Terror: Experten warnen vor «Vergeltung in Europa»
Iranische Geistliche rufen Muslime weltweit zu «Rache» auf. Experten warnen: Auch Europa und die USA könnten ins Visier für Terror geraten.

Das Wichtigste in Kürze
- Nach der Tötung von Chamenei ruft ein wichtiger iranischer Geistlicher zu Rache auf.
- Wegen des Iran-Kriegs könnte es auch in Europa zu Terror als «Vergeltung» kommen.
- Der Iran zeigt, dass seine Angriffe jeden treffen können, den er als Feind betrachtet.
Nach der Tötung des Ober-Mullahs Ali Chamenei hat ein einflussreicher iranischer Geistlicher Muslime weltweit zu Vergeltung aufgerufen.
In einer religiösen Stellungnahme sagte Grossajatollah Nasser Makarem Schirasi: «Rache ist die religiöse Pflicht aller Muslime auf der Welt, damit das Böse dieser Verbrecher von der Erde getilgt wird.»
Ein Aufruf zum weltweiten Terror?

Terror-Experte Johannes Saal von der Universität Luzern ordnet die Drohungen für Nau.ch ein.
«Die Aussage ist ganz im Sinne der Staatsideologie», erklärt er. «Diese deklariert seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig, dass Israel und die USA Ursprung allen Bösen sind und vernichtet werden müssen.»
Verbündete «geschwächt» und Iran-Regime bei vielen Muslimen verhasst
Saal relativiert: «Inwiefern diese Aufrufe der Realität entsprechen, sei vor allem in Bezug auf den aktuellen Konflikt mal dahingestellt. Ich bezweifle stark, dass der Iran selbst unter schiitischen Muslimen eine breite Mobilisierung erwarten kann.»
Ein Indiz dafür sei, dass die geschwächten Bündnispartner des Iran – Hisbollah und schiitische Milizen – «sehr zurückhaltend» seien. Bisher zeigen diese kaum Reaktionen auf die Angriffe Israels und der USA.
Der Islam kennt zwei dominante Strömungen: Die Sunniten, die die grosse Mehrheit ausmachen, und die Schiiten, deren Geistliche im Iran an der Macht sind.
Saal erklärt: «Seit der iranischen Revolution ist das Mullah-Regime ein geopolitisches Schwergewicht in der Region und zugleich religiöse Autorität vieler schiitischer Muslime.»
Politisch und religiös sei das Regime bei Sunniten hingegen «teilweise verhasst».
Iran-Krieg sollte Dschihadisten-Terror nicht befeuern
Trotzdem: Wird die Gefahr für internationalen Terror nach der Eskalation zunehmen?
«Da muss man differenzieren und schauen, von welchen Akteuren man spricht», so Saal. «Wenn wir uns den dschihadistischen Terrorismus sunnitischer Muslime anschauen, sollte es hier keine grösseren Auswirkungen geben.»
Zwar könne ein politisches Vakuum Gruppen wie Al-Qaida oder den Islamischen Staat (IS) stärken. «Aber diese haben keine grösseren Präsenzen im schiitisch dominierten Iran.»
Experte erinnert an «aufgedeckte Anschlagspläne in Europa»
«Wenn, dann muss man eher von Anschlägen des iranischen Regimes und dessen Verbündeten ausgehen. Und dafür gab es in der jüngeren Zeit leider auch in Europa immer wieder Hinweise in Form von aufgedeckten Anschlagsplänen.»
Dass es im Westen zu einer neuen Terrorwelle kommt, daran zweifelt Saal. Es ist sei unklar, «ob die iranische Führung überhaupt noch in der Lage ist, eine gross angelegte Terrorkampagne zu koordinieren».
Fraglich sei denn auch, ob der Iran mit sogenannten «Schläferzellen» dafür bereits vorgesorgt habe. Also Personen oder Gruppen, die sich zunächst unauffällig verhalten – nur, um später Terroranschläge zu verüben.
Geheimdienstexperte warnt vor iranischer Vergeltung in Europa
Marc Henrichmann, Vorsitzender des Bundestagsgremiums zur Kontrolle der deutschen Geheimdienste, warnte bereits in der «Süddeutschen Zeitung»: «Vergeltungsmassnahmen, auch durch iranische Schläferzellen in Europa, sind nicht auszuschliessen.»
Und: «Das iranische Regime hat in der Vergangenheit wiederholt gezeigt, dass es seinen Terror auch ausserhalb der eigenen Grenzen austrägt.» Das Regime befände sich «aktuell im absoluten Überlebenskampf».

Besonders gefährdet seien «insbesondere amerikanische, israelische und jüdische Ziele im Westen», sagt Johannes Saal von der Universität Luzern.
Aber: «Mit den Raketen- und Drohnenangriffen auf Katar und andere arabische Golfstaaten hat der Iran auch unter Beweis gestellt, dass sich dies nicht zwingend auf Europa und Nordamerika beschränken muss. Sondern sich gegen jeden richten kann, den der Iran als Unterstützer seiner Feinde erachtet.»
Der Iran war in der Vergangenheit immer wieder selbst Akteur und Sponsor von internationalem Terror.
Saal nennt ein Beispiel: Den Anschlag auf die jüdische Gemeinde in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires im Jahr 1994.
Beim Bombenanschlag, für den der Iran verantwortlich war, wurden damals 85 Menschen getötet, über 300 wurden verletzt.
Iran könnte vermehrt zu Terror greifen – um sich an der Macht zu halten
«Terrorismus ist aber auch immer ein Mittel asymmetrischer Kriegsführung», erklärt der Experte. Das bedeutet, dass Kräfte statt offener Schlachten auf Guerillaangriffe, Sabotage oder eben Terrorismus setzen.
Über schiitische Milizen im Nahen Osten habe der Iran sich immer wieder dieser Taktik bedient, vor allem gegen Israel.
Allerdings habe der Terrorismus «aufgrund anderer militärischer Fähigkeiten, vor allem in Form ballistischer Raketen, an Bedeutung verloren».
Saal warnt: «Mit der militärischen Schwächung und der existenziellen Krise des Regimes wäre es natürlich nicht überraschend, wenn man sich wieder mehr derartiger Modi Operandi bedienen würde.»
Das heisst: Drängen Israel und die USA den Iran weiter in die Enge, könnte das Land wieder vermehrt zu Terror greifen. So könnte das Regime der Islamischen Republik also versuchen, weiterhin an der Macht zu bleiben.

















