«Schweiz ist seriöses Land»: Kritiker rechnet mit Italien ab

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Crans-Montana,

Die Schweizer Brandopfer von Crans-Montana müssen die Klasse wiederholen, die italienischen nicht. Ein italienischer Kolumnist kritisiert sein Land scharf.

Schule
Andrea Lombardi teilt in seiner Video-Kolumne «Caffè Amaro» gegen Italien aus. - Screenshot / Instagram

Das Wichtigste in Kürze

  • Die italienischen Brandopfer werden trotz verpasstem Schulunterricht versetzt.
  • «Dies erklärt klar, warum Italien ein gescheitertes Land ist», sagt ein italienischer Kolumnist.
  • Die Schweiz lobt er hingegen für das strenge Vorgehen – und trifft auf Widerstand.

Das Flammeninferno von Crans-Montana VS wirft die Schweizer Opfer zurück. Die brandverletzten Schülerinnen und Schüler müssen die Klasse wiederholen. Nach der Tragödie haben sie zu lange im Unterricht gefehlt, um das Schuljahr abzuschliessen.

Der Vater eines italienischen Opfers kritisierte, dass die Schweizer Schulen kein Auge zudrücken. «Ich finde das einen unglaublichen Mangel an Menschlichkeit», sagte er.

Die italienischen Schulen gehen anders vor. Dort werden alle Schülerinnen und Schüler, die wegen Brandverletzungen seit Monaten ausfallen, in die nächste Klasse versetzt.

«Ziele nicht erreicht»

Nun bekommen die italienischen Schulen für ihr Mitgefühl jedoch Schelte. Dafür sorgt Andrea Lombardi in seiner täglichen Video-Kolumne «Caffè Amaro».

In Italien habe jemand den Mut zu sagen, dass die Menschen humaner seien, sagt Lombardi. Die Schule diene «doch nur dazu», Wissen zu vermitteln, spottet er.

Deshalb sei es richtig, die Betroffenen von Crans-Montana zu versetzen. «Auch wenn sie die nötigen Ziele nicht erreicht haben.»

Wäre es besser, wenn auch die italienischen Brandopfer die Klasse wiederholen müssten?

Er zieht folgenden Schluss: «Dies erklärt klar, warum Italien ein gescheitertes Land ist.» Auch erkläre es, warum die Italiener diejenigen seien, die in der Schweiz arbeiten wollten. «Und nicht umgekehrt.»

Nur die Dritte Welt komme nach Italien

Der 37-Jährige kritisiert, dass die Italienerinnen und Italiener immer der Meinung seien, die anderen lägen falsch. «Aber dann seid ihr diejenigen, die in den Rest der Welt gehen wollt», wirft er vor. Fast nie wolle der Rest der Welt hingegen hierherkommen. «Die einzige Welt, die hierherkommen will, ist die Dritte Welt.»

Er lobt, dass die Schweizer Schulen die Brandopfer die Klasse wiederholen lassen. «Die Schweiz, die ein seriöses Land ist, sagt: ‹Du hast die Ziele nicht erreicht›», sagt Lombardi.

Es gehe dabei nicht um die Frage, ob die betroffenen Schülerinnen und Schüler schuld an ihrer Situation seien oder nicht. «Du bekommst das Diplom nicht oder wirst nicht versetzt. Punkt.»

«Je mehr du leidest, desto besser»

In Italien steht laut dem Kritiker hingegen das Leid im Vordergrund.

«Du hast gelitten und folglich wirst du versetzt», sagt Andrea Lombardi. Das Land orientiere sich an katholischen Leitsätzen. «Je mehr du leidest, desto besser ist es, auch wenn du nichts hinkriegst, nichts erreichst, nichts verbesserst.»

Es reiche, zu leiden, behauptet Lombardi. «Auf Erbsen kniend. Wenn es Gott gefällt, muss es auch uns gefallen.»

Doch versetzt zu werden, sei kein Preis, so der Italiener. «Und keine Entschädigung dafür, bei einem Brand riskiert zu haben, draufzugehen.» Auch das Erreichen der Bildungsziele sei nicht die Schuld der Opfer und liege nicht in ihrer Verantwortung. Tatsache sei aber, diese nicht erreicht zu haben.

«Wenn wir dich trotzdem versetzen, tun wir dir in Wirklichkeit nichts Gutes, sondern Schlechtes», sagt Lombardi. Vom italienischen Schulsystem hält er offenbar grundsätzlich wenig. «Du bekommst ein Stück Papier, das noch weniger wert ist, als es wert wäre, wenn du regulär versetzt worden wärst.»

«Können immer noch sitzenbleiben»

Der Kolumnist hat auf seinem Instagram-Profil über 270'000 Follower. Den Video-Post mit seiner Schul-Schelte verzeichnet über 160'000 Klicks. User haben mit über 500 Kommentaren reagiert.

Eine Userin widerspricht der Kritik. Die italienischen Schulen gäben den Schülern die Möglichkeit, den verpassten Stoff in den Ferien nachzuholen, schreibt sie. Im September beginne die Schule wieder. «Nächstes Jahr können sie immer noch sitzenbleiben, wenn sie das Niveau nicht erreichen.»

Eine Userin belehrt den Kolumnisten. «Diese Kinder machten Fernunterricht!», schreibt sie. Bevor er drauflosrede, solle er sich informieren.

Was «die liebe Schweiz betrifft», sei sie auch nicht in der Lage gewesen, ihren Kindern anzubieten, das Schuljahr abzuschliessen. Mit ihrer Kritik bezieht sie sich auch auf das Vorgehen der Walliser Justiz im Fall der Tragödie. Dies sorgt in Italien seit Monaten für grosse Empörung.

In den Kommentaren meldet sich auch eine Schweizerin zu Wort. Sie begrüsse, dass die Schüler, auch wenn sie nichts dafürkönnten, sitzenblieben. Leider hätten sie mehr als sechs Monate keinen Unterricht gehabt. «Wer weiterkommen will, braucht Unterricht, nicht Mitgefühl.»

Kommentare

User #6324 (nicht angemeldet)

Mitleid mit den Betroffenen bringt den Betroffenen rein gar nichts. Sie würden spätestens im neuen Schuljahr schmerzlich erfahren müssen, dass ihnen ein gewisser Stoff FEHLT!!!!

User #6324 (nicht angemeldet)

Wie die Schweiz vorgeht - in diesem Fall - ist genau richtig. Das Argument ist ganz einfach und einleuchtend: Du hast die Ziele nicht erreichen bzw. erreichen können, also kannst Du nicht versetzt werden. Denn, es fehlt diesem Menschen das Wissen für diese Stufe. Was ist schon der Verlust eines einzigen Jahres auf ein ganzes Menschenleben betrachtet - NICHTS! Also Schweiz, alles richtig gemacht.

Weiterlesen

Schule
18 Interaktionen
Keine Ausnahme
notausgang
94 Interaktionen
Crans-Montana
sdf
162 Interaktionen
«Nicht so willkommen»

MEHR IN NEWS

venezuela
4 Interaktionen
Nach Erdbeben

MEHR AUS CRANS-MONTANA

Crans-Montana Brand Rettungskräfte
24 Interaktionen
Crans-Montana
Trystan Pidoux
Crans-Montana
Crans-Montana
Crans-Drama
a
275 Interaktionen
«Will weiter dienen»