Nur Image-Aktion? Das bringen Labels für krummes Gemüse wirklich
Krumm, schief, aber dennoch fein: Schweizer Supermärkte retten mit Labels wie «Ünique» und «Save Food» Obst und Gemüse vor dem Abfallberg. Tatsächlich?

Das Wichtigste in Kürze
- Krummes Obst und Gemüse landet oft im Abfall.
- Coop rettet mit ‹Ünique› seit 2013 Obst und Gemüse. Migros zieht mit ‹Save Food› nun nach.
- Landwirtschaftliche Kreise sehen darin aber vor allem Marketing statt eine echte Lösung.
- Befürworter halten dagegen: Solche Labels würden zur Sensibilisierung beitragen.
Schönheitsideale gibt es nicht nur beim Menschen, sondern auch im Obst- und Gemüseregal. Das führt zu Lebensmittelabfällen, also Food Waste.
Laut einer Studie der ETH Zürich aus dem Jahr 2019 machen landwirtschaftliche Lebensmittelabfälle 20 Prozent des gesamten Food Wastes aus. Ein zentraler Grund sind hierbei strenge Vorschriften, wie das Gemüse und Obst auszusehen hat.
Um dem entgegenzuwirken, hat Coop 2013 das Label «Ünique» für krummes Gemüse und Früchte mit Schönheitsfehlern ins Leben gerufen.

Auf Anfrage von Nau.ch gibt sich Coop «sehr zufrieden und zugleich stolz». «Seit der Lancierung von ‹Ünique› im Jahr 2013 konnte Coop mit dieser Eigenmarke bereits 24'000 Tonnen Früchte und Gemüse retten.»
Die Nachfrage nach den Produkten sei konstant hoch und steige kontinuierlich.
Migros macht es Coop nach
Das hat auch die Konkurrenz auf den Plan gerufen: Die Migros zog dieses Jahr mit der Linie «Save Food» nach. Zunächst nur für Kartoffeln, weitere Lebensmittel sollen aber folgen.
Die kürzliche Lancierung bei der Migros sorgte bei Schweizer Bauern für Kritik. Niklaus Ramseyer, Präsident der Vereinigung der Kartoffelproduzenten, bezeichnete die neue Produktlinie etwa als «Marketingaktion».
Der Detailhändler wehrt sich gegen diese Unterstellungen.
Gemüse- und Obstbauern sind gegenüber Labels wie «Ünique» und «Save Food» zwar grundsätzlich offen – doch unter Einschränkungen.
Matija Nuic, Direktor des Verbands Schweizer Gemüseproduzenten, sagt zu Nau.ch: «Die von der Branche definierten Normen lassen ausreichend Spielraum. Ob es diese Linien braucht, muss der Detailhandel entscheiden.»
Krummes Gemüse darf Normgemüse nicht verdrängen
Fakt sei aber, «dass optische Kriterien den Kaufentscheid stark beeinflussen – unabhängig von den Normen.» Das stelle man auch in den Hofläden fest.
Solche Produktlinien brächten nur dann etwas, wenn sie die Problematik nicht verlagerten. «So bringt es nichts, wenn mehr krumme Karotten verkauft werden, dafür aber die geraden liegen bleiben.»
Dazu komme: «Diese Produkte wurden mit dem gleichen Aufwand produziert, wie das ‹normkonforme› Gemüse», sagt Nuic. Entsprechend müssten die Produzenten auch den gleichen Preis für ihre Ware erhalten.
Allfällige Zusatzaufwände für solche Labels wie etwa zusätzlicher Sortieraufwand müssten entschädigt werden.
Darüber hinaus brauche es zur Verhinderung von Food Waste auch auf Stufe Produktion dringend Massnahmen. Etwa durch besseren Schutz vor Krankheiten und Schädlingen. «Da steht die Neuzulassung von Pflanzenschutzmitteln an erster Stelle», sagt Nuic.
Chantale Meyer vom Schweizer Obstverband äussert sich auf Anfrage von Nau.ch ähnlich: «Grundsätzlich sind Massnahmen zu begrüssen, die darauf abzielen, Food Waste zu reduzieren und die Konsumentinnen und Konsumenten sensibilisieren.»
Doch: «Inwiefern entsprechende Labels tatsächlich zu einer messbaren Reduktion von Food Waste beitragen, können wir nicht beurteilen.»
Unschöne Früchte werden zu Saft und Konfi verarbeitet
Entscheidend sei, dass der Gesamtkonsum gefördert wird, «nicht lediglich eine Verschiebung innerhalb des bestehenden Sortiments».
Der Verband setzt sich dafür ein, dass der Schweizer Obstbau langfristig durch stabile Rahmenbedingungen gesichert bleibt. Sodass Kulturen geschützt und gepflegt werden können und alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette Verantwortung übernehmen.

«Zudem bieten Früchte zahlreiche alternative Verwendungszwecke. Produkte, die nicht den Anforderungen für den Verkauf als Tafelobst entsprechen, werden dennoch verwendet. Sie werden beispielsweise zu Saft, Trockenfrüchten oder Konfitüre weiterverarbeitet», so Meyer.
Foodwaste-Experte Timothée Olivier begrüsst Labels wie «Ünique» und «Save Food» grundsätzlich. Er arbeitet als Co-Projektleiter Detailhandel bei der Organisation «foodwaste.ch».
Experte: «Wichtige Sensibilisierungs-Arbeit»
Er sagt zu Nau.ch: «Wir begrüssen sämtliche Massnahmen, die die Konsumentinnen und Konsumenten wieder vermehrt dafür sensibilisieren, dass landwirtschaftliche Produkte nicht immer gleich daherkommen.»
Die Initiativen der Detailhändler könnten so «wichtige Sensibilisierungsarbeit» leisten.
«Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Normanforderungen infrage gestellt werden, wenn sie hauptsächlich ästhetischer Natur sind.» Einen Einfluss auf die Lebensmittelsicherheit oder die geschmackliche Qualität hätte die Optik schliesslich nicht.

Olivier hofft sogar, «dass solche Initiativen in Zukunft noch ausgeweitet werden und aus der Nische kommen».
Doch: Standards gibt es auch bei diesen Labels noch immer. Nicht jedes Rüebli ist gut genug, um durch die Labels gerettet zu werden. Es muss bestimmte Anforderungen hinsichtlich Lagerung, Transport und Verarbeitung erfüllen.
So bestätigt Coop: «Für alle Früchte und Gemüse – ob regulär oder ‹Ünique› – gelten die Coop Qualitätsnormen.» Diese würden gemeinsam mit den Produzenten und Verarbeitungsbetrieben festgelegt.
Auch gerettete Lebensmittel müssen Qualitätsstandards erfüllen
Welche Normen das genau sind, lässt Coop offen. «Das ‹Ünique›-Gemüse entsteht, wenn Früchte oder Gemüse beispielsweise aufgrund von Hagel nicht der gängigen Norm entsprechen. Für ‹Ünique›-Produkte akzeptieren wir daher optische Mängel wie Risse, Verfärbungen oder Deformationen.»
Die Migros erklärt gegenüber Nau.ch: «Auch ‹Save Food› orientiert sich an dieser Qualität. Dabei werden jedoch Stücke angeboten, die zwar nicht vollständig den Normanforderungen entsprechen. Aus Kundensicht sind sie aber dennoch akzeptabel und können mit etwas Rüstaufwand, wie Schälen oder Zuschneiden, verarbeitet werden.»
«Diese Anforderungen sind nachvollziehbar», sagt Foodwaste-Experte Timothée Olivier. «Sie können jedoch dazu führen, dass ein Teil der Produkte trotz alternativer Vermarktungswege nicht in den Detailhandel gelangt.»
Es brauche daher weitere Massnahmen entlang der gesamten Lebensmittelkette. Konsumentinnen und Konsumenten rät Olivier: «Der Kauf lokaler und saisonaler Lebensmittel unter bevorzugter Berücksichtigung kurzer Transportwege ist ein wichtiger Hebel, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.»
Zudem müssen die Menschen besser informiert werden. Gleichzeitig sollten die Haltbarkeit verlängert, Reste genutzt und alle Beteiligten vernetzt werden, um weniger Essen zu verschwenden, so Der Experte.
Für ihn ist klar: «Nur wenn wir unsere Kräfte bündeln, können wir das Ziel erreichen, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren.»
Dieses Ziel wurde bereits 2022 im Rahmen eines vom Bundesrat verabschiedeten Aktionsplans zur Reduzierung von Lebensmittelverlusten festgelegt.
Foodsave-Pionier: «Abfallberge sind unvorstellbar gross»
Auch der Pionier-Lebensmittelretter Mirko Buri unterstützt die Labels. Der Berner Koch verarbeitet mit seinem Unternehmen Foodoo gerettetes Gemüse zu Bouillons und Saucen.
«Dass sie nur zur Imagepflege missbraucht werden, glaube ich nicht. Der finanzielle und personelle Aufwand hinter so einem Label ist viel zu gross», sagt er zu Nau.ch.

Die Normanforderungen seien bei den Labels nicht zu hoch. «Die Abfallberge sind unvorstellbar gross und übersteigen den Schweizer Markt bei Weitem.»
Jährlich werden in der Schweiz rund 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet.
Das Kaufverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten habe eine Signalwirkung, so Buri. «Nur so wird das Angebot ausgebaut und der Stein kommt ins Rollen. Aus meiner Sicht wird unsere Bereitschaft, auf Normen zu verzichten, durch diese Labels getestet.»











