Galaxus

    Onlineriese Galaxus lädt Logistiker zum Casting – ohne Lebenslauf

    Simon Ulrich
    Simon Ulrich

    Zürich,

    Für Logistikstellen setzt Galaxus auf Praxis statt Papier. Sieht so die Bewerbung der Zukunft aus?

    Galaxus
    Die Casting Days von Galaxus starteten im Mai 2025 als Pilot in der Schweiz. Seit September 2025 sind sie Standard in der Schweizer Logistik-Rekrutierung. - Galaxus

    Das Wichtigste in Kürze

    • Galaxus rekrutiert Logistikpersonal ohne Lebensläufe über «Logistics Casting Days».
    • Seit 2025 stellte das Unternehmen so in der Schweiz rund 1200 Personen ein.
    • Experten sehen Vorteile bei Praxisjobs, aber Grenzen bei Fach- und Bürojobs.

    Lebenslauf schreiben, Motivationsbrief formulieren, Bewerbung abschicken und auf eine Antwort warten: So läuft der klassische Bewerbungsprozess ab.

    Bei Galaxus hat er nun zumindest teilweise ausgedient. Denn wer sich beim Online-Riesen für einen Logistikjob interessiert, nimmt an einem sogenannten «Logistics Casting Day» teil.

    Castings kennt man eigentlich vor allem aus dem Showbusiness – so erhalten Schauspieler und Models in der Regel ihre Jobs. Doch das funktioniert hier auch für Logistikerinnen und Logistiker.

    Sie zeigen beim Casting ganz konkret, wie sie praktisch mit dem Arbeitsalltag zurechtkommen.

    Schon 1200 Mitarbeiter so eingestellt

    Den Lebenslauf und das Anschreiben kann man sich dabei schenken. Und: Ob man den Job bekommt, erfährt man noch am selben Tag.

    Was zunächst nach einem HR-Experiment klingt, ist inzwischen zum Standard geworden. Die Casting Days starteten im Mai 2025 als Pilot. Seit September 2025 nutzt Galaxus das Verfahren regulär für die Logistik-Rekrutierung in der Schweiz.

    Und das in grossem Stil: Rund 1200 Personen hat Galaxus nach eigenen Angaben hierzulande bereits auf diesem Weg eingestellt. In Deutschland sind es rund 200, in Serbien mehr als 50.

    Castings führen zu weniger Kündigungen

    Noch bemerkenswerter ist ein anderer Wert. Seit Einführung der Casting Days sei die Fluktuationsrate in der Logistik um 60 Prozent gesunken, sagt Galaxus-Sprecher Manuel Wenk. Es gibt also deutlich weniger Kündigungen. Absolute Zahlen veröffentlicht das Unternehmen nicht.

    Galaxus erklärt den Rückgang damit, dass beide Seiten schon beim Auswahlverfahren besser wissen, worauf sie sich einlassen:

    «Kandidatinnen und Kandidaten erhalten am Casting Day ein realistisches Bild der Arbeit. Und wir sehen die tatsächlichen Fähigkeiten in praxisnahen Szenarien.»

    Auch schneller geht es. Früher dauerte es laut Galaxus rund zwei Wochen, bis jemand eingestellt war. Heute liegt die sogenannte Time-to-Hire bei einem Tag.

    Dafür hat das Unternehmen mehrere klassische Schritte gestrichen: CV-Screening, Telefoninterview und den mehrwöchigen Bewerbungsprozess.

    Galaxus will weniger Vorurteile

    Der Verzicht auf den Lebenslauf hat aber nicht nur mit Tempo zu tun.

    Name, Herkunft, Erwerbslücken, Foto: Ein CV enthalte Angaben, die für einen Logistikjob nicht entscheidend seien, Die Wahrnehmung aber trotzdem beeinflussen könnten, sagt Wenk.

    Galaxus will deshalb stärker darauf schauen, was Bewerber tatsächlich können. Beim Casting werden unter anderem kognitive sowie handwerklich-motorische Fähigkeiten beobachtet.

    Über den klassischen CV sagt Wenk: «Der Lebenslauf ist aus unserer Sicht zu einer reinen Verkaufsunterlage geworden und verliert immer mehr an Relevanz für die Realität. Er zeigt, wie jemand sich darstellt, nicht was jemand kann.»

    «In der Lagerhalle sind sie halt trotzdem sackstark»

    Genau darin sieht auch Headhunter und Jobcoach Lucas Zehnder die grosse Stärke des Modells.

    Gerade bei Lager- und Logistikjobs könnten gute Leute bereits wegen ihrer Bewerbungsunterlagen durchs Raster fallen:

    «Viele wertvolle Mitarbeiter würden wohl an Seite eins ihres Lebenslaufs scheitern, aber in der Lagerhalle sind sie halt trotzdem sackstark.»

    Lucas Zehnder
    Lucas Zehnder ist Headhunter und Berater im direkten Kontakt mit Unternehmen und Kandidaten. Er ist Partner bei der Schweizer Tech Recruiting Firma Rockstar Recruiting. - zvg

    Für Zehnder ist das Casting deshalb vor allem dort sinnvoll, wo Leistung schnell sichtbar wird und die Einarbeitung überschaubar ist.

    Neben Lager und Logistik nennt er Produktion, Gastronomie, Reinigung und Promotions-Jobs. «Da sieht man in vier Stunden vor Ort mehr, als wenn man 40 Dossiers durcharbeiten muss.»

    Für Fachjobs stösst das Modell an Grenzen

    Zur neuen Universallösung für die Arbeitswelt wird das Casting nach Einschätzung des Experten aber nicht.

    «Ich sehe kein Potenzial für Stellen, bei denen komplexe Expertise und Erfahrung gefragt sind. Ich glaube auch nicht, dass ein solches Casting klassische Bewerbungsverfahren ersetzt.»

    Bei anspruchsvolleren Fach- oder Führungsfunktionen zeige sich der Wert einer Person oft erst über längere Zeit. Ein Vormittag mit einigen Aufgaben könne das kaum abbilden.

    Das sieht auch Galaxus so. Wenk sagt: «Bei konzeptionellen Tätigkeiten, also den meisten Bürojobs, wäre ein aussagekräftiges Assessment pro Person deutlich zeitaufwendiger. In der Masse wäre es nicht durchführbar.»

    Ungeachtet solcher Grenzen prüft das Online-Warenhaus weitere Einsatzfelder. Für den Customer Service in Serbien läuft seit Juli 2026 bereits ein Pilot. Mehr als 50 Personen wurden dort laut Galaxus auf diese Weise eingestellt.

    Niederschwellig ist das Casting nicht für alle

    Der Verzicht auf Bewerbungsunterlagen kann Barrieren senken. Ganz ohne Hürden ist das Verfahren aber nicht.

    Zehnder weist darauf hin, dass Bewerbende für einen Casting Day einen ganzen Tag vor Ort einplanen müssen. Am Ende können sie trotzdem eine Absage erhalten.

    «Ein Format, das Niederschwelligkeit verspricht, aber einen ganzen Tag Präsenz an einem festen Ort verlangt, selektiert nach Mobilität, Kinderbetreuung und freier Zeit.»

    Würdest du dich lieber ohne Lebenslauf direkt bei einem Praxistest für einen Job beweisen?

    Auch persönliche Sympathie verschwindet durch das Casting nicht automatisch aus dem Auswahlprozess. Umso wichtiger seien standardisierte Kriterien und geschultes Personal.

    Zehnder bringt es so auf den Punkt: «Ohne festes Kriterienraster verlegt man den Bauchentscheid nur vom Schreibtisch in die Lagerhalle.»

    Stirbt nun der Lebenslauf aus?

    Galaxus denkt inzwischen auch bei Bürojobs über neue Rekrutierungswege nach. Dabei stellt das Unternehmen sogar infrage, ob es künftig überall noch klassische Stelleninserate und Lebensläufe braucht. Aktuell befinde man sich aber noch in der Konzeptphase, sagt Wenk.

    Wird der klassische Lebenslauf langfristig also verschwinden?

    Daran glaubt Zehnder nicht. «Totgesagte leben länger», meint er.

    Der CV sei zwar kein perfekter Massstab für die Leistung eines Kandidaten. Bislang sei er aber noch immer «das effizienteste Format, um sich einen Überblick zu verschaffen».

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    Kommentare

    User #6785 (nicht angemeldet)

    HR ist vorbei. KI kann auch das besser (so wenig es auch war). Jetzt kommt der Boomerang.

    User #4344 (nicht angemeldet)

    In der Logistik muss man logisch denken können. Das ist doch logisch, oder.

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