Trotz Verbot: Berner Notschlafstelle lässt Sans-Papiers übernachten
Obdachlose ohne gültige Papiere dürfen in Notschlafstellen, die der Kanton Bern finanziell unterstützt, nicht übernachten. Doch die Realität sieht anders aus.

Das Wichtigste in Kürze
- Seit einem Jahr gilt für die Notschlafstelle «Pluto» die neue Regelung des Kantons.
- Dennoch zeigen Zahlen: Rund ein Drittel hat keine gültigen Dokumente vorgewiesen.
- Die Betreiber sprechen von «lebensbedrohlichen» Situationen & Spenden-finanzierten Betten.
Letztes Jahr hat der Kanton Bern für Notschlafstellen eine neue Regelung eingeführt: In jenen, die vom Kanton finanziert werden, dürfen Obdachlose ohne gültige Papiere nicht übernachten.
Ausnahmen gelten nur in «lebensbedrohlichen Notlagen». Diese Massnahme rechtfertigt der Kanton mit dem Kostendruck.
Die Regelung gilt seit Mai 2025 auch für die Notschlafstelle «Pluto» in Bern. Die Notschlafstelle für Jugendliche und junge Erwachsene erhält vom Kanton 500'000 Franken.
Fast jede dritte Person weist keine gültigen Papiere vor
Doch wie SRF jetzt berichtet, zeigt sich in der Realität, dass es an der Umsetzung der neuen Vorgabe scheitert: Einem Evaluationsbericht zufolge hatten 15,9 Prozent der Nutzenden der Notschlafstelle «Pluto» seit Mai 2025 nämlich keinen gültigen Aufenthaltsstatus.
Hinzu kommt, dass bei weiteren 15,9 Prozent der Aufenthaltsstatus gar nicht erst erfasst wurde. Damit war bei knapp jeder dritten Person nicht erwiesen, dass sie über gültige Papiere verfügt.
Laut dem Evaluationsbericht zeigt zumindest ein Teil der Nutzenden der Notschlafstelle «aggressives Verhalten», das auf «Substanzkonsum» zurückzuführen sei. Mitarbeitende seien ausserdem schon mit einem Messer bedroht und eingeschüchtert worden, heisst es in der Sendung «Schweiz aktuell».
Kritik an der Auslegung vom «lebensbedrohlichen Notlagen»
Die «Pluto»-Betreiber erklären, dass sich Personen ohne sicheren Schlafplatz in einer Notsituation befänden. Diese könne «lebensbedrohlich» sein. «Die Vorgabe lässt in Einzelfällen ausdrücklich Spielraum zu», erklärt auch Claudia Hänzi vom Stadtberner Sozialamt dem Sender.
Kritik an dieser Begründung gibt es etwa vom GLP-Grossrat Casimir von Arx. Dass die Stadt sage, alle 600 Fälle seien eine «lebensbedrohliche Notlage» gewesen, sei nicht plausibel.
Denn zu 72 dieser angeblichen lebensbedrohlichen Situationen sei es im Juli gekommen. «Das ist eine Jahreszeit im Hochsommer, in der man draussen übernachten kann, ohne dass es gleich lebensgefährlich wird.»
Teil der Betten durch Spenden finanziert
Auch Gundekar Giebel, Sprecher der kantonalen Gesundheitsdirektion, findet: «Ein ganzes Drittel äusserster Notfälle kann ich mir jetzt schlecht vorstellen.» Dem müsste der Kanton nachgehen.
Klar ist aber: «Die Regelung ist da, damit man sie einhält und nicht probiert, sie zu umgehen.» Denn allein für die Notschlafstellen in der Stadt Bern zahlt der Kanton in diesem Jahr fast 3 Millionen Franken. Das ist eine halbe Million Franken mehr als im Vorjahr.
Dass der Unmut über die im vergangenen Jahr eingeführte Regelung bei den Betreibern von Notschlafstellen gross ist, zeigt auch eine Petition. Diese hat gegen die Regelung 12'500 Unterschriften eingereicht.
«Pluto» erklärt gegenüber SRF, neben den sieben vom Kanton finanzierten Betten könne die Notschlafstelle noch zusätzliche Betten anbieten. Diese seien mit Spenden-Geldern finanziert. Deshalb gelte für diese die Regelung des Kantons nicht. Dieser wiederum will das nun prüfen.













