medizinische Behandlung wollten.
Auch Peter Müller, Tierarzt am Tiermedizentrum Lyssbach in Lyss BE, kann einen solchen Trend nicht bestätigen.
Er weist aber darauf hin, dass dies regional unterschiedlich sein könne: In seinem Einzugsgebiet lebten wohl weniger Menschen am Existenzminimum als etwa in Biel.
Medizinischer Fortschritt treibt Kosten
Dass manche Praxen zunehmend auf offenen Rechnungen sitzen bleiben, hängt auch mit den teilweise sehr hohen Behandlungskosten zusammen.
Vaudoise, zu der die Tierversicherer Animalia und Epona gehören, schätzt, dass die Tierarztkosten für Hunde und Katzen jährlich um fünf bis zehn Prozent steigen.
Dabei sei festzustellen, dass die kostspieligsten Behandlungen «Rekordhöhen» erreichen, sagt Sprecher Patrick Matthey: «Es ist nicht mehr ungewöhnlich, dass Rechnungen für bestimmte Operationen oder Krankheiten über 10'000 Franken betragen.»

Ein Grund dafür ist der medizinische Fortschritt. CT, MRI, komplexe Operationen und moderne Krebstherapien gehören heute zum Angebot spezialisierter Kliniken.
Auch Meier betont diesen Punkt. Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten hätten sich stark entwickelt. «Heute können Tiere behandelt und gerettet werden, die vor einigen Jahren noch eingeschläfert worden wären», sagt er.
Der dafür nötige technische und personelle Aufwand generiere jedoch höhere Kosten.
Nachfrage nach Tierversicherungen wächst
Der Kostendruck schlägt sich auch bei den Versicherungen nieder.
Animalia und Epona verzeichnen laut Vaudoise eine wachsende Nachfrage nach Tierkrankenversicherungen. Die Zahl der Neukundinnen und Neukunden steige weiter.
Dabei spielten die möglichen Behandlungskosten eine wichtige Rolle. «Wir beobachten ein zunehmendes Bewusstsein für die finanziellen Auswirkungen, die bestimmte Behandlungen haben können», sagt Matthey.
Das Interesse wächst laut Vaudoise weiter, obwohl sich die Zahl neu angeschaffter Haustiere nach dem Corona-Boom stabilisiert hat.
Viele Tierhalter unterschätzten jedoch weiterhin die möglichen Kosten oder schieben den Versicherungsentscheid hinaus, solange ihr Tier gesund ist.
Auch mehrere der befragten Tierärzte raten deshalb zu einer Versicherung oder finanziellen Rücklagen für das Haustier.
Denn wenn ein Tier ernsthaft erkrankt, können medizinische Möglichkeiten und finanzieller Spielraum weit auseinanderliegen.













