Migros verkauft krumme Kartoffeln – Bauern schäumen
Ausgerechnet bei vollen Lagern kommen krumme Knollen in den Verkauf. Der Schweizer Kartoffel-Präsident kritisiert eine neue Produktlinie der Migros scharf.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Migros verkauft krumme Kartoffeln zur Reduzierung von Food Waste.
- Bauern kritisieren die Aktion der Migros scharf.
- Der Kartoffel-Präsident sieht darin einen Werbe-Gag ohne grossen Nutzen.
Die Migros hat eine neue Kartoffellinie eingeführt: Die «Save-Food»-Linie (Deutsch: «rette Essen») soll optisch nicht perfekte Kartoffeln vor der Verschwendung retten.
Seit dem 12. Februar verkauft die Migros in 3-Kilogramm-Beuteln Kartoffeln, die nicht den üblichen Schönheitsstandards entsprechen. Der Detailhändler will mit krummen, zu grossen und zu kleinen Knollen Food Waste, also Lebensmittelverschwendung, reduzieren.
Doch Branchenvertreter kritisieren das Timing der Aktion scharf, wie die «Bauernzeitung» berichtet.
Denn: Zum Zeitpunkt der Lancierung waren die Lager ungewöhnlich gut gefüllt. Per 31. Januar lagerten rund 51'000 Tonnen Kartoffeln für den Frischkonsum.
Schweizer Lager platzen aus allen Nähten
Die Bestände liegen 46 Prozent über dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Bei Veredelungskartoffeln sind es sogar über 50 Prozent mehr als üblich.
Die Bauern konnten qualitativ hochwertige Kartoffeln in grossen Mengen liefern. Die Ernte war so erfolgreich, dass es zu Engpässen bei den Lagerkapazitäten kam. Auch jetzt sind die Lager noch gut gefüllt.
Ein Kritikpunkt: Die Branche sei vorab nicht über die neue Produktlinie informiert worden.
Kartoffel-Präsident übt Kritik
Niklaus Ramseyer, Präsident der Vereinigung der Kartoffelproduzenten, übt deutliche Kritik. «Das ist in erster Linie eine Marketingaktion», sagt er unverblümt. Die Initiative helfe dem Kartoffelabsatz als Ganzes nur bedingt.
Einerseits sei es positiv, wenn Kundinnen und Kunden auch minderwertige Kartoffeln kaufen. Andererseits würden dadurch hochwertige Kartoffeln im Laden liegen bleiben. Auf diese Weise entstehe erneut Food Waste, so Ramseyer.
Für echte Nachhaltigkeit müsste der Pro-Kopf-Konsum gesteigert werden. «Seit Jahr und Tag essen Herr und Frau Schweizer circa 45 Kilo Kartoffeln pro Jahr», erklärt Ramseyer.
Seine Forderung: Um die Kartoffelverschwendung nachhaltig zu bekämpfen, müsste der Konsum auf 50 Kilo Kartoffeln pro Jahr gesteigert werden!
Migros verteidigt Kartoffel-Strategie
Die Migros verteidigt die Strategie. «Diese Produkte wären ohne die ‹Save Food›-Initiative nicht im Handel gelandet», lässt sie gegenüber der «Bauernzeitung» verlauten.
Normgerechte Kartoffeln würden nicht als fehlerhaft deklariert und günstiger verkauft, entgegnet der Riese allfälligen Bedenken.
Die Initiative bietet Produzenten zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten für bisher unverkäufliche Kartoffeln.
Die Vergütung erfolge fair und orientiere sich an marktüblichen Konditionen. Aus Konkurrenzgründen gibt das Unternehmen keine Details zur Entschädigung bekannt.
Die Migros reduziere so Lebensmittelverschwendung. Das Konzept soll in den kommenden Monaten auf weitere Gemüse- und Obstsorten ausgeweitet werden.
Food Waste nimmt zu
Lebensmittelverschwendung ist in der Schweiz ein grosses Problem. Rund 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll. Das entspricht etwa einem Drittel aller produzierten Nahrungsmittel.
Die Schweizer Detailhändler haben sich 2022 verpflichtet, Food Waste bis 2030 zu halbieren.
Coop und Migros führen bereits verschiedene Programme zur Reduktion von Lebensmittelabfällen. Dazu gehören Rabattaktionen für Produkte kurz vor dem Ablaufdatum.
In den kommenden Monaten will die Migros das Konzept von «Save Food» auf Karotten, Zwiebeln, Äpfel und Birnen ausweiten. Coop verfolgt mit dem Label «Ünique» bereits seit Jahren die gleiche Strategie.















