Therapeutin: Mit diesen Problemen kommen Polyamore zu mir
Offene Beziehungsformen werden beliebter. Doch auch, wer der Monogamie den Rücken kehrt, ist vor Paar-Zoff nicht gefeiht. Zu welchen Konflikten es oft kommt.

Das Wichtigste in Kürze
- Alternative Beziehungsformen gewinnen an Beliebtheit.
- Beispiele sind offene Beziehungen, mehrere Beziehungen gleichzeitig, also Polyamorie.
- Eine Expertin erzählt, was in solchen Beziehungen oft zu Konflikten führt.
Den Ehemann als Hauptpartner, den Tennis-Lehrer als Sex-Bekanntschaft nebenbei und eine Dating-App auf dem Handy. Eine Dreiecksbeziehung mit dem langjährigen Freund und dem Nachbarn. Oder auch: Eine Wohngemeinschaft mit zwei Geliebten und deren Zweitfreund.
Alternativen zur klassischen monogamen Beziehung (Sex und Liebe ausserhalb der Beziehung sind hier tabu) werden beliebter. Doch egal ob polyamor, offen, geschlossen, zwischen zwei Menschen oder sechs: In allen Beziehungen kommt es zu Konflikten.
Eine Therapeutin gewährt Einblick – und erzählt, mit welchen Anliegen und Problemen nicht-monogame Paare zu ihr kommen.
Darüber zoffen sich Paare in offenen Beziehungen oft
Paartherapeutin Ursina Donatsch* ist spezialisiert auf alternative Beziehungsformen. In ihrer Praxis in Zürich berät sie darum neben monogamen Paaren oft Menschen in den unterschiedlichsten Liebeskonstellationen.
Dabei stellt sie fest: Nicht-monogame Paare haben häufig andere Probleme als monogame.

Konkret: «Menschen in monogamen Beziehungen wünschen sich oft mehr Freiheit», sagt Donatsch. Das kennen Paare in offenen Beziehungen kaum. «Schliesslich hat man hier automatisch viel mehr Freiheiten», erklärt die Expertin.
«Dafür ist in offenen Beziehungen das Bedürfnis nach Sicherheit oft grösser. Sie ist in monogamen Beziehungen eher gegeben.»
Er will tiefe Gespräche, sie Sex mit anderen
Ein Beispiel: «Ich erinnere mich an ein Paar, das seit der Beziehungs-Öffnung grosse Schwierigkeiten hatte», erzählt Donatsch. Also habe sie nachgefragt, was die jeweiligen Motive der beiden für die Öffnung gewesen seien.
«Der Mann erzählte, er habe sich mehr Menschen im Leben gewünscht, mit denen er tiefe Gespräche führen kann. Die Frau berichtete, sie habe andere sexuelle Praktiken mit anderen Menschen ausprobieren wollen.»
Die Gründe, warum beide eine offene Beziehung wollten, waren also komplett unterschiedlich. «Darin lag das Problem: Sie hatten diese Erwartungen nicht ausgesprochen.»
Die Folge waren Eifersucht und tiefe Verletzungen. «Sie fragte sich, ob sie ihm zu wenig emotionale Nähe gibt. Und er sich, ob er ihr sexuell zu wenig bieten kann.»
«Konsens ist wichtig»
Darum sei es wichtig, sich genau zu überlegen, warum man über eine Beziehungs-Öffnung nachdenkt. Und das dann auch zu kommunizieren.
Donatsch betont: «Konsens ist wichtig. Und nur, wer weiss, worauf er sich einlässt, kann einer Beziehungs-Öffnung wirklich zustimmen.»
Eifersucht sei nicht schlimm und gebe es auch in monogamen Partnerschaften. «Man muss sich aber bewusst sein: In einer offenen Beziehung ist man viel mehr mit Vergleichen und dem eigenen Selbstwert konfrontiert.»
Beziehung zu sechst und mehr: «Habe oft solche Paare in Praxis»
Stichwort Eifersucht: Das kann natürlich auch bei Paaren ein Thema sein, die in grösseren Konstellationen miteinander verbandelt sind.
Beim sogenannten Polykül befinden sich alle Personen einer Gruppe in romantischen Beziehungen, die sie verbinden. Es müssen aber nicht alle untereinander eine Beziehung pflegen.
Ein Beispiel: «Person A ist mit Person B und C, aber Person C nicht mit Person B zusammen. Das können grosse Gruppen sein mit fünf, sechs involvierten Personen oder mehr», erklärt Donatsch.
Ein Polykül kann hierarchisch sein oder nicht. Das bedeutet, eine Person kann einen Hauptpartner haben und die restlichen Beziehungen unterordnen. Oder aber alle Beziehungen als gleichwertig ansehen.

Solche Konstellationen sind zwar ein Randphänomen, doch für die auf alternative Beziehungsformen spezialisierte Therapeutin sind sie Alltag.
«Ich habe oft solche Paare in der Praxis. Die erste Frage ist hier natürlich, welche Partner aus der Gruppe bei der Beratung dabei sind.»
Reicht die Zeit für zwei Freundinnen?
Ein Konfliktherd ist in solchen Beziehungen der Zeitaspekt, wie Ursina Donatsch sagt. «Viele kennen das vielleicht schon aus ihrer Beziehung mit einer Person: Im Alltag fehlt neben der Arbeit, Hobbys und Familie manchmal die Zeit für Beziehungspflege.»
Dafür müsse man sich bewusst Zeit nehmen – «das ist natürlich schwieriger, wenn man zwei oder mehr Beziehungen hat».

Hinzu kommt: «Sind drei, vier oder noch mehr Personen miteinander verbandelt, braucht es viel Kommunikation. Gerade, wenn alle Beziehungen gleichwertig sein sollen.»
So müsse alles, das diskutiert wird, auch an alle anderen weitergeleitet werden.
Auch mit der Geldfrage sind diese Paare anders konfrontiert. «Reicht das Geld nur für eine Liebes-Reise, kann sich ein anderer Partner natürlich unfair behandelt fühlen.»
Wen darf das Kind alles Mami nennen?
Ein weiterer verbreiteter Konflikt in solchen Beziehungskonstellationen betrifft die Rollenverteilung. «Wenn Kinder involviert sind, stellen sich hier beispielsweise andere Fragen als bei einem Paar, das aus zwei Personen besteht.»
Gewisse Sachen seien gegeben – etwa, dass die biologische Mutter das Kind stillt. «Andere Dinge, wie die Frage, wenn das Kind alles Mami und Papi nennt, müssen abgemacht werden.» Das sorge nicht selten für Konflikte.
«Zu Eifersucht und Ärger kommt es eher, wenn es darum geht, wer das Kind wie lange und wann betreuen darf.»
Eine solche Gruppe, die sich für ein Kind verantwortlich fühlt, könne aber auch ein grosser Vorteil sein. «Das ist für alle Elternteile enorm entlastend.»
Gruppen-Beziehungen scheitern nicht häufiger als monogame
Auf den ersten Blick klingt all das doch ein wenig komplizierter als der Beziehungsklassiker: Zwei Personen, ein Haushalt, ein Paar.
Scheitern solche Beziehungen wegen diesem Mehraufwand häufiger als geschlossene?

Ursina Donatsch widerspricht. «Es gibt keine Hinweise darauf, dass Polyküle weniger lange halten als monogame. Auch bei anderen offenen Beziehungsformen ist das nicht der Fall.»
Auch das Eifersuchts-Klischee, das offenen Beziehungen anlastet, scheint sich nicht auf die Beziehungsdauer auszuwirken.
Jahrelang aufgestauter Frust ist in offenen Beziehungen seltener
Dafür hat die Expertin eine Erklärung: «Mit einer offenen Beziehung muss man sich viel achtsamer und bewusster auseinandersetzen. Die Partner prüfen immer wieder, ob für sie alles noch stimmt.» Auch beim Thema Eifersucht.
Verdeckte, über Jahre aufgestaute Unzufriedenheiten gebe es hier darum viel seltener als in monogamen Beziehungen.
Übrigens: Monogamie ist in der Schweiz weiterhin klar der Standard. Eine 2023 durchgeführte Umfrage des Bundesamts für Gesundheit BAG zeigt: 21 Prozent der Befragten sind Single, 75 in einer monogamen Beziehung und drei Prozent in einer offenen Beziehung.
Nur ein Prozent der Befragten gibt an, polyamor zu leben, also mit mehreren Menschen romantische Beziehungen zu führen.
*Ursina Donatsch ist Autorin des Praxishandbuchs für offene Beziehungen und Polyamorie «Verbunden und trotzdem frei»











