Sex, Medis, Zeugnis: Viele Schweizer lügen beim Arzt
Lügen haben kurze Beine – und beim Arztbesuch fatale Folgen! Eine deutsche Studie zeigt, wie oft gelogen wird – und dass die Schweizer nicht viel besser sind.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine deutsche Studie zeigt: In Deutschland lügt jeder Dritte beim Arztbesuch.
- In der Schweiz läuft's ähnlich. Eine Expertin sagt: Es wird geschwiegen und beschönigt.
- Auch wegen Arbeitsunfähigkeits-Zeugnissen wird gerne geflunkert.
Eine neue Studie zeigt: Deutsche Patientinnen und Patienten lügen beim Arzt – und das nicht zu knapp.
Jeder dritte Patient hat schon einmal die Unwahrheit gesagt. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar die Hälfte.
Und dabei wissen 87 Prozent der Befragten genau, dass falsche Angaben ernsthafte Folgen haben könnten: Falsche Diagnosen, unnötige Behandlungen oder sogar gesundheitliche Risiken.
Das ergab eine Online-Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des digitalen Gesundheitsdienstleisters Doctolib. Trotz dieses Wissens wird weiter gelogen – aus Scham und Angst vor Verurteilung.
Schweizer lügen oft bei Sex, Drogen oder Medi-Einnahme
Sind die Schweizerinnen und Schweizer beim Arztbesuch ehrlicher?
Nicht wirklich, meint die Co-Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin, Myriam Oberle: «In der Praxis ist es relativ häufig, dass Informationen fehlen oder beschönigt werden.»
Es passiere immer wieder, dass Angaben zu Gesundheitsproblemen entweder gar nicht oder nur unvollständig dargelegt würden. Manchmal würden auch bewusst falsche Tatsachen angegeben, so die Expertin gegenüber Nau.ch.
Lügen haben kurze Beine: «Insbesondere bei sensiblen Themen wie Sexualverhalten, Drogen- oder Alkoholgebrauch, psychischen Problemen oder Medikamenteneinnahme kann die Nichtoffenheit beträchtlich sein.»
Auch bei der Einnahme von Medikamenten seien Patienten oft nicht ehrlich, so Oberle.
Weiterer Grund zum Lügen: Arbeitsunfähigkeits-Zeugnisse
Ein weiterer Punkt sei das begehrte Arbeitsunfähigkeits-Zeugnis. Auch hier werde gerne mal geschummelt: Der Arzt sei dabei auf Angaben angewiesen, die nicht objektiv prüfbar seien – wie bei Kopfschmerzen.
Oberle erklärt: «Als Behandler muss ich davon ausgehen, dass der Patient diesbezüglich ehrlich ist. Und in Zusammenschau mit den erhobenen Befunden eine vertretbare Arbeitsunfähigkeit attestieren.»
Laut der Ärztin gibt es heute deutlich mehr Krankheitstage als noch vor zehn Jahren.
Die Arbeitsfähigkeit müsse jedoch sehr differenziert und individuell beurteilt werden, so Oberle: «Mit einem verstauchten Fuss kann ich problemlos mit hochgelagertem Fuss am Bürotisch sitzen, aber schlecht im Wald Bäume fällen.»
Gefahr für Patienten und Umfeld droht
Die Folgen von Lügen beim Arzt können schwerwiegend sein. Oberle warnt: «Unangemessene Therapien werden durchgeführt, unerwartete Komplikationen und vermeidbare Nebenwirkungen oder sogar Schädigungen können auftreten.»
Gerade bei der Medikamentenverschreibung seien ehrliche Angaben entscheidend. Verschweigt man beispielsweise, dass man ein Medikament einnimmt, könnte der Hausarzt etwas verschreiben, das damit nicht kompatibel ist. Dann drohen gefährliche Wechselwirkungen, warnt Oberle.
Und noch brisanter wird es bei Themen wie Sexualverhalten. «Verneintes Risikoverhalten bezüglich Sexualverhalten kann zu ausbleibender oder verzögerter Abklärung und Therapie führen. Und damit auch zur Gefährdung von weiteren Personen.»

Ein Beispiel: Ein Patient betrügt seine Ehefrau und hat sich dabei mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt. Sagt er beim Arzt, in einer monogamen Beziehung zu leben, testet dieser ihn vielleicht nicht auf Geschlechtskrankheiten.
So bleibt der Patient angesteckt – und kann die Krankheit auf seine Partnerin oder weitere Sexualpartner übertragen.
Lügen beim Arzt kann unnötige Kosten verursachen
Grundsätzlich seien Offenheit und Ehrlichkeit ein Grundstein für eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient.
«Sie sind fundamental für eine korrekte Diagnostik», so Oberle. Unnötig falsche Diagnosen seien nicht nur für den Patienten belastend, sondern würden auch unnötige Kosten verursachen.
Oberle setzt auf eine Strategie, die das Vertrauen stärkt: «Ich trete meinen Patienten vorurteilsfrei und offen gegenüber. Ich versuche, mir durch Zuhören und gezieltes Nachfragen ein Bild der Problematik zu machen. Und mit dem Patienten gemeinsam die weiteren nötigen Schritte zu besprechen.»

Patienten sollen sich wahr- und ernstgenommen fühlen und «es wird nicht über ihren Kopf hinweg entschieden.»
Dabei helfe es, sensible Themen zu enttabuisieren: «Hier wende ich oft die Strategie an, das vom Patienten Erzählte mit meinen Worten zusammenzufassen. Und nachzufragen, ob ich dies korrekt verstanden habe.»
Übrigens: In Deutschland haben gemäss Studie 31 Prozent der Ärzte ein ungutes Gefühl. Bei rund der Hälfte oder fast jeder Konsultation haben sie den Eindruck, dass ihre Patienten flunkern.
















