Nach Attacken: Braucht es jetzt Hundekurs für Hirten und Bergbauern?

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Vérossaz,

Gleich zweimal haben aggressive Herdenschutzhunde in den letzten Tagen für Schlagzeilen gesorgt. Das Problem könnte gar noch zunehmen. Braucht es neue Regeln?

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Laufen nicht immer friedlich ab: Begegnungen zwischen Herdenschutzhunden und Wanderern oder Trailrunnern. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • In den letzten Wochen mussten gleich drei Personen nach Begegnungen mit Herdenschutzhunden in den Bergen ins Spital.
  • Mit der Rückkehr des Wolfs und den damit verbundenen Herdenschutzmassnahmen dürften solche Begegnungen noch zunehmen.
  • Braucht es neue Massnahmen, um die Sicherheit von Berggängern zu gewährleisten? Die Meinungen sind gespalten.

Gleich zweimal ist es in den letzten Tagen zu Zwischenfällen mit Herdenschutzhunden gekommen: Einmal wurde im Unterwallis ein Läufer gebissen, einmal zwei Wanderer in Graubünden angegangen. Alle drei Personen mussten ins Spital.

Der Hund, der im Wallis zugebissen hatte, wurde von der Alp abgezogen und in ein weniger touristisches Gebiet gebracht. Falls es erneut zu Problemen kommen sollte, droht ihm eine Prüfungswiederholung oder gar der Jobverlust.

Der Fall in Graubünden wird vom zuständigen Amt für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit Graubünden (ALT) untersucht.

Amtsleiter Giochen Bearth sagt gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA: Konflikte zwischen Menschen und Herdenschutzhunden haben in den vergangenen Jahren «sicher nicht abgenommen». Grund sei die Forderung nach immer besserem Herdenschutz.

Das Problem könnte also sogar noch zunehmen.

«Aktuell spielen auch die langandauernde Schönwetterperiode und die Ferienzeit eine Rolle. Wanderer und Bergsteiger sind überall – auch abseits der markierten Wege – unterwegs», sagt Bearth.

Braucht es neue Massnahmen, um solche Zwischenfälle künftig zu vermeiden?

Nationalrätin: Obligatorische Hundekurse würden auch beim Herdenschutz nützen

Erst vor wenigen Monaten hat Grünen-Nationalrätin Meret Schneider eine Motion eingereicht, die Hundekurse für Neuhalterinnen und -halter obligatorisch machen soll.

Das würde natürlich auch in den Bergen greifen. Heisst: Auch Bergbauern und Hirten mit Herdenschutzhunden müssten dann einen Kurs besuchen.

Eine der Unterstützerinnen der Motion ist Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber (Grüne, ZH). Wie sie zu Nau.ch sagt, ist sie überzeugt, dass solche Kurse auch helfen würden, Angriffen von Herdenschutzhunden vorzubeugen.

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Katharina Prelicz-Huber ist überzeugt, dass obligatorische Hundehalterkurse auch in den Bergen Wirkung zeigen würden. - keystone

«Ein Tier muss man richtig halten, und da braucht es Unterstützung», findet sie. Die Kurse seien im Interesse aller.

Werde ein Herdenschutzhund richtig gehalten und gut erzogen, sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass er seinen Job gut erledigt.

«Mitten durch Herde joggen sollte man selbstverständlich nicht»

«Zudem wird es dadurch auch unwahrscheinlicher, dass er unprovoziert Wanderinnen und Wanderer anfällt», ist Prelicz-Huber sicher.

Sie unterstreicht das mit dem Extrembeispiel: «Wird ein Tier von seinem Besitzer geschlagen, assoziiert es Menschen allgemein mit Gefahr. Entsprechend geht es dann auch auf Fremde zu.»

Würden obligatorische Hundekurse gegen Herdenhunde-Attacken helfen?

Werde er aber mit Empathie und klaren Regeln erzogen, bedeuten Menschen für einen Hund nicht automatisch Gefahr. Damit dürfte auch sein Verhalten gegenüber Fremden, die sich ruhig verhalten, weniger aggressiv ausfallen.

Auch für sie ist allerdings klar: Die Eigenverantwortung der Berggängerinnen und Berggänger bleibt zentral. «Es gibt immer solche, die sich nicht an die Regeln halten. Einfach mitten durch eine Herde joggen sollte man selbstverständlich nicht – da ist klar, dass das die Hunde irritiert.»

Meret Schneider: «Darf nicht passieren»

«Dass ein Herdenschutzhund Wanderer oder Jogger beisst, das darf nicht passieren», sagt Meret Schneider zu Nau.ch. Sie selbst geht aber davon aus, dass die obligatorischen Kurse vor allem in der privaten Hundehaltung Wirkung zeigen würden.

Dort sieht sie den grössten Handlungsbedarf: «Ich erlebe immer wieder, dass andere Halter ihre Hunde nicht an die Leine nehmen, wenn Spaziergänger oder Jogger entgegenkommen. Dabei wäre das das Mindeste», sagt sie.

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Kein Hund ohne Kurs: Das fordert Grünen-Nationalrätin Meret Schneider. - keystone

«Ich habe selbst auch eine Hündin. Sie gehorcht perfekt – und trotzdem lasse ich sie im Wald nicht von der Leine», sagt sie. «Sie ist eine Jagdhündin und ist darauf programmiert, mir das Reh zu bringen, wenn sie eines sieht. Das hat nichts mit Erziehung zu tun, das ist Instinkt.»

Gerade eine Theorieprüfung für Halter wäre darum besonders wichtig, findet die Nationalrätin. «Damit ihnen klar ist, dass es ihre Verantwortung ist, den Hund in solchen Situationen an die Leine zu nehmen.»

Läuferin hat mit normalen Hunden öfter Probleme als mit Herdenschutzhunden

Unangenehme Erlebnisse hatte auch die Berner Läuferin Andrea Schneider bisher vor allem mit privaten, nicht mit Herdenschutzhunden.

Nach dem Angriff im Wallis ist für sie klar: «Es braucht von allen Seiten einen Schritt aufeinander zu.» Also sowohl von den Behörden, Hirtinnen und Hirten, den Bergbäuerinnen und -bauern, als auch den Wanderern, Läufern und Trailrunnern.

Für den attackierten Trailrunner im Wallis sei die Situation sicherlich «dramatisch» gewesen, sagt Schneider zu Nau.ch. «Ich bin aber vorsichtig, wenn es um Kritik an Hunden oder Haltern geht.»

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Läuferin Andrea Schneider findet es wichtig, dass alle Hundehalter wieder einen obligatorischen Kurs besuchen. Beim Joggen hat sie oft unangenehme Erlebnisse. - zVg

Was genau passiert sei, wisse sie schliesslich nicht. «Ich stelle mich aber voll hinter Meret Schneider, die einen obligatorischen Hundekurs für Hundehalterinnen und -halter fordert», sagt sie. «Diese Kurse müsste man wieder einführen.»

Nicht konkret wegen Herdenschutzhunden, sondern wegen Hunden allgemein.

Braucht es wieder Kurse für Ersthundehalterinnen und -halter?

Denn: «Beim Joggen habe ich immer mal wieder unangenehme Begegnungen mit Hunden respektive mit deren Haltern oder Halterinnen.»

Sie erlebe immer wieder, dass Haltende ihre Hunde nicht zurückrufen und an die Leine nehmen. «Das ist ein Problem und kann zu Konflikten führen», sagt Schneider.

Läuferin erwartet mehr Herdenschutzhunde-Begegnungen: «Thema ernst nehmen!»

Grund zur Panik sieht sie zwar trotz der beiden neuen Zwischenfällen mit Herdenschutzhunden nicht. Sie selbst sei oft in den Bergen unterwegs und hatte noch nie ein negatives Erlebnis. Aber sie betont: «Das Thema muss ernst genommen werden!»

Schliesslich würden mit der Rückkehr des Wolfs auch mehr Herdenschutzhunde eingesetzt. «Damit nehmen die Begegnungen zwischen Wanderern und Herdenschutzhunden zu», gibt sie zu bedenken.

Eindeutig sagen, ob die Zahl der Bissvorfälle durch Herdenschutzhunde zuletzt zugenommen hat, lässt sich nicht. Grund dafür ist ein Systemwechsel. Bis 2024 wurden die Vorfälle schweizweit gesammelt und die Zahlen veröffentlicht.

Seither ist jeder Kanton selbst zuständig und es gibt keine Zahlen für die ganze Schweiz mehr.

Wanderer fordern: Bestehende Regeln «konsequent» einhalten

Und was sagen die Wanderer?

Neue Massnahmen, um Attacken von Herdenschutzhunden vorzubeugen, findet Pietro Cattaneo von der Organisation Schweizer Wanderwege nicht nötig.

Er betont gegenüber Nau.ch aber: Die «vorhandenen und erprobten Instrumente» sollten «konsequent angewendet» werden. Wichtig seien insbesondere der Eignungstest für Herdenschutzhunde sowie Präventions-, Informations- und Schutzmassnahmen.

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Damit Herdenschutzhunde anerkannt und finanziell gefördert werden, müssen sie eine Prüfung ablegen. Obligatorisch ist sie aber nicht. - keystone

Beim Eignungstest müssen Herdenschutzhunde laut der Jagdverordnung schon heute beweisen, dass sie kein «übermässiges Aggressionsverhalten gegenüber Menschen» zeigen. Zudem müssen sie – eigentlich – auf Menschen und Tiere sozialisiert sein, schreibt das Gesetz vor.

Die Prüfung bestehen müssen alle Hunde, die offiziell als Herdenschutzhunde anerkannt werden und sich für eine finanzielle Förderung qualifizieren sollen.

«Eine geeignete Massnahme kann die vorübergehende Sperrung eines Wanderwegs sein», sagt Cattaneo. Das ist aber nicht immer möglich.

Darum findet er: «Wo möglich, sind langfristige Lösungen wie Wegverlegungen, Anpassungen der Weideführung oder gezielte Besucherlenkung einer wiederkehrenden Sperrung vorzuziehen.»

Im Fall der Attacke im Wallis wurde der Weg erst nach der Attacke gesperrt.

Bauern sehen Berggänger in Pflicht: «Anderes Gebiet suchen»

Läuferin Andrea Schneider betont: «Wichtig ist vor allem, dass Berggänger aufgeklärt und sensibilisiert werden, wie man solche Begegnungen vermeiden kann. Oder wie man sich verhält, wenn man auf Herdenschutzhunde trifft.»

Ebenso wichtig sei, sich vorgängig zu informieren, wo Herdenschutzhunde angetroffen werden können. Auf der elektronischen Landeskarte der Schweiz lassen sich «Alpweiden mit Herdenschutzhunden» einblenden.

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Der Schweizer Alpen-Club SAC weist in einer Online-Landkarte auf Gebiete hin, in denen Herdenschutzhunde im Einsatz stehen. - Screenshot SAC

Dem pflichtet der Bauernverband bei. Von neuen Regeln oder mehr Rücksichtnahme durch die Herdenhundehaltenden will er aber nichts wissen. Er sieht die Berggängerinnen und -gänger in der Pflicht.

Schliesslich gebe es bereits eine Prüfung für Herdenschutzhunde, zudem seien die Flächen, wo sie eingesetzt werden, mit Warntafeln gekennzeichnet.

Wen siehst du mehr in der Pflicht?

«Es ist also möglich und sinnvoll – vor allem wenn man Bedenken hat – diese Gebiete bewusst zu meiden. Auch ein Trailläufer sollte sich ein anderes Trainingsgebiet suchen», sagt Sandra Helfenstein vom Bauernverband zu Nau.ch.

Beim Verein Herdenschutzhunde Schweiz sind in erster Linie Züchterinnen und Züchter sowie Halterinnen und Halter Mitglieder. Andrea Sulig vom Verein sagt wie Läuferin Andrea Schneider, es brauche von allen Seiten einen Schritt aufeinander zu.

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Warnschilder weisen auf das korrekte Verhalten bei Begegnungen mit Herdenschutzhunden hin. - keystone

Trotzdem: Sie bekräftigt, wie gut ausgebildet die Hunde seien. Darum sieht auch sie die Verantwortung vor allem bei den Berggängerinnen und -gängern. «Werden die Verhaltensregeln im Umgang mit Herdenschutzhunden befolgt, besteht in der Regel kein Grund zur Sorge.»

«Schafen nicht nahe kommen»

Und wie genau sollte man sich verhalten, wenn man beim Wandern oder Laufen trotz aller Vorsichtsmassnahmen Herdenschutzhunden begegnet?

«Es ist wichtig, den Schafen nicht zu nahe zu kommen oder sie gar zu erschrecken. Das provoziert die Hunde», sagt Sandra Helfenstein vom Bauernverband.

Sie räumt aber ein, dass das manchmal schwierig sei. Etwa, wenn ein Wanderweg durch die Herde führt, oder es in unwegsamem Gelände keine Ausweichmöglichkeiten gibt.

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Wann immer möglich, sollte man Schafherden aus dem Weg gehen – so schützt man sich vor Herdenschutzhundeattacken. - keystone

«Dann ist das richtige Verhalten, zuerst ruhig stehen zu bleiben, bis die Hunde einen sehen und einordnen können. Dann kann man sich sehr langsam vorwärts bewegen», sagt Helfenstein.

«Durchrennen, wie ein Trailläufer das macht, ist also sicher nicht ideal.»

Trotzdem gibt sie zu: «Auch wenn der Mensch alles richtig macht: Herdenschutzhunde sind immer noch Tiere. Und diese können sich für uns nicht nachvollziehbar verhalten.»

Ganz beheben lässt sich ein gewisses Risiko also nie, solange es Herden und Herdenschutzhunde gibt.

Kommentare

User #2849 (nicht angemeldet)

Die Wölfe gehören nicht auf Weidewiesen in der Schweiz, diese dezimieren ! Und Wanderwege durch Weidewiesen sperren oder sichern

User #1528 (nicht angemeldet)

Vor Jahre hat mich mal ein kleiner Hund von hinten in die Wade gebissen. Es war zum Glück tiefer Winter und ich hatte Leggings und Jeans an. Die ältere Dame sagte natürlich ihr Hund mache sowas nicht. Jedenfalls waren am nächsten Tag grosse Teile des Gebisses auf der Wade sehr deutlich zusehen. Das war richtiges Zubeissen, die Bisswunden auf den Foto hingegen sehen noch recht harmlos aus.

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