Wachstumsdrinks sollen Kinder grösser machen – Ärzte warnen
Sirupe, Pulver und Drinks in Schweizer Apotheken versprechen Wachstum & Entwicklung. Doch Kinderärzte warnen vor falschen Erwartungen, Zucker und hohen Kosten.

Das Wichtigste in Kürze
- Viele «Wachstumsprodukte» für Kinder wecken laut Fachleuten falsche Erwartungen.
- Begriffe wie «Wachstum» und «Entwicklung» seien oft vor allem Marketing.
- Kritik gibt es auch wegen Zucker, Dosierung und kindgerechter Süsswaren-Optik.
Sie heissen «Wachstum Plus», «Wachstum & Entwicklung» oder «Wachstumsmilch»: In Schweizer Apotheken und Online-Shops finden sich zahlreiche Produkte, die Wachstum, Entwicklung oder eine bessere Nährstoffversorgung von Kindern versprechen.
Die Sirupe, Pulver, Trinknahrungen und Vitaminpräparate sprechen eine Sorge an, die viele Eltern kennen: Isst mein Kind genug? Wächst es richtig? Fehlt ihm etwas?
In den USA ist das Thema nun vor Gericht gelandet. Der Pharmakonzern Abbott muss sich wegen Werbeaussagen zu seiner «PediaSure Grow & Gain»-Linie verteidigen.
Der Vorwurf: Eltern könnten den Eindruck erhalten haben, die Nahrungsergänzung helfe Kindern, grösser zu werden. Abbott weist die Vorwürfe zurück.
«Keine überzeugenden Daten» für Wachstum
Höchste Zeit also für einen Check: Was bringen solche Wachstumsprodukte tatsächlich?
Das Urteil der Ernährungskommission von Pädiatrie Schweiz fällt deutlich aus: «Für Werbeaussagen gibt es keine überzeugenden Daten, dass gesunde Kinder und Jugendliche durch diese Produkte grösser werden oder schneller wachsen.»
Denn: Bei gesunden Kindern, die sich ausgewogen ernähren, sei die spätere Körpergrösse im Wesentlichen genetisch festgelegt.
Begriffe wie «Wachstum» oder «Entwicklung» seien deshalb «überwiegend marketinggetrieben», sagt Kinderarzt Carsten Posovszky, der im Namen der Kommission spricht.
Sie bezögen sich meist nur indirekt auf enthaltene Nährstoffe. Nicht aber auf eine nachgewiesene Wachstumsbeschleunigung oder bessere geistige Entwicklung.
«Insofern können solche Begriffe durchaus falsche Erwartungen wecken», sagt Posovszky. Zudem seien diese Produkte gerade hierzulande «erheblich teurer als normale Lebensmittel» oder eine gezielte Nahrungsergänzung mit Eisen oder Vitamin D.
Zwei Beispiele: Eine Flasche «Phyto Kids Sirup Wachstum Plus» (150ml) kostet bei Amavita 25.95 Franken. Für «Pedia Sure Crescita e Sviluppo» (850g Pulver) muss man bei Redcare 38.60 Franken hinblättern.
Zucker, Kalorien und falsche Sicherheit
Das Risiko schwerer Schäden ist laut Pädiatrie Schweiz zwar gering. Ganz harmlos seien die Produkte aber nicht.
Viele enthalten reichlich Zucker. Das könne Kinder an Süsses gewöhnen, die Kalorienzufuhr erhöhen (Übergewicht), das Kariesrisiko steigern und langfristig ungünstige Essgewohnheiten fördern.
Hinzu kommt: Wer regelmässig süsse Drinks oder Sirupe konsumiert, isst unter Umständen weniger normale Lebensmittel wie Früchte oder Gemüse.
Auch Vitamine und Mineralstoffe sind nicht automatisch unproblematisch. Werden über längere Zeit mehrere Präparate gleichzeitig eingenommen oder sind die Produkte für das Alter zu hoch dosiert, könne dies «zu unerwünschten Effekten führen», warnt Posovszky.
Konsumentenschutz kritisiert Aufmachung
Der Konsumentenschutz kommt zu einem ähnlichen Schluss. Zusammen mit der Berner Fachhochschule untersuchte er 2024 zwanzig Nahrungsergänzungsmittel für Kinder im Schweizer Detailhandel.
Das Ergebnis: Bei drei Viertel der getesteten Produkte wurden die empfohlenen Referenzwerte für Kinder bei mindestens einem Vitamin überschritten. Bei rund einem Viertel waren Angaben zur Dosierung oder Altersgruppe unpräzise.

Kritisch sieht der Konsumentenschutz auch die Aufmachung. Viele Produkte seien bunt, süss und klar auf Kinder ausgerichtet. Einige erinnerten an Süssigkeiten wie Gummibonbons oder Schokolade.
Josianne Walpen, Leiterin Ernährung, fordert daher gegenüber Nau.ch:
«Die Bewerbung muss besser reguliert werden, insbesondere in Bezug auf die Wirkung und die Aufmachung. Nahrungsergänzungsmittel sollen nicht wie Süssigkeiten daherkommen und zu übermässigem Konsum verleiten.»
Aus Sicht des Konsumentenschutzes fehlen zudem gesetzlich festgelegte Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe speziell für Kinder.
Was ist erlaubt?
Doch wo endet zulässige Werbung – und wo beginnt Irreführung?
Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV stellt klar: Gesundheitsbezogene Aussagen – auch zum Wachstum – sind erlaubt, wenn sie in der Lebensmittelverordnung aufgeführt oder vom BLV bewilligt sind.
Für den Begriff «Wachstum» gebe es solche zulässigen Angaben, etwa im Zusammenhang mit Calcium oder Protein.

Die Hersteller müssen solche Aussagen laut BLV aber begründen können: Sie müssen sich auf anerkannte wissenschaftliche Nachweise stützen, und der beworbene Nährstoff muss im Produkt in ausreichender Menge enthalten sein.
Heisst also: Ein Wachstumsbezug kann legal sein. Das bedeutet aber nicht, dass ein Produkt gesunde Kinder grösser macht.
Das BLV betont denn auch: «Für gesunde Personen mit einer abwechslungsreichen und ausgewogenen Ernährung sind Nahrungsergänzungsmittel in der Regel nicht notwendig.»
Kontrollen von Nahrungsergänzungsmitteln deckten Mängel auf
Einzelne Produkte werden vor dem Verkauf nicht behördlich geprüft. Zuerst sind Hersteller, Importeure und Onlineshops selbst verantwortlich. Kontrolliert wird stichprobenartig durch die Kantone.
Dass es dabei Probleme gibt, zeigte laut BLV eine landesweite Kontrollkampagne der Kantonschemiker im Jahr 2024.
Bei fast allen geprüften Nahrungsergänzungsmitteln – nicht speziell Kinderprodukten – seien nicht zulässige gesundheitsbezogene Angaben festgestellt worden. Auch in vielen Onlineshops fehlten vorgeschriebene Informationen.
Apotheken sehen wachsende Nachfrage
Trotz der Kritik werden solche Produkte breit verkauft – auch in bekannten Schweizer Apothekenketten.
Galenica, zu der Amavita, Sun Store und Coop Vitality gehören, nennt auf Anfrage zwar keine Verkaufszahlen einzelner Produkte oder Kategorien.
Einen Trend bestätigt Sprecher Adrian Kay aber: «Generell stellen wir fest, dass die Nachfrage nach Nahrungsergänzungsmitteln insgesamt zunimmt.» Dazu gehörten auch Produkte für Kinder und Jugendliche, etwa im Bereich Konzentration oder Schlaf.

Galenica betont, man orientiere sich am gesetzlichen Rahmen und an den Bedürfnissen der Kundschaft. Als Wiederverkäuferin veröffentliche man Produktbeschriebe, die von Lieferanten oder Produzenten formuliert würden.
Redcare liess eine Anfrage von Nau.ch unbeantwortet.
In manchen Fällen kann's helfen
Was nicht unerwähnt bleiben darf: Supplemente für Kinder können durchaus sinnvoll sein – wenn sie gezielt angewendet werden. Etwa bei niedrigem Eisenstatus, zu wenig Vitamin D, veganer Ernährung oder echter Mangelernährung.
Ob ein Kind solche Produkte braucht, sollte aber fachlich abgeklärt werden. Pädiatrie Schweiz hält dazu fest: «Die Ernährungstherapie gehört jedoch in die Hände von qualifizierten Ärzten und Ernährungsfachkräften.»












