Krebs

    Stadtspital Zürich entwickelt einmaliges Krebs-Programm

    Ginger Hebel
    Ginger Hebel

    Zürich,

    Immer mehr junge Menschen erkranken an Krebs. Das Stadtspital Zürich bietet Betroffenen unter 50 Jahren ein schweizweit einzigartiges Programm an.

    Verdauungstumoren
    Kennen sich mit Verdauungstumoren bestens aus: Chefarzt Markus Weber (l.) und Oberarzt Yannick Buccella vom Stadtspital Zürich. - Ginger Hebel

    Die Diagnose Krebs verändert das ganze Leben. Sie begräbt Pläne, Hoffnungen, Träume. Doch dank modernster Medizin sind viele Krebsarten heute behandelbar, oft sogar heilbar.

    Darmkrebs galt lange als Krankheit der Älteren. Zunehmend trifft die Diagnose jedoch auch junge Menschen mitten im Leben. Am Stadtspital Zürich wurde deshalb ein schweizweit einmaliges Programm für unter 50-Jährige mit Verdauungstumoren wie Bauchspeicheldrüsen-, Darm- oder Magenkrebs entwickelt.

    Denn für junge Betroffene geht es um weit mehr als um die medizinische Behandlung. Es geht darum, mit der Krankheit und ihren Folgen weiterzuleben, die Lebensqualität zu erhalten, eine Familie zu planen und die eigene Existenz zu sichern. Sofern die Krankheit es erlaubt.

    Mitte dreissig. Ein Alter, in dem Krebs weit weg scheint. «Das ist leider ein Irrglaube. Niemand ist zu jung, um an Krebs zu erkranken», sagt Yannick Buccella, Oberarzt an der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Stadtspital Zürich.

    Der 36-Jährige stellt fest: «Die Jahrgänge der Betroffenen rücken immer näher an meinen eigenen.» Derzeit wird im Stadtspital auch ein 24-jähriger Patient mit einem Verdauungstumor behandelt. Darmkrebs ist bei jungen Erwachsenen zwar weiterhin selten.

    Stadtspital Zürich
    Stadtspital Zürich. (Archivbild) - keystone

    Doch er wird häufiger. Eine aktuelle Schweizer Studie hat fast 100’000 Darmkrebsfälle aus vier Jahrzehnten ausgewertet. Bei den unter 50-Jährigen stieg die Erkrankungsrate seit 1980 kontinuierlich an und liegt inzwischen bei knapp sieben Fällen pro 100’000 Personen und Jahr.

    Während bei den über 50-Jährigen die Zahlen dank Vorsorge-Darmspiegelungen sinken, nehmen sie bei den Jüngeren zu. Viele gehen häufig erst zum Arzt, wenn Beschwerden auftreten. Deshalb werden Tumore in dieser Altersgruppe oft später entdeckt.

    Blut im Stuhl, anhaltender Durchfall oder Verstopfung, wiederkehrende oder zunehmende Bauchschmerzen, Rückenschmerzen oder ungewollter Gewichtsverlust können viele Ursachen haben. Sie bedeuten nicht automatisch Krebs.

    «Halten Beschwerden jedoch über längere Zeit an oder treten sie neu und ungewöhnlich auf, sollten sie ärztlich abgeklärt werden», sagt Markus Weber, Chefarzt der Bauchchirurgie am Stadtspital Zürich.

    Sein Appell richtet sich auch an Hausärztinnen und Hausärzte: Bei ungewöhnlichen, anhaltenden Beschwerden sollte das Alter nicht der einzige Grund sein, eine ernsthafte Erkrankung auszuschliessen.

    Lebensträume einbeziehen

    Eine Krebserkrankung ist in jedem Alter ein tragischer Einschnitt. «Eine Krebsdiagnose in jüngeren Jahren trifft Menschen oft in einer Lebensphase, in der sie beruflich und privat mitten im Leben stehen», sagt Markus Weber.

    Das neue spezialisierte Programm am Stadtspital beschränkt sich nicht auf die Tumorbehandlung, sondern umfasst auch die psychoonkologische Betreuung. «Zukunfts- und Existenzängste können genauso schwer wiegen wie die Diagnose selbst», weiss Markus Weber.

    Das Behandlungsprogramm umfasst auch Ernährungsberatung, Physiotherapie sowie Berufs- und Laufbahnberatung. Ein weiteres zentrales Thema ist die Fruchtbarkeit. Weil manche Krebstherapien sie beeinträchtigen können, arbeitet das Stadtspital eng mit Spezialistinnen und Spezialisten für Fertilitätsmedizin zusammen.

    «Es ist wichtig, die Lebensträume der Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen», sagt Buccella. Für manche beginnt die Auseinandersetzung mit der Familienplanung gleichzeitig mit der Krebsbehandlung.

    Aber warum erkranken immer mehr Jüngere? «Eine eindeutige Antwort gibt es bislang nicht», sagt Buccella. Bekannte Risikofaktoren spielen auch bei jüngeren Patientinnen und Patienten eine Rolle.

    Dazu gehören genetische Veranlagungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Übergewicht, Bewegungsmangel sowie Alkohol- und Tabakkonsum. Auch die Ernährung wird als möglicher Einflussfaktor untersucht.

    Kennst du jemanden, der an Krebs erkrankt ist?

    Stark verarbeitete Lebensmittel werden mit einem erhöhten Risiko für Darmkrebs und dessen Vorstufen wie Polypen in Verbindung gebracht. Auch die Darmflora steht heute im Zentrum der medizinischen Forschung.

    Antibiotika beeinflussen nachweislich das Darmmikrobiom und damit die Darmgesundheit. Für die Chirurgen stellt sich auch die Frage, wie viel Therapie man einem Menschen zumuten kann und soll. Markus Webers Schwerpunkt liegt unter anderem auf der Tumorchirurgie.

    Jüngere Menschen haben häufig mehr körperliche Reserven und Energie, weshalb auch intensivere Behandlungsstrategien infrage kommen. Doch das biologische Alter lasse sich nicht allein an der Zahl im Pass ablesen.

    Weber kennt hochbetagte Patientinnen und Patienten, die sich nach einer grossen Bauchoperation erstaunlich schnell wieder erholen. «Manche über 80-Jährige sind ausgesprochen rüstig und fit – darum sind sie so alt geworden. Es ist sehr individuell. Darum muss jede Patientengeschichte einzeln betrachtet werden.»

    Die Ärzte wollen keine Ängste schüren: Nicht jeder Bauchschmerz braucht ein MRI, nicht jeder Durchfall eine Darmspiegelung. Aber Beschwerden, die bleiben, wiederkommen oder von weiteren Warnzeichen begleitet werden, verdienen laut den Experten Aufmerksamkeit.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

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