Sekten-Gurus locken Schweizer zunehmend im Netz

    Elena Hatebur
    Elena Hatebur

    Bern,

    Die Anwerbung neuer Sekten-Mitglieder verlagert sich ins Netz. Die Beratungsstelle Infosekta verzeichnet deshalb eine steigende Nachfrage.

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    Hinter harmlos wirkenden Coaching-Angeboten im Netz können Sekten-Gurus stecken. - pexels

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Fachstelle für Sektenfragen Infosekta verzeichnete 2025 eine erhöhte Nachfrage.
    • Die Anwerbung neuer Sektenmitglieder verlagert sich immer mehr ins Netz.
    • Dort entstehen mithilfe von Algorithmen gezielte Filterblasen.

    Wer an eine Sekte denkt, hat oft dieselben Bilder vor Augen: Abgeschottete Gemeinschaften, charismatische Anführer und Mitglieder, die sich von Familie und Freunden abwenden.

    Doch die Realität hat sich verändert. Heute beginnt die Einflussnahme oft nicht mehr an der Haustür oder bei einer Veranstaltung im Hinterzimmer. Sie beginnt auf dem Smartphone – dort, wo viele Menschen täglich unterwegs sind.

    Ein Video auf Tiktok. Ein Coaching-Angebot auf Instagram. Ein Influencer, der scheinbar harmlose Lebensweisheiten teilt.

    Kennst du eine Person, die in eine Sekte geboren wurde oder sich religiös radikalisierte?

    Genau diese Entwicklung beschäftigt die Schweizer Fachstelle für Sektenfragen Infosekta immer mehr. Im Jahr 2025 verzeichnete sie rund 3800 Beratungs- und Informationskontakte.

    925 davon waren Erstkontakte. 2843 waren Folgekontakte, also Personen, die sich für weitere Beratungen oder Informationsgespräche meldeten. Die Nachfrage ist erneut gestiegen: Im Vorjahr 2024 gab es rund 3500 Kontakte.

    Menschen suchen Hilfe nach dem Ausstieg

    Dieser Anstieg sei jedoch nicht primär auf neue Ratsuchende zurückzuführen, erklärt Susanne Schaaf von Infosekta bei Nau.ch. Hinter den Zahlen stehen Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen.

    Ausgestiegene versuchen, ihre Erfahrungen einzuordnen. Andere wollen eine Gruppe verlassen und suchen erstmals das Gespräch mit einer Person ausserhalb ihres Umfelds. Wieder andere müssen zusehen, wie ein Familienmitglied immer tiefer in eine Gemeinschaft hineingezogen wird.

    «Der Anstieg 2025 ist vor allem auf die Zunahme der Folgekontakte zurückzuführen», sagt Susanne Schaaf.

    Auch Institutionen, die von der Thematik betroffen sind, würden die Fachstelle regelmässig aufsuchen. Dazu gehören beispielsweise Schulen oder die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb).

    Tiktok ersetzt die Haustür

    Eine Explosion klassischer Sekten beobachtet die Fachstelle derzeit nicht. Gruppen wie die Zeugen Jehovas oder Scientology würden in der Schweiz eher stagnieren. Gleichzeitig entstünden laufend neue Kleingruppen, Netzwerke und Bewegungen.

    Dazu gehörten auch Lebenshilfe- und Coachingangebote, Verschwörungsmilieus, Staatsverweigerer oder sogenannte Sinnfluencer. «Die Weltanschauungsszene ist extrem vielfältig.»

    «Nicht alle sind gleich problematisch», betont Schaaf. Klar sei jedoch: «Die sozialen Medien spielen bei der Mitgliedergewinnung eine zentrale Rolle und können zur Radikalisierung beitragen.»

    Plattformen wie Instagram, TikTok und Co. hätten die Mitgliederbewerbung «fundamental verändert».

    Gruppe sucht einsame Jugendliche für sexuelle Ausbeutung

    «Mit Hilfe von Algorithmen werden gezielt Inhalte angezeigt, und es entstehen Filterblasen», erklärt die Fachstelle. Dort verstärken sich bestimmte Weltanschauungen gegenseitig.

    «Freikirchen nutzen beispielsweise jugendgerechte Tiktok-Clips, um ihre Botschaften in modernem Gewand zu verpacken.»

    Dazu komme eine wachsende Zahl sogenannter Christfluencer. Solche Influencer erreichen mit teilweise radikal-konservativen Inhalten ein breites Publikum.

    Interessierst du dich für Sekten und Religionen?

    Die Aufklärung hinke der rasanten Dynamik der sozialen Medien hinterher. Besonders besorgt zeigt sich die Fachstelle über neue digitale Formen der Manipulation.

    Als Beispiel nennt sie die Onlinegruppe «764». Deren Mitglieder würden gezielt nach verletzlichen und einsamen Jugendlichen suchen, um diese sexuell auszubeuten oder zu Selbstverletzungen anzustiften.

    Zeugen Jehovas bleiben Spitzenreiter

    Trotz neuer Entwicklungen betreffen die meisten Beratungen weiterhin klassische religiöse Gemeinschaften. 57 Prozent aller Beratungen beziehen sich auf diesen Bereich, hauptsächlich sind es die Zeugen Jehovas sowie verschiedene Freikirchen.

    Weitere 20 Prozent entfallen auf Angebote aus den Bereichen Esoterik, Heilung und Selbstoptimierung. Dazu zählen etwa Geistheilung, Bewusstseinsarbeit, Life-Coaching oder mediale Beratungen.

    Zeugen Jehovas
    Die Zeugen Jehovas beten Jehova an, für sie der allmächtige Gott. - keystone

    Auch nicht-spirituelle Angebote sorgen regelmässig für Beratungsbedarf. Rund 18 Prozent der Anfragen betreffen unter anderem Multi-Level-Marketing-Systeme, Psycho-Seminare oder Privatschulen.

    Die Botschaft bleibt, die Verpackung verändert sich

    Gerade die Coaching-Szene habe sich teilweise stark ins Internet verlagert. Was früher im kleinen Kreis stattfand, könne heute mit wenigen Klicks ein grosses Publikum erreichen.

    Auffällig sei zudem, dass manche Gruppierungen heute deutlich subtiler kommunizieren als früher. Während gewisse Kreise ihre Überzeugungen nach wie vor unverblümt vertreten, würden andere ihre Botschaften sprachlich entschärfen.

    Sekten-Beratung
    Die Nachfrage nach einer Sekten-Beratung in der Schweiz ist in den vergangenen Jahren gestiegen. (Im Bild: Anhänger der Mormonen) - keystone

    Schaaf von Infosekta nennt dafür ein konkretes Beispiel aus evangelikalen Kreisen. Die Aussage «Homosexualität ist Sünde» werde nach aussen teilweise durch Formulierungen ersetzt wie: «Homosexuell empfindende Menschen sind auch willkommen.»

    In gewissen religiösen Kreisen werden diesen Menschen dann bekanntlich Konversationstherapien angeboten. Dabei werden sie von ihrer Homosexualität «geheilt».

    Die Schweizerische Gesellschaft für Psychologie betont, dass diese Menschen nicht krank sind und auch nicht therapiert werden müssen.

    Brauchst du Hilfe?

    Die Fachstelle Infosekta berät dich zu Sektenfragen per E-Mail unter [email protected] oder telefonisch unter 044 454 80 80.

    Bist du depressiv oder hast Suizidgedanken? Dann kontaktiere bitte umgehend die Dargebotene Hand (www.143.ch). Unter der kostenlosen Hotline 143 erhältst du anonym und rund um die Uhr Hilfe. Die Berater können Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen. Auch eine Kontaktaufnahme über einen Einzelchat oder anonyme Beratung via E-Mail ist möglich.

    Für Kinder oder Jugendliche steht die Notrufnummer 147 zur Verfügung.

    Hilfe für Suizidbetroffene: www.trauernetz.ch

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    Kommentare

    User #5443 (nicht angemeldet)

    Veganismus fällt mir da spontan ein.

    User #2839 (nicht angemeldet)

    Ich habe meinen Weg in meinem Herz und der heißt Jesus Christus. Er gibt mir halt, Vertrauen, Kraft und Freude. Seine Lehre ist die Nahrung für die Seele….Die Bible ist die wahre Lösung!

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