Hausarzt: «... dann muss ich Praxis um 3 Uhr schliessen»
Ab 2027 soll für ärztliche Leistungen eine Obergrenze bei Taxpunkten gelten. Der Kreuzlinger Hausarzt Stephan Fleig warnt vor Folgen für Patienten und Praxen.

Was geschieht, wenn im Wartezimmer noch Menschen sitzen, der Arzt medizinisch weiterarbeiten könnte, die Tarifabrechnung aber an ihre Grenze kommt? Für den Kreuzlinger Hausarzt Dr. med. Stephan Fleig ist das keine theoretische Nebensache, sondern eine Frage der medizinischen Versorgung.
Im Zentrum seiner Kritik steht eine geplante Höchstgrenze innerhalb des neuen Tarifsystems TARDOC. Der Vorschlag sieht vor, dass eine Ärztin oder ein Arzt im Monatsdurchschnitt höchstens 1577 Taxpunkte pro Arbeitstag für die persönliche ärztliche Leistung abrechnen darf.
«Wenn ich effizient arbeite, müsste ich künftig theoretisch am Nachmittag um drei Uhr die Praxis schliessen», sagt Fleig. «Nicht, weil keine Patientinnen und Patienten mehr da wären, sondern weil ich keine weiteren Taxpunkte mehr abrechnen dürfte.»
Fleig ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und praktiziert seit Jahrzehnten in Kreuzlingen. Seit 1989 führt er dort eine Hausarztpraxis, heute gemeinsam mit Dr. med. Stefan Wanke im Ärztezentrum Stadtmitte.
Das Ziel ist nachvollziehbar
Niemand soll an einem Tag mehr ärztliche Arbeit verrechnen können, als zeitlich überhaupt möglich wäre. Die Grenze soll auffällige Abrechnungen sichtbar machen und damit die Krankenkassen und letztlich die Prämienzahlenden schützen.

Die Idee wurde letztes Jahr vom National- und Ständerat beschlossen und wird von Vertretern von Patientenverbänden unterstützt. Die FMH ist der Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte und stellte sich anfangs gegen die geplanten Obergrenze.
Heute arbeitet sie an der Umsetzung mit. Ohne einen gemeinsamen Vorschlag der Ärzte, Spitäler und Versicherer hätte der Bundesrat die Regeln alleine festgelegt.
Für Fleig ändert diese Berechnungsweise wenig an der grundsätzlichen Sorge. Arbeite eine Praxis an einzelnen Tagen besonders intensiv, müsse dies im restlichen Monat ausgeglichen werden.
Gerade gut organisierte Praxen, die viele Menschen in kurzer Zeit versorgen, könnten dadurch unter Druck geraten. «Wer effizient arbeitet, darf deswegen nicht bestraft werden», sagt Fleig.
Die Medizin lasse sich nicht gleichmässig auf einzelne Tage verteilen. An einem ruhigen Vormittag seien vielleicht nur geplante Kontrollen nötig.
An einem anderen Tag kämen mehrere akute Erkrankungen, Verletzungen oder komplexe Fälle gleichzeitig hinzu. Die Grenze funktioniert nicht wie ein Zähler, der an jedem Nachmittag bei 1577 Punkten stoppt.
Entscheidend ist der Durchschnitt über einen ganzen Kalendermonat.
Tage sind unberechenbar
Stephan Fleig erzählt von seinen Arbeitstagen: An einem Morgen kommen vor allem geplante Kontrollen. An einem anderen stehen plötzlich mehrere Menschen mit Fieber, Schmerzen oder Verletzungen vor der Tür.
«Wenn die Grenze erreicht ist, fehlt der Spielraum für zusätzliche Patienten», sagt Fleig. «Am Ende trifft es nicht den Tarif, sondern den Menschen, der noch am selben Tag ärztliche Hilfe braucht.»

Es gebe auch Patienten, welche mit verschiedenen Beschwerden den Arzt konsultieren. «Theoretisch müsste ich künftig den Patienten nach Hause schicken und ihm einen neuen Termin geben, wenn die Zeit abgelaufen ist», sagt Fleig und schüttelt den Kopf.
Arbeitstag geht am Abend weiter
Während Fleig durch das Tarifprogramm klickt, liegen auf seinem Schreibtisch bereits die nächsten Aufgaben. Krankenkassen verlangen teils ausführliche Begründungen.
Warum braucht eine Patientin nochmals Physiotherapie? Weshalb ist ein bestimmtes Medikament nötig? Warum soll die Kasse eine teure Behandlung wie eine Abnehmspritze übernehmen?
Hinzu kommen Berichte für die Invalidenversicherung und Rückfragen zu bereits eingereichten Unterlagen. «Im normalen Praxisalltag ist das nicht machbar», sagt Fleig.
«Diese Berichte schreibe ich meistens am Wochenende.» Oft müsse er dafür zuerst die ganze Krankengeschichte nochmals durchgehen und seitenlange Begründungen verfassen.
Die Praxis sei dann längst geschlossen, die Arbeit aber noch nicht beendet. Solche Berichte werden bei der geplanten Obergrenze zwar nicht mitgezählt.
Für Fleig bleibt der Widerspruch trotzdem bestehen: Auf der einen Seite werde die abrechenbare ärztliche Arbeit begrenzt, auf der anderen Seite nehme die verlangte Bürokratie ständig zu.
«Die Leute, die solche Modelle entwickeln, sind nicht in der Praxis zu Hause», sagt er. «Sie wissen nicht, was es bedeutet, wenn morgens plötzlich mehrere akute Patientinnen oder Patienten vor der Tür stehen.»
Noch ist die Grenze nicht definitiv
Die gesetzliche Grundlage für eine Obergrenze steht bereits. Ob die vorgeschlagenen 1577 Taxpunkte und die konkrete Berechnung ab 2027 gelten, entscheidet der Bundesrat.
Seitens der FMH heisst es auf Anfrage, dass zuerst aktuelle Abrechnungsdaten ausgewertet werden müssten. Besonders betroffene Praxen und Fachrichtungen sollen erkannt und Lösungen gefunden werden.
Die Versorgung dürfe durch die Grenze nicht verschlechtert werden. Damit stehen sich zwei verständliche Anliegen gegenüber: Die Krankenkassen sollen keine zeitlich unmöglichen Leistungen bezahlen müssen.
Gleichzeitig dürfen Ärztinnen und Ärzte nicht daran gehindert werden, Menschen zu behandeln, die ihre Hilfe benötigen. Fast 50 Berufsjahre liegen hinter Dr. Fleig, angefangen von den Karteikarten bis hin zum digitalen Tarifprogramm.
Sein Massstab ist derselbe geblieben. «Ein Tarif muss der Medizin dienen», sagt er. «Die Medizin darf nicht dem Tarif dienen.»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.








