Zwei Frauen müssen sich am Dienstag im zürcherischen Bülach vor Gericht verantworten. Sie hatten einem Witwer (94) 150'000 Franken abgeknöpft.
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Der heute 96-jährige Witwer zahlte ein Vermögen an den Roma-Clan. (Symbolbild) - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • In Bülach ZH stehen aktuell zwei Frauen vor Gericht.
  • Ihnen und dem Familienclan wird vorgeworfen, einem Rentner viel Geld abgeknöpft zu haben.

Dieser Prozess lässt aufhorchen. Er zeigt, wie strukturiert rumänische Verbrecher-Clans innerhalb der Schweiz operieren. Zwei Haupttäterinnen einer 20-köpfigen Sippe müssen sich am Dienstag im zürcherischen Bülach vor Gericht verantworten. Sie hatten einem Witwer (94) 150'000 Franken abgeknöpft.

Die Sicherheitspolizei führt die beiden Beschuldigten am Dienstag in Handschellen bis vor den Gerichtsaal. Der Fall lockt auffallend viele Medienleute nach Bülach ZH. Wegen der andauernden Corona-Massnahmen finden kaum alle Platz im Gerichtssaal.

Die Beschuldigten geben sich vor dem Richter bei der anschliessenden Befragung ganz kleinlaut. Mit leiser Stimme geben Alina* (31) und Geanina* (34) zu, ihrem Opfer falsche Tatsachen vorgegaukelt zu haben und ihm so das Geld abgenommen zu haben.

Reuig fügen hinzu: «Es tut uns leid, was wir angestellt habe. Wir wollen uns bei allen Anwesenden und beim Richter dafür entschuldigen.» Dieser erwidert darauf trocken: «Sie müssen sich nicht bei mir, sondern beim Opfer entschuldigen», zitiert ihn das Medienportal Crime Schweiz.

Von marodem Haus bis zum Brustkrebs

Trotz Reue, vom Geld wird das heute 96-jährige Opfer nichts mehr sehen. Das ist längst ausgegeben. «Damit haben wir unser Haus in Rumänien renoviert und die Kinder versorgt.» Doch wie kam es dazu, dass der Mann 150'000 Franken an die Frauen überreichte?

Das Unheil traf den Rentner völlig unvorbereitet. Im September 2019 steht die Clan-Chefin (61), die Mutter einer der Beschuldigten, plötzlich in seinem Garten in Nürensdorf ZH. Sie bettelt um Geld, erzählt von grosser Not, beschreibt wie sie zehn Kinder zu versorgen habe und nicht mehr weiterwisse. Der Witwer hat Mitleid, lässt sich zu einer Zahlung von 800 Franken hinreissen. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiss, damit öffnet er die Büchse der Pandora.

Nur einen Monat später steht die Frau wieder vor seiner Türe. Dieses Mal mit Verstärkung. Mit dabei sind Tochter Alina (31) und Schwiegertochter Geanina (34). Zu dritt bearbeiten sie den Witwer. Sie gaukeln ihm traurige Geschichten vor. «Diverse erfundene oder jedenfalls stark übertriebene», wie die Staatsanwaltschaft in der Anklage ausführt.

Die Frauen sprechen von «Operationen für sich und ihre Kinder wegen diverser Erkrankungen wie zum Beispiel Brustkrebs, von Häuserkäufen und Renovierungsarbeiten an angeblich maroden Wohnhäusern.» Diese sollen in Rumänien stehen, in der siebenbürgischen Gemeinde Cutus. Von dort stammt der Familienclan.

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Hier in Cutus in Siebenbürgen ist der Clan angesiedelt. Von hier aus reisen die Mitglieder regelmässig in die Schweiz. - zvg

Die Hälfte seiner Ersparnisse

Die Frauen wickeln den Mann so um ihren Finger, dass er ihnen die Geschichten glaubt – und zahlt. Immer wieder. Denn die Frauen tauchen in den nächsten Tagen und Wochen insgesamt 17-mal beim Witwer auf. Die Beträge bewegen sich im vierstelligen, manchmal im fünfstelligen Bereich. Insgesamt knöpft die Roma-Sippe ihrem Opfer die Hälfte seiner Ersparnisse ab.

Gemäss Anklage habe sich der Rentner in einem Loyalitätskonflikt befunden. Weshalb er trotz Warnung seiner Nichte weiterbezahlt. «Der Privatkläger ging treuherzig davon aus, dass die Beschuldigte ihn aufrichtig in ihr Herz geschlossen habe und sich ernsthaft für ihn als Menschen, der sich einsam fühlte, interessiere. Die Beschuldigte und deren Komplizin gaben sich aber überhaupt nur mit dem Privatkläger ab, weil sie sich weiteren finanziellen Profit von ihm erhofften», so die Anklage.

Am 23. März 2021 schliesslich klicken für die Frauen die Handschellen am Flughafen Mulhouse. Sie wollten gerade in die Schweiz einreisen, um wieder nach Nürensdorf zu fahren. Sie waren in Begleitung ihrer beiden Männern. Hier kam es zu separaten Verfahren.

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Cutus liegt mitten in Rumänien - Screenshot Google Maps

Mit dem Geld Flüge und Hotelzimmer bezahlt

Wie sich vor Gericht herausstellte, war das Geld des Rentners für die Beschuldigten, die keiner geregelten Arbeit nachgehen, praktisch die einzige Einkommensquelle.

Damit bezahlten sie den Lebensunterhalt, aber auch die Flugreisen nach Rumänien und die Hotelaufenthalte während ihrer Zeit in der Schweiz. Und hier nahm die Sippe nicht nur den Rentner aus, sondern ging auch auf Diebestour. So wird Alina in mindestens einem Fall Diebstahl vorgeworfen. Sie drang unter dem Vorwand auf die Toilette zu müssen, bei einem weiteren Opfer in die Wohnung ein und stahl dort Schmuck im Wert von 3000 Franken.

Für ihre Taten kassieren Alina und Geanina eine Freiheitsstrafe von 18 bzw. 12 Monaten. Je sechs Monate davon müssen sie im Gefängnis absitzen. Und das haben sie bereits. Am 23. September werden sie aus der Haft entlassen und auf dem Landweg ausgeschafft. Für die nächsten sieben Jahre hat ihnen der Richter zudem einen Landesverweis ausgesprochen. «Die Strafe ist angemessen», so der Richter. «Sie sind jetzt im System erfasst. Sollten sie im umliegenden Ausland erneut ähnliche Delikte begehen, müssen sie mit erheblich höheren Strafen rechnen.»

*Namen der Redaktion bekannt.

Dieser Artikel wurde zur Verfügung gestellt von Crimeschweiz.com

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