Ölkrise: «Schweiz muss das Signal ernst nehmen»
Die Internationale Energieagentur empfiehlt Massnahmen, um Öl zu sparen. Energiepolitikerinnen und -politiker sind besorgt.

Das Wichtigste in Kürze
- Die strategischen Ölreserven drohen in rund fünf Monaten aufgebraucht zu sein.
- SP-Nationalrat Hasan Candan befürchtet noch mehr finanzielle Belastungen.
- Grüne Energie sieht SVP-Nationalrat Christian Imark auch in der Krise nicht als Lösung.
Die Internationale Energieagentur (IEA) schlägt Alarm. Täglich fehlen elf Millionen Barrel Rohöl. Dies bedeutet, dass die restlichen IEA-Reserven nur 120 bis 150 Tage reichen. Konkret drohen die strategischen Reserven in vier bis fünf Monaten aufgebraucht zu sein.
Die Strasse von Hormus ist eine der wichtigsten Routen für den weltweiten Ölhandel. Wegen des Iran-Kriegs ist diese seit Wochen gesperrt. Entspannung ist zurzeit nicht in Sicht.
Am Montag kündigte US-Präsident Donald Trump eine fünftägige Kriegspause an. Auch behauptete er, dass die Strasse von Hormus «sehr bald» wieder offen sein werde.
Angesichts der Ölkrise empfiehlt die IEA zehn Massnahmen, um den Ölverbrauch zu senken. Dazu zählen unter anderem Homeoffice, das Umsteigen auf den ÖV, Roadpricing, Tempolimits und der Verzicht auf Flugreisen.
«Es ist unverständlich»
«Die Schweiz muss das Signal der IEA sicher ernst nehmen», sagt SP-Nationalrat Hasan Candan zu Nau.ch. Er fordert die Behörden auf, Abklärungen zu treffen, um die Schweiz auf einen möglichen Öl-Engpass vorzubereiten.
«Am Ende des Tages zahlen die Menschen die höheren Preise als Folge einer Ölkrise», sagt Candan. Gleichzeitig litten viele Menschen wegen der Teuerung sowie der steigenden Prämien und Mieten bereits unter finanziellen Belastungen.
Hasan erinnert an die Erdölkrise 1973. Damals rief der Bundesrat zu autofreien Sonntagen auf.
«Es ist unverständlich, dass wir es nicht geschafft haben, aus solchen Krisen zu lernen.» Dies sei auch ein Versäumnis der bürgerlichen Politik.
«Nur mit erneuerbaren Energien aus Wind, Sonne und Wasser sichern wir die vom Ausland unabhängige Energieversorgung unserer Wirtschaft.» Die aktuelle Ölkrise zeige, wie dringend nötig ein Kurswechsel sei.
«Heizung herunterstellen»
Grünen-Nationalrätin Marionna Schlatter zieht ähnliche Schlüsse. «Die Ölkrise bestätigt, dass wir mit der Abhängigkeit von fossilen Energien unserem Land keinen Gefallen machen», sagt sie.
Die Schweiz müsse deshalb möglichst schnell in alternative Energien investieren, um von Öl und Gas unabhängiger zu werden.
Die Ölkrise bereitet ihr Sorgen. «Man weiss nicht, was auf einen zukommt», sagt sie. «Vor allem auch, weil eine Entspannung der Situation nicht absehbar ist.»
Die Energiepolitikerin ist der Meinung, dass die Schweizer Bevölkerung versuchen solle, jetzt besonders haushälterisch mit Öl umzugehen.
«Die Bevölkerung sollte motiviert werden, zum Beispiel die Heizung herunterzustellen», sagt Schlatter. Sinnvoll wäre ihrer Meinung nach auch, auf unnötige Autofahrten zu verzichten. «Und wo möglich, im Homeoffice zu arbeiten oder den öffentlichen Verkehr zu benutzen.»
Der Bundesrat müsse aber entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt sei, um offizielle Energiesparmassnahmen zu empfehlen.
Schweiz könne nur zuschauen
Dass Linke auch die Bürgerlichen für die angespannte Situation verantwortlich machen, nimmt SVP-Nationalrat Christian Imark gelassen.
«Das ist billige Polemik», sagt er. Sehr wohl fördere die Schweiz erneuerbare Energien. «Die erneuerbaren Energien können aber gar nicht unseren gesamten Energiebedarf decken.»
Die Schweiz sei immer vom internationalen Handel abhängig, sagt Imark. «Solarpanels importiert die Schweiz zum Beispiel auch aus China.»
Dennoch ist der Energiepolitiker «sehr besorgt». «Der Ölpreis geht nur in eine Richtung und ein Ende ist nicht abzusehen», sagt er. Im Moment könne die Schweiz als Aussenstehende aber nur zuschauen. «Ein Land, das international so eng vernetzt ist wie die Schweiz, wird Krisen im Ausland immer spüren.»
«Temperaturen steigen zum Glück»
Am Mittwoch erreicht laut Prognosen eine Kaltfront die Schweiz. Es kommt zu einem Temperatursturz, bis in tiefe Lagen soll es schneien. FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen ist aber zuversichtlich.
«Der Winter neigt sich dem Ende zu und die Temperaturen steigen zum Glück», sagt Wasserfallen. Wärmere Temperaturen entspannten die Lage auf dem Öl- und Gasmarkt. «Zudem betreibt die Schweiz eine Pflichtlagerhaltung von gut vier Monaten.»
Aktiv zum Energiesparen aufrufen würde Wasserfällen die Bevölkerung aber nicht. «Er gehe generell von der Vernunft der Bevölkerung aus. «Ganz grundsätzlich muss man sich immer überlegen, ob ein Online-Call statt einer weiten Anreise nicht besser wäre.»
Zudem geht er davon aus, dass die Schweiz mit solchen Massnahmen ohnehin nur wenige Prozente Energie sparen kann. «Die Energiepreise werden steigen und so regelt sich der Konsum etwas.»
Sparsamer Umgang sei sinnvoll
In der Schweiz zeichnet sich aktuell kein Öl-Engpass ab.
«Die Versorgung mit Mineralölprodukten in der Schweiz ist zurzeit sichergestellt.» Dies teilt Thomas Grünwald mit, Mediensprecher des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL).
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt seien keine Sparappelle nötig. «Ein sparsamer Umgang mit Energie ist aber immer sinnvoll.»

Der Bund beobachtet die Versorgungslage gemeinsam mit allen relevanten Akteuren laut Grünwald «sehr eng.» Zu möglichen Szenarien äussert sich der Bund nicht.
«Die wirtschaftliche Landesversorgung greift dann ein, wenn die Wirtschaft die Versorgung nicht mehr gewährleisten kann», sagt Thomas Grünwald.
In diesem Fall kann der Bund zum Beispiel Pflichtlager freigeben. Bei Benzin, Dieselöl und Heizöl extraleicht decken die Pflichtlager den nationalen Bedarf während 4,5 Monaten. Beim Flugpetrol reicht der Bedarf für drei Monate.















