Brunschweiger: «Deshalb nerven mich Kleinkinder in Arzt-Praxen!»
Unsere Kolumnistin wünscht sich mehr Ruhe und weniger Eltern mit Kleinkindern in den Arztpraxen. Und schildert Beispiele aus lauten Wartezimmern.

Das Wichtigste in Kürze
- Dr. Verena E. Brunschweiger schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt sie über darüber, was in Arztpraxen abgeht.
- Brunschweiger nervt sich über Kinderlärm.
Dass es beim Kinderarzt vor hustenden, quengelnden und niesenden Kleinkindern nur so wimmelt, ist völlig klar. Und genau das, was man erwartet. Was man nicht unbedingt erwartet: Dass sich eine Frauenarztpraxis anfühlt, als wäre sie eine Kinderarztpraxis!
Scheinbar ist aber genau das ein neuer Trend unter Müttern, die einen Termin in einer gynäkologischen Praxis haben.
So rollt ein Kinderwagen nach dem anderen ins kleine Wartezimmer. Auch Kleinkinder mit Spielzeug werden mitgeschleppt. Man fragt sich unweigerlich, warum die alle unbedingt mitkommen müssen, wenn die Mutter zur Gynäkologin geht?
Dazu passt eine weitere Negativentwicklung: In vielen Praxen wird immer noch mehr Informationsmaterial zum Thema Schwangerschaft und Geburt ausgelegt. Und wenig(er) über andere gynäkologische Probleme, die Patientinnen vielleicht haben könnten. So zum Beispiel Erkrankungen aller Art, Menopause oder Menstruationsprobleme. Durch Abwesenheit glänzen Tabuthemen wie Sterilisation oder Schwangerschaftsabbruch.

Kinderfreie Frauen unter Druck
Womöglich bringt es aber einfach den höchsten Profit, Leuten zuerst die künstliche Befruchtung – und dann die Pränataldiagnostik schmackhaft zu machen?
Tatsache ist, dass man als kinderfreie Frau auch in gynäkologischen Praxen unter Druck gesetzt und in eine Richtung gedrängt wird. Was auch zu funktionieren scheint, wenn man sich die Dichte an Kinderwägen an einem ganz normalen Nachmittag im Wartezimmer einer dieser Praxen anschaut.
Der erste Preis geht an eine Schwangere, die Kleinkinder und den Vater selbiger dabei hatte. Und sich lautstark über die Köpfe der anderen Patientinnen hinweg mit den im engen Raum verteilten Familienmitgliedern unterhielt. Was sprach wohl dagegen, den werten Vater für diesen Termin woanders mit der Kinderbetreuung zu beauftragen?
Allerdings ist dieses Verhalten offenbar typisch für Familien, was zwei weitere Erlebnisse veranschaulichen.
Auch Tiere leiden
So fühlte sich ein Tierarzt bemüssigt, in seiner Praxis einen Aushang zu machen, wo er darauf hinwies, dass es schön wäre, wenn nicht acht Leute (davon fünf Kleinkinder) mit in die Praxis kämen, wenn Hund oder Katze eine Impfung brauchen.
Wie zu erwarten, beschwerten sich Eltern über diesen Aushang. Dieser wurde daraufhin ergänzt um Erklärungen, die eigentlich jedem selbstständig denkenden Menschen einleuchten müssten.

Trotzdem verlor dieser Tierarzt ein paar Patienten, die entrüstet schnaubend durch die Praxis trompeteten, sie würden sich einen anderen Tierarzt suchen, der familienfreundlicher wäre. Man fragt sich, was solche Eltern ihren Tieren antun. Wenn es nicht mal dem Tierarzt um das Wohl der Tiere gehen darf...
Auch in Praxen für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten (HNO) muss man damit rechnen, mehr minderjährige Patienten anzutreffen. Warum müssen sich die kranken Kinder dann so aufführen, dass sogar die Arzthelferinnen aktiv werden und damit drohen, dass die Familie bald aus der Praxis fliegt?
Bub verursacht massiven Lärm im Wartezimmer
Ein junger Mann der «Childfree Community» sass mit starken Hals- und Kopfschmerzen im Wartezimmer seiner HNO-Praxis: Vielen erwachsenen Leuten ging es wie ihm. Man fühlte sich schlapp und grippal und hoffte, möglichst bald ins Behandlungszimmer gerufen zu werden. Bis dahin war die Zeit jedoch extrem hart zu überstehen.
Trotz einer beachtlichen Bandbreite an Spielzeug war ein 4-jähriger Bub nicht zu krank, die gesamte Zeit massiven Lärm zu produzieren, indem er Gegenstände an die Metallfüsse der Stühle im Wartezimmer drosch sowie den runden Tisch, auf dem Zeitschriften auslagen, zur Trommel umfunktionierte.
Vater schlägt Boxkampf vor
Das Kopfweh des Opfers intensivierte sich natürlich minütlich. Nach einer Viertelstunde Tortur erdreistete er sich, den Vater dieses kleinen Schätzchens zur Rede zu stellen.
Kaum überraschend, dass dieser, statt das Kind zu erziehen und sich bei den anderen Menschen im Wartezimmer zu entschuldigen, ausfallend und laut wurde und dem Kranken sogar vorschlug, sich vor der Tür zu prügeln! «Gern», antwortete der Patient, «ich studiere Sport, Schwerpunkt Boxen.» Zum Kampf kam es nicht.

Zur Autorin
Dr. Verena E. Brunschweiger, Autorin, Aktivistin und Feministin, studierte Deutsch, Englisch und Philosophie/Ethik an der Universität Regensburg. 2019 schlug ihr Manifest «Kinderfrei statt kinderlos» ein und errang internationale Beachtung.











