Personalmangel treibt Schweizer Sicherheitsfirmen Richtung KI
Der Branche fehlen Mitarbeitende, während die Nachfrage weiter steigt. Nun sollen KI, Drohnen und Robotik Routineaufgaben übernehmen und Personal entlasten.

Das Wichtigste in Kürze
- Bei privaten Sicherheitsfirmen werden offene Stellen oft nur noch schwer besetzt.
- Der Personalmangel fördert Investitionen in KI, Roboter und Fernüberwachung.
- Menschen bleiben aber zentral bei Deeskalation, Urteilen und Verantwortung.
Über den Mangel an Pflegepersonal, Bauführern oder Elektrikern hört und liest man viel. Weniger im Fokus steht eine Branche, die ebenfalls unter Druck steht: private Sicherheitsdienste.
Eine ZHAW-Studie von 2025 zeigt: Fast zwei Drittel der befragten Unternehmen geben an, dass offene Stellen nicht zeitnah besetzt werden können. Zugleich gehen drei Viertel davon aus, dass die Zahl der Aufträge künftig steigen wird.
Ein weiterer Befund: 51,1 Prozent der Sicherheitsunternehmen wollen vermehrt in Künstliche Intelligenz investieren. 43,8 Prozent experimentieren bereits mit Entwicklungen wie Robotik, AI und Drohnen. Und 58,4 Prozent glauben, dass technische Systeme künftig Mitarbeitende ersetzen könnten.
Zu wenig Personal, eine wachsende Nachfrage nach Sicherheit – und zugleich steigende Investitionen in KI. Die Frage drängt sich auf: Beschleunigt der Fachkräftemangel die technologische Entwicklung?
Roboter patrouillieren, Leitstellen übernehmen
Der Verband Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungs-Unternehmen (VSSU) formuliert es so: Die Unternehmen seien zunehmend gefordert, ihre vorhandenen Ressourcen effizienter einzusetzen.
Das begünstige Investitionen in KI-gestützte Videoanalyse, Remote Guarding (Fernüberwachung) oder automatisierte Alarmverarbeitung, sagt VSSU-Sprecherin Julija Sicova.
Allerdings sei es zu einfach, die Entwicklung nur mit fehlendem Personal zu erklären. Auch höhere Qualitätsanforderungen, schnellere Reaktionszeiten und steigende Kundenerwartungen trieben die Digitalisierung voran.
Ähnlich sieht es Dirk Baier, Kriminologe und Co-Autor der ZHAW-Studie. «Der Personalmangel ist ein Anlass, aber keine Ursache für die Bereitschaft, sich mit KI zu beschäftigen.»
Die Sicherheitsbranche habe schon immer geprüft, welche technischen Möglichkeiten ihre Arbeit verbessern könnten. Neu sei das grosse Versprechen, dass KI einen Quantensprung bringen könnte.
Dass diese Entwicklung bereits in vollem Gang ist, zeigt Securitas. Der grösste private Sicherheitsanbieter der Schweiz baut nach eigenen Angaben seit rund drei Jahren «Robotics-as-a-Service» auf.
Sprecher Urs Stadler beschreibt ein Beispiel: Ein fahrender Roboter kontrolliert nachts autonom ein Firmengelände. Er fährt Umzäunungen ab, prüft Gebäudezugänge und Fahrzeuge, erkennt anwesende Personen und übermittelt Meldungen an die Einsatzzentrale.
«Via Live-Bild und -Audio können Zentralenmitarbeitende über den Roboter mit Anwesenden kommunizieren. Bei Verdacht auf einen Sicherheitsvorfall fährt ein Interventionsspezialist vor Ort», erklärt Stadler.
Routine fällt weg – der Mensch bleibt für den Ernstfall
Für Sicherheitsangestellte bringe das klar eine Entlastung: «Sie werden von Routineaufgaben entlastet und konzentrieren sich auf Entscheide und ihre Gesamtverantwortung für die Sicherheit des Kunden.»
In etwa so dürfte sich die Branche in den nächsten Jahren verändern: Was standardisiert, repetitiv und gut messbar ist, wird eher automatisiert oder technisch unterstützt.
Dazu gehören einfache Kontrollgänge, Zustandskontrollen, Perimetersicherung, Zutrittskontrollen, Teile der Videoüberwachung oder die automatisierte Verarbeitung von Alarmmeldungen.

Auch an Grossveranstaltungen ist dieser Wandel bereits sichtbar. Securitas verweist darauf, dass Ticketkontrollen heute vielerorts weitgehend technologisch gelöst sind. Dadurch braucht es weniger Personal an der Routinekontrolle, dafür kompetente Mitarbeitende für Ausnahmen, Probleme und besondere Besucherbedürfnisse.
Baier geht davon aus, dass sich KI vor allem in der Videobeobachtung und deren automatisierter Auswertung breit etablieren wird. Sie könne helfen, Sicherheitskräfte gezielter einzusetzen. Und: «Sicherlich wird KI auch verstärkt zur vorgängigen Risikoeinschätzung etwa bei Veranstaltungen genutzt.»
Für Flughäfen, Spitäler, Baustellen, Einkaufszentren, Botschaften, Asylzentren und Events dürfte das heissen: Weniger reine Präsenz, mehr Sensoren, mehr Kameras, mehr Leitstellen, mehr automatische Hinweise und mehr mobile Intervention nach Bedarf.
Ohne Menschen geht es trotzdem nicht
Eine menschenlose Sicherheitsbranche erwarten die Befragten aber nicht. Im Gegenteil: «Überall dort, wo situative Beurteilung, Kommunikation, Deeskalation oder rechtliche Verantwortung gefragt sind, wird der Mensch unverzichtbar bleiben», sagt Sicova.
Auch Stadler zieht eine klare Grenze: «Bei höherem Aggressionspotenzial, beim Beurteilen komplexer Sicherheitssituationen, in der Betreuung oder an einem Welcome Desk machen Menschen mit Fachwissen und dem nötigen Gespür auch weiterhin den Unterschied gegenüber technischen Lösungen.»
Baier formuliert es noch grundsätzlicher: «KI wird am Ende nicht wirklich handeln und auch nicht entscheiden, sondern Grundlagen hierfür liefern. Der Mensch bleibt im Zentrum.»
Das Berufsbild dürfte sich dadurch verschieben: Klassische Präsenzfunktionen verschwinden nicht, sie werden aber stärker durch Technik ergänzt. Sicherheitsmitarbeitende müssen Alarme einordnen, technische Meldungen bewerten, mit Leitstellen zusammenarbeiten und in heiklen Situationen richtig reagieren.
Mit anderen Worten, so Sicova: «Digitale Kompetenzen, analytisches Denken und Kommunikationsfähigkeit gewinnen zunehmend an Bedeutung.»











