Stadt Zürich

Weltuntergangssekte wirbt am Zürcher Hauptbahnhof junge Frauen an

Tsüri.ch
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Zürich,

Junge Frauen berichten, dass sie am Hauptbahnhof Zürich von Gleichaltrigen angesprochen und zu Bibelkursen eingeladen werden. Dahinter steckt eine Sekte.

Zürich HB Bahnhof
Eine Sekte aus Südkorea wirbt am Zürcher Hauptbahnhof junge Frauen an. - keystone

«Wir wollen dich nicht aufhalten.» Zuerst dachte Laura*, die zwei jungen Frauen, die sie gerade mitten in der Bahnhofshalle angesprochen haben, wollten nach dem Weg fragen. Stattdessen boten sie ihr an, einer dubiosen Chatgruppe beizutreten.

Als sie nachhakte, um was für eine Gruppe es sich genau handle, sickerte langsam durch, worum es wirklich ging: Sie würden ganz ohne Druck und völlig unverbindlich über Gott und die Welt reden.

Erlebnisse wie das von Laura häufen sich zurzeit wieder. Auf TikTok berichten unter einem Video der Influencerin Lilybajor zum Thema über hundert Leute von Begegnungen rund um den Zürcher Hauptbahnhof. Immer sind es zwei junge Frauen, die gleichaltrige Passantinnen ansprechen.

Shincheonji Sekte in Zürich

Dahinter steckt laut Georg Schmid von der Fachstelle Relinfo die südkoreanische christliche Neuoffenbarergemeinschaft Shincheonji. Der Name bedeutet so viel wie «Neuer Himmel, neue Erde».

Zürich Hauptbahnhof
Der Hauptbahnhof Zürich. - keystone

«Problematisch ist die Sekte vor allem, da sie Interessierte mit Psychotricks täuscht und von den Mitgliedern reichlich Spenden verlangt. Ehemalige berichten, bis zu einem Drittel ihres Einkommens bezahlt zu haben», erklärt Schmid.

Interessierten und Mitgliedern wird von Shincheonji beispielsweise auch abgeraten, im Internet nach der Sekte zu suchen. Da der Weltuntergang in der Lehre der Shincheonji unmittelbar bevorsteht, tragen Aus- und Weiterbildung kaum Gewicht. Stattdessen liegt der Fokus auf dem Missionieren.

Es ist nicht das erste Mal, dass junge Frauen in öffentlichen Räumen von der Sekte angesprochen werden. Bereits 2023 und 2024 berichteten Passantinnen auf Social Media über solche Erlebnisse.

Da die Sekte in Zürich stetig wachse, würden auch ihre missionarischen Bemühungen mehr, so Schmid.

Vom harmlosen Event zur «Bible Study»

Ihre Vorgehensweise ist dabei immer ähnlich: Zwei junge Mitglieder sprechen an öffentlichen Orten, insbesondere Bahnhöfen, Gleichaltrige an.

Typisch für Shincheonji ist dabei, dass beim Missionieren täuschend vorgegangen wird. Entweder wird in eine ganz unverbindliche Bibelstunde eingeladen oder an zunächst harmlos wirkende Events.

lilybajor
Auf TikTok berichten unter einem Video der Influencerin Lilybajor zum Thema über hundert Leute von Begegnungen rund um den Zürcher Hauptbahnhof. - Tiktok/@lilybajor

Diese Treffen reichen von Foodsharing bis hin zu simplem Kaffeetrinken und haben vordergründig keinen religiösen Bezug. Am Event wird dann Werbung für eine sogenannte «Bible Study» gemacht.

Steigen Menschen darauf ein, werden sie systematisch mit Zuneigung überschüttet. Typisch ist gemäss dem Experten Georg Schmid auch das sogenannte «Sandwiching».

Dabei geben sich zwei bestehende Mitglieder als Neulinge aus, um der wirklich neuen Person allfällige Zweifel an der Sekte zu nehmen. So kommen nie zwei neue Mitglieder, die vielleicht zweifeln könnten, miteinander in Kontakt.

Juristisch gesehen ist das Missionieren an Bahnhöfen eine Grauzone. Seit einem Bundesgerichtsurteil von 2012 gilt die Meinungs- und Religionsfreiheit auch für das Gelände der SBB, man darf also grundsätzlich Menschen für den religiösen Glauben bekehren.

Sind Sekten aus deiner Sicht eine Gefahr für die Gesellschaft?

Der Mediensprecher der SBB sagt aber, ohne entsprechende Bewilligung sei das systematische Ansprechen von Passantinnen und Passanten am Zürcher Hauptbahnhof untersagt. Man solle sich bei allfälligen Belästigungen bei der Transportpolizei melden.

Zweiwöchiges Stalking nach dem Austritt

Für Schmid von Relinfo geht das Vorgehen der Sekte über Belästigung hinaus. «Besonders einsame junge Menschen sind in Gefahr, sich von den Tricks von Shincheonji einlullen zu lassen», sagt er.

Was die Sekte glaubt

Die Niederlassung von Shincheonji in Zürich fasst unterdessen etwa 300 Mitglieder. Weltweit sind es schätzungsweise 200’000. Die Mitgliederzahlen sind tendenziell steigend. 

Die Sekte glaubt, dass die Bibel verschlüsselt geschrieben und nur von Anführer Man-Hee Lee übersetzt werden kann. Wer erlöst werden will, muss Shincheonji angehören, alle anderen Menschen sind «verloren». 

Lee wurde 2020 wegen Veruntreuung von Spendengeldern und Nichteinhaltung der Pandemie-Regeln in Südkorea verhaftet. Mittlerweile ist er auf Bewährung frei.

Shincheonji-Mitglieder glauben, Jesus habe im übertragenen Sinne «die Samen gesät» und der jetzige Anführer, Man-Hee Lee, müsse jetzt die «Früchte», sprich die Menschen, in der heutigen Zeit ernten, also zusammenbringen. Daher interessiert sich die Sekte ausschliesslich für Menschen mit «christlichen Wurzeln».

Gibt sich eine Person bei einem Missionierungsgespräch als nicht christlich zu erkennen, wird das Gespräch sofort abgebrochen. «Es gibt eine klar rassistische Vorselektion bei Shincheonji», sagt Schmid. Sähe eine Person etwa optisch muslimisch oder hinduistisch aus, würde sie gar nicht erst angesprochen.

Bahnhofhalle
Betroffene berichten von Begegnungen in der Nähe des Treffpunktes in der Bahnhofhalle. - Mai Hubacher

Hinzu kommt: Einmal in der Sekte drin, ist der Ausstieg schwer. Ehemalige Mitglieder berichten in den Medien von intensiven Stalkingfällen, die bis zu zwei Wochen anhielten.

Oft würden Betroffene ihr gesamtes soziales Umfeld verlieren, weiss der Experte. Daher sei es wichtig, dass Stellen wie Infosekta und Relinfo an Schulen und gerade auch in christlichen Jugendgruppen über Shincheonji aufklären.

Anders gegen die Sekte vorzugehen, ist laut Schmid hingegen schwierig: «Man kann und will ja den Leuten nicht verbieten, andere in der Öffentlichkeit anzusprechen.»

Laura hat die Missionarinnen noch in der Bahnhofshalle abgewimmelt. «Junge Menschen unter falschem Vorwand anzusprechen und zu manipulieren, das finde ich, geht gar nicht.»

*Name geändert

***

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst bei Tsüri.ch erschienen. Autorin Miriam Thölke ist Praktikantin beim Zürcher Stadtmagazin.

Kommentare

User #3140 (nicht angemeldet)

Was sich alles so herum treiben darf ist erstaunlich.

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