Nach Brand-Tragödie machen Spenden-Aufrufe die Runde
Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana häufen sich die Spenden-Aufrufe im Netz. Experten mahnen jedoch zur Vorsicht.

Das Wichtigste in Kürze
- Bei Spendenaufrufen nach dem Brand in Crans-Montana ist Vorsicht geboten.
- Bei privaten Online-Kampagnen sind bereits mehrere Zehntausend Franken zusammengekommen.
- Experten betonen: Der Impuls zu helfen, sei richtig, Aktionismus sei aber nicht nötig.
Nach der Tragödie von Crans-Montana VS an Silvester steht das ganze Land unter Schock. Die Solidarität ist gross: Am Freitag wird den Opfern an einem nationalen Trauertag in Martigny VS gedacht.
Gleichzeitig machen auf Social Media zahlreiche Spendenaktionen die Runde.
Auch die Plattform «Gofundme» bewirbt entsprechende Kampagnen auf Instagram und schreibt: «‹Gofundme› prüft alle Spendenaufrufe, die im Zusammenhang mit dieser Brandkatastrophe gestartet werden.»

Auf Anfrage von Nau.ch ergänzt «Gofundme»-Sprecherin Aisling Ehrismann: «Seit Silvesternacht wurden mehrere Spendenaufrufe auf ‹Gofundme› gestartet, um Betroffene zu unterstützen. Wir beobachten aktuell eine kontinuierliche Zunahme an Spenden.»
Stand Dienstag wurden über 38'000 Franken gesammelt.
Team prüft Online-Spendenaufrufe
Die Spenden verteilen sich auf verschiedene Kampagnen. In einigen bitten Angehörige um Geld für die Behandlung ihrer Angehörigen.
Doch es gibt auch Unbeteiligte, die aus reiner Solidarität Spenden sammeln – und diese später an die Opfer übergeben möchten.
«Nach einer Tragödie wie dieser ist es nicht unüblich, dass Menschen von überall helfen möchten», sagt Ehrismann weiter.
«Deshalb wird jeder Spendenaufruf in Zusammenhang mit Crans-Montana durch unser Compliance-Team geprüft.»
Zum Einsatz kämen sowohl automatisierte Systeme als auch manuelle Kontrollen. «Auszahlungen erfolgen erst, nachdem die Empfänger ihre Identität und ihre Verbindung zur Kampagne verifiziert haben.»
Bei Unklarheiten würden die Auszahlungen gestoppt. Zudem betont Ehrismann: «Die Spendengarantie von ‹Gofundme› bietet eine vollständige Rückerstattung im seltenen Fall, dass etwas nicht in Ordnung ist.»
Betrüger können Mitleid ausnutzen
Spenden-Experten sehen private Initiativen jedoch kritischer.
«Ich will niemanden unter Generalverdacht stellen. Doch ich rate bei privaten Initiativen immer zur Vorsicht», sagt Philipp Augenstein von «Effektiv Spenden Schweiz» zu Nau.ch.
Denn: Niemand könne zu 100 Prozent garantieren, dass das Geld auch tatsächlich am richtigen Ort ankomme.

Als Beispiel nennt Augenstein eine Crowdfunding-Kampagne auf «Gofundme» nach dem Amoklauf in Graz (Ö) im letzten Sommer.
Medienrecherchen zeigten damals, dass es sich bei einer Spendensammlerin nicht um eine Mutter handelte, die ihr Kind verloren hatte. Sondern um eine Betrügerin.
Die Polizei nahm die Person zwar später fest, doch der Grossteil des Geldes war bereits verschwunden.
Unklar, ob es überhaupt Spenden braucht
Augenstein rät deshalb dazu, mit Spenden abzuwarten. «Der Impuls, zu helfen, ist ein wertvolles Zeichen von Solidarität. Doch gerade, weil die Schweiz über exzellente staatliche Strukturen und Versicherungen verfügt, ist akuter Aktionismus nicht nötig.»
Zunächst müsse geklärt werden, ob überhaupt Spenden benötigt würden – und wenn ja, wo. «Eine Spende in der momentanen Situation entscheidet nicht über Leben oder Tod. Sie wird im schlimmsten Fall gar nicht benötigt.»
Zudem sei die Schweiz ein reiches Land. Ein Grossteil der Kosten werde voraussichtlich von Versicherungen und teilweise auch vom Staat getragen. Sein Fazit: «Noch ist es für eine Spendenkampagne zu früh.»
«Kann leicht zu Betrugsfällen kommen»
Auch Georg von Schnurbein, Philanthropie-Professor an der Universität Basel, rät zur Zurückhaltung. «Bei privaten Spendenaktionen gilt es, genau hinzuschauen», sagt er zu Nau.ch.
«Als Spenderin oder Spender hat man keinen Einfluss auf die Mittelverwendung und auch keinen Anspruch auf Rechenschaft später. Deshalb kann es hier auch leicht zu Betrugsfällen kommen, die das Leid der anderen ausnutzen.»
Von Schnurbein empfiehlt daher, später gezielt an anerkannte Organisationen zu spenden – etwa an die Glückskette oder an die Rega.
«Spenden ist ein Ausdruck von Mitgefühl und Grosszügigkeit. Trotzdem sollte man nicht nur im Affekt handeln. Sondern sich kurz Zeit nehmen und überlegen, was man mit der Spende erreichen und unterstützen will.»
«Direkter Impuls für Spende»
Das grosse Spendenbedürfnis erklärt er psychologisch: «Beim Spenden reagieren wir stark auf emotionale Reize. Eine Naturkatastrophe oder grosses menschliches Leid führen dazu, dass Menschen helfen wollen.»
Hinzu komme: «Mit einer Spende kann dieser Impuls sehr direkt und mit wenig Aufwand bedient werden. Die Bilder und die Berichterstattung erhöhen diese emotionale Erfahrung noch.»
Auch die geografische Nähe spiele eine Rolle, ergänzt Philipp Augenstein von der Organisation «Effektiv Spenden Schweiz». «Crans-Montana ist Teil unserer Lebenswelt – das Phänomen nennt sich Psychologie der Nähe.»
Er erklärt: «Man wird unmittelbar betroffen, indem man merkt, das hätte einem auch passieren können. Dann möchte man solidarisch sein und selbst helfen.» Social Media könne diesen Impuls zusätzlich verstärken.
Doch: «Wer sicherstellen will, dass seine Spende dort hilft, wo weder Versicherungen noch staatliche Mittel greifen, sollte über die Schlagzeile hinausblicken. Internationale Hilfsprojekte erhalten oft deutlich weniger Aufmerksamkeit, leisten aber genau dort wichtige Hilfe.»
Glückskette sammelt vorerst kein Geld
Eine nationale Spendenaktion zur Brand-Katastrophe in Crans-Montana gibt es bislang nicht.
Glückskette-Sprecher Fabian Emmenegger erklärt gegenüber Nau.ch: «Derzeit klären wir mit den Behörden, ob es Unterstützungsbedarf gibt, der nicht durch Versicherungen oder staatliche Stellen abgedeckt ist.»
Momentan sei allerdings keine Sammelaktion geplant. «Sollte sich zusätzlicher Unterstützungsbedarf zeigen, ist die Glückskette bereit, rasch zu handeln», so Emmenegger.
























