Anwälte werden im Januar mit Scheidungs-Anfragen überhäuft
40 Prozent der verheirateten Paare lassen sich in der Schweiz scheiden. Anfang Jahr machen viele den ersten Schritt. Was dahintersteckt.

Das Wichtigste in Kürze
- Über die Festtage können Scheidungsanwältinnen und -anwälte meist ein wenig durchatmen.
- Anfragen für Erstbesprechungen gehen in der Zeit oft etwas zurück.
- Das wird im Januar nachgeholt: Zum Jahresanfang gibt es viele Anfragen.
Eigentlich ist die Luft schon lange draussen – die Beziehung aus und vorbei. Aber es wäre unangenehm, das Familien-Weihnachtsessen mit einer Scheidungs-News zu ruinieren.
Genau diese Gedanken machen sich im Dezember offenbar viele Paare. Und sparen sich den ersten Schritt in Richtung Scheidung noch ein wenig auf. Nachgeholt wird das dann oft direkt nach den Festtagen.
Im englischsprachigen Raum ist der Januar darum sogar als der «Scheidungs-Monat» bekannt.
Die US-amerikanische Anwaltskanzlei Courtney Clark Law beschreibt es so: «Die Weihnachtszeit mit all ihren Belastungen und Erwartungen ist oft der letzte Auslöser für unglückliche Ehepaare.»
Scheidungsanwältin: «Es kommt im Januar zu vielen Anfragen»
Auch in der Schweiz gibt es das Phänomen – wenn auch nicht ganz so ausgeprägt: «Es kommt im Januar zu vielen Anfragen und Erstbesprechungen», bestätigt Rechtsanwältin Andrea Hodel von Hodel & Partner Nau.ch.
Was steckt dahinter?
«Die Familienrechtskanzleien stellen fest, dass viele Paare versuchen, über die Weihnachtsfeiertage einen Streit nicht eskalieren zu lassen.» Kommt es tatsächlich zum Scheidungs- oder Trennungsverfahren, werde das gerne erst im Januar angestossen.
«Über die Gründe kann man nur mutmassen», sagt Hodel. «Wir hören oft, dass die Feiertage nicht zusätzlich mit Streit belastet werden sollen.»
40 Prozent der Schweizer Ehen werden geschieden
Den Jahres-Anfang würde sie trotzdem nicht gerade als Scheidungs-Saison bezeichnen. Ein Erstgespräch bedeutet nämlich keinesfalls, dass die Scheidung noch im selben Monat erfolgt.
Die Expertin gibt zu bedenken: «Meistens dauert es dann noch etwas länger, bis ein Verfahren eingeleitet ist.»
Das sei schliesslich mit einem relativ grossen Zeitaufwand verbunden. Einerseits für das Zusammenstellen der notwendigen Unterlagen, andererseits für die Begründung von Anträgen, die am Gericht gestellt werden müssen.
Bei Herrn und Frau Schweizer hängt der Haussegen zudem nicht nur im Januar schief. Die Zuger Anwältin erklärt: «Grundsätzlich gibt es während des gesamten Jahres sehr viele Anfragen für Scheidungs- oder Trennungsverfahren.»
Ausnahmen seien vielleicht zwei Wochen während der Sommerferien und während der Weihnachtsferien.

Kein Wunder bei einer Scheidungsrate von 40 Prozent. In der Schweiz hat die Zahl der Scheidungen pro 1000 Einwohner jahrelang stets zugenommen. Erst in den letzten rund 15 Jahren ist sie leicht sinkend.
Job und Kids: Eltern ächzen unter Doppelbelastung
Doch was sind die häufigsten Gründe, die heute zu einem Ehe-Aus führen?
Aus Erfahrung kann die Rechtsexpertin sagen: «Die Scheidungsgründe sind so vielfältig wie die Menschen sind.»
Sie stellt jedoch verschiedene Entwicklungen fest – und zählt auf: «Die Kinderfrage kann eine Rolle spielen. Es kann aber auch die Doppelbelastung der Eltern aufgrund von Beruf und Familie sein, die zu Problemen führt.»
Auch Geld sei immer wieder ein Thema. «Dann gibt es aber auch ein Nachlassen der gegenseitigen Attraktivität», erzählt Andrea Hodel.
Internationale Ehen oft «grosse Herausforderung»
Ein weiteres Phänomen, das zugenommen hat: Ehen, die wegen kultureller Unterschiede geschieden werden. «Internationale Ehen sind viel häufiger als vor zehn oder 20 Jahren, denn wir leben in einer internationalen Welt.»
Die unterschiedlichen Prägungen machen das Zusammenleben nicht immer einfach. Hodel erzählt: «Wir erleben oft, dass internationale Ehen eine grosse Herausforderung und Belastung für die Paare darstellen.»
Das hat verschiedene Ursachen. Etwa Erziehungsansichten, die nicht übereinstimmen, wie Hodel erzählt. Oder «unterschiedliche Vorstellungen, wie eine Partnerschaft geführt wird».
Und: Manche ausländische Partner, die für ihren Schatz in die Schweiz gezogen sind, wollen irgendwann in ihr Heimatland zurückkehren. «Das kann zu unüberbrückbaren Differenzen führen, die eine Scheidung unausweichlich machen.»

Erst vor wenigen Wochen wurde eine Studie der Berner Fachhochschule veröffentlicht, die sich mit den finanziellen Folgen von Scheidungen befasste.
Sie zeigte: Im Schnitt verlieren vor allem Frauen mit minderjährigen Kindern aufgrund der Scheidung einen grossen Teil ihres Einkommens. Bei Vätern liegt der Verlust durchschnittlich bei drei Prozent, bei Müttern bei 38.













