Schlimmer Jahres-Start: Darum solltest du den Mut nicht verlieren
Das Jahr 2026 hat mit vielen negativen Ereignissen angefangen. Fachpersonen sagen, warum man trotzdem nicht den Kopf hängen lassen sollte.

Das Wichtigste in Kürze
- Schock, Trauer und Wut nehmen vielen Menschen den Schwung ins neue Jahr.
- Empörung und Schwarzmalerei hätten zugenommen, stellt ein Psychotherapeut fest.
- Ein Glücksforscher sagt, wo jetzt das Glück liegt, und ein Soziologe sieht Lernpotenzial.
Voller Zuversicht lassen die Menschen in der Schweiz das alte Jahr ausklingen. Unzählige Neujahrswünsche setzen User am Silvesterabend auf Social Media ab.
«2025 ist ein Jahr zum Vergessen», sind sich viele einig. Die Kriege im Nahen Osten und der Ukraine, aber auch die US-Strafzölle für die Schweiz sind nur einige Beispiele.
Doch bereits am ersten Januar wacht die Schweiz mit einer Schreckensnachricht auf: In einer Bar in Crans-Montana VS ist es zu einer Brandkatastrophe gekommen. Viele junge Menschen sterben oder werden schwer verletzt.
Angriff auf Venezuela, Brandanschlag in Berlin
Schock, Trauer und Wut nehmen vielen Menschen den Schwung ins neue Jahr.
Nur Stunden später folgt der nächste Schlag für das Gemüt. US-Präsident Donald Trump hat einen Angriff auf Venezuela gestartet. Zudem droht er, auch Kuba, Kolumbien, den Iran oder Grönland anzugreifen.
Am dritten Januar sorgt eine Meldung aus Berlin dafür, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. 45'000 Haushalte in Berlin sind nach einem Brandanschlag ohne Strom. Zehntausende Berliner frieren bei minus 12 Grad.
Und kurz darauf, vergangenen Mittwoch, erschiesst ein Agent der US-Migrationsbehörde eine junge US-Bürgerin. Der Aufschrei ist riesig.
«Unermessliches Leid und beglückende Schönheit»
Am Freitag ist es kaum möglich, sich der Trauer zu entziehen. In Gedenken an die Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana findet ein nationaler Trauertag statt.
Zuvor sagt die SRG die Sport-Awards ab. Auch die Swiss Football Night wird aus Respekt verlegt.
Der grobe Start ins neue Jahr stimmt viele Menschen in der Schweiz nachdenklich. Etwa die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr drückt ihre Gefühle in einem Instagram-Post aus.
Ein Foto zeigt eine schöne Winterlandschaft in den Bergen. «Gleichzeitigkeit: Unermessliches Leid und beglückende Schönheit», schreibt sie dazu.
«Ja, man darf»
Jacqueline Fehr fragt, ob man glücklich sein dürfe. «Wenn gleichzeitig in Kriegs- und Krisengebieten Millionen von Menschen in unvorstellbar misslichen Verhältnissen leben?»
Auch stellt sie die Frage, ob man sich amüsieren dürfe, wenn Millionen von Menschen nicht mal die Grundbedürfnisse stillen könnten. Oder um ihre Liebsten trauerten.
Sie kommt zu folgendem Schluss: «Ja, man darf. Denn es ist das gute Leben, das uns zum Engagement motiviert.» Fortschritt braucht Orientierung.
«Witz an Leichenmahl erzählen?»
Psychotherapeut Matthias Federer würde Der Regierungsrätin zustimmen.
«Auf jeden Fall darf man feiern und Freude am Leben haben», sagt er zu Nau.ch.
Und er fragt: «Darf man an einem Leichenmahl einen Witz erzählen?» Seine Antwort lautet: «Klar – aber nicht jeden.»
Dass die Öffentlichkeit Jubelanlässe absage, sei in Ordnung. «Das heisst aber nicht, dass ich mich an meinem Kaffee morgens nicht mehr erfreuen darf oder eine Geburtstagsparty absagen muss.»
«Geht uns saumässig gut»
Federer stellt fest, dass Empörung und Schwarzmalerei seit einiger Zeit «leider sehr stark» bewirtschaftet werden. «Aber es stimmt nicht, dass es heute schlimmer ist als früher.»
Er nennt einige Beispiele.
Noch nach dem Zweiten Weltkrieg hätten in Spanien, Portugal, Griechenland und der Türkei Diktaturen geherrscht, sagt Federer. «Der Osten Europas war unter der eisernen Faust Russlands.» In Indochina, China, Iran und Irak seien Millionen von Menschen gestorben.
Federer sieht allerdings einen Unterschied zu den 60er- bis 80er-Jahren.
Damals habe die Erwartung geherrscht, dass es uns immer besser gehen werde. Diese Überzeugung sei heute nicht mehr da.
«Eventuell auch berechtigt, weil es uns saumässig gut geht.» Gerade die Schweizer Bevölkerung habe sich an diese positive Ausnahmesituation gewöhnt.
Experte: Dauerempörung wirkt wie Droge
«Jammern und moralische Dauerempörung über die schlechte Welt wirkt wie eine Droge», sagt der Psychotherapeut. Man nehme sie, um sich auf der Seite «der Guten» zu fühlen.
«Pseudo-Befriedigung», nennt es Federer. «Aber langfristig macht es einen kaputt.» Man drohe zu verhärten, abzustumpfen – und zu verbittern.
Anstatt zu jammern, rät Federer, dankbar zu sein. «Für alles, was gut war und ist im eigenen Leben.» Zum Beispiel auch dafür, in Sicherheit leben zu können, gutes Essen und ein gutes Gesundheitswesen zu haben.
Selber könne man im Kleinen Gutes tun, sagt Federer. «Mitmenschlichkeit», laute das Stichwort. «Mit anderen Menschen schwatzen, ein freundliches Wort und Blickkontakt aufnehmen bringen schon viel.»
Dankbarkeit und «Bescheidenheit» sind laut Federer gesünder als ständige Empörung. Man solle seine eigenen Grenzen sehen. «Und sich bewusst sein, das Steuerrad der Welt nicht in der Hand zu haben.»
«Damit schade ich niemandem»
Auch Glücksforscher Mathias Binswanger kann die Tristesse zu Neujahr nachvollziehen. «Die Silvestertragödie in Crans-Montana ist natürlich kein glücklicher Start ins neue Jahr», sagt er.
Man müsse jedoch auch sehen, dass es sich hier um eine absolute Ausnahme handle. «In der Schweiz gibt es dank den Verbesserungen beim Brandschutz nur noch selten grössere Brände.»
Binswanger warnt davor, gegenwärtige Ereignisse zu überinterpretieren, sei man nicht persönlich betroffen. «Wir sollten auch zur Kenntnis nehmen, wie viel auf der Welt doch perfekt läuft.»

Auch Mathias Binswanger ist der Meinung, sich von erschütternden Ereignissen nicht die Lebensfreude verderben zu lassen.
«Es hilft niemandem, wenn wir jetzt privat auf Feiern verzichten.» Anders als bei einer öffentlichen Veranstaltung setze man damit kein Zeichen.
Auch sei es nicht unempathisch oder egoistisch, sich trotz des Leids für die Betroffenen über das eigene Glück zu freuen. «Denn damit schade ich niemandem.»
Depressiv herumzusitzen hingegen schadet der Gesellschaft. «Weil mich dies passiv macht und auf andere abfärbt.»
«Lernen, solidarisch zu sein»
Der emeritierte Soziologieprofessor Ueli Mäder befasst sich unter anderem mit sozialer Ungleichheit. Gerade im Fall von Crans-Montana handle es sich um ein bewegendes Ereignis, sagt er. Es sei in unmittelbarer Nähe passiert und werde medial intensiv begleitet.

«Es ist wichtig, dass man sich berühren lässt», sagt Mäder. Diese Nähe dieser Katastrophe biete die Gelegenheit, das Leid anderer Menschen wahrzunehmen und mitzutrauern. «Und sich dadurch bewusst zu werden, dass das viele Gute nicht so selbstverständlich ist.»
Grosses Leid sei überall auf der Welt vorhanden, sagt Mäder. Doch die humanitären Krisen etwa im Sudan oder Kongo berührten die Menschen in der Schweiz weniger.
«Aus dem Leid vor unserer Haustür sollen wir lernen, solidarisch zu sein.» Nehme die soziale Ungleichheit weiter zu, drohe auch die Schweiz durch grössere Konflikte eingeholt zu werden.






















