Minaj & Co: Holen Promis Junge für Trump ins Boot?
Politische Meinungsbildung verlagert sich zunehmend ins Netz – Stars punkten dort oft eher mit Sympathie als mit Argumenten. Wie gross ist ihr Einfluss?

Das Wichtigste in Kürze
- Kinder und Jugendliche bilden sich ihre politische Meinung vermehrt durch Inhalte im Netz.
- Prominente Persönlichkeiten befeuern diese Entwicklung, wenn sie sich politisch äussern.
- Sie holen die Menschen emotional ab und punkten mit Sympathien.
Es ist kurz nach Mitternacht. Der Daumen wischt mechanisch über den Bildschirm, ein Video folgt dem nächsten. Tanzclips auf Tiktok, Memes auf Instagram, Beauty-Tipps auf YouTube.
Dazwischen taucht ein politischer Kommentar auf. Fünfzehn Sekunden, hunderttausende Likes. Eine klare Meinung, formuliert von einem Influencer, einem Vorbild.
So oder ähnlich sieht der politische Erstkontakt vieler Jugendlicher heute aus, auch in der Schweiz.
Insbesondere für die Generation Z findet politische Meinungsbildung immer seltener im Klassenzimmer oder am Familientisch statt. Sie verlagert sich in die sozialen Netzwerke.
Promis und Influencer erreichen Millionen
Auf Instagram, Snapchat oder TikTok äussern sich Influencer, Popstars oder Rapper regelmässig zu politischen Themen.
Wer sich öffentlich positioniert, erreicht Millionen junger Menschen. Auch über die klassischen Medien verschicken Promis politische Botschaften.
So zeigte sich die Rapperin Nicki Minaj kürzlich demonstrativ an der Seite von Donald Trump. Händchenhaltend, mit langen Gelnägeln an der faltigen Hand des Präsidenten, inszenierte sie sich als «Number-one-Fan».
Ein anderes Bild bot der puerto-ricanische Superstar Bad Bunny bei der Halftime-Show des Super Bowl.

Mit spanischsprachigen Songs und der Botschaft «Nur die Liebe ist stärker als der Hass» setzte er ein Zeichen gegen Ausgrenzung. Und positionierte sich so offen gegen die US-Regierung.
«Wir Fans verstehen das»
Dass sich junge Menschen für solche Persönlichkeiten begeistern – und deren politische Haltungen mitunter übernehmen –, kommt nicht von ungefähr.
Generationenforscher Rüdiger Maas sagt zu Nau.ch: «Prominente Persönlichkeiten fungieren als Identifikationsfiguren, Orientierungshilfen und teilweise sogar als Ersatz für klassische Autoritäten.»
Gerade in der Phase der Identitätsfindung suchten Jugendliche nach Zugehörigkeit und Vorbildern. Die ständige Präsenz auf sozialen Plattformen lasse Influencer und Popstars «nahbar» und «echt» wirken.
«Jugendliche erleben sie im Alltag, verfolgen ihre Meinungen, Lebensstile und Werte», erklärt Maas. Diese Nähe wirke oft intensiver als die Ansichten von Lehrkräften, Politikerinnen oder klassischen Medien.
In Prominenten sehe man eigene Wünsche, den Wunsch nach Freiheit, nach Selbstverwirklichung oder auch Kritik an der Gesellschaft.
Das spricht laut Maas Gefühle an und schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Ganz im Sinne von: «Wir Fans verstehen das.»
«Das intensiviert Bindungen zusätzlich», sagt Maas.
Nicht die Argumente zählen, sondern die Sympathie
Die Folge: Politische Botschaften, die über Idole transportiert werden, erreichen Jugendliche laut Maas oft leichter und emotionaler.
Das kann Interesse wecken, birgt laut dem Experten aber auch Risiken. «Es besteht die Gefahr, dass komplexe Inhalte vereinfacht oder einseitig dargestellt werden.»

«Meinungen werden dann weniger durch Argumente, sondern stärker durch Sympathie für die Person geprägt.» Das Problem dabei: Jemand, den man bewundert, hinterfragt man ungern kritisch.
«Orientierung wird problematisch, wenn Kritikfähigkeit verloren geht. Also, wenn Aussagen unreflektiert übernommen werden oder Idole als unfehlbar gelten», betont Maas.
Social Media bietet also die Möglichkeit, junge Menschen schnell und einfach für politische Anliegen zu erreichen. Doch: «Gleichzeitig ist Politik stärker emotional aufgeladen», sagt Maas.
Moralische Empörung, Solidarität oder Ablehnung stünden, vor allem auf Social Media, häufig im Vordergrund. «Das kann mobilisieren, birgt aber auch das Risiko von Polarisierung, Oberflächlichkeiten und vereinfachten Feindbildern.»
Viele Nutzer wollen Likes und Kommentare, nicht sachlich informieren
Doch nicht nur Vorbilder prägen politische Meinungen. Auch die Mechanismen der sozialen Netzwerke spielen eine zentrale Rolle. Dort kann jeder und jede fast uneingeschränkt anonym jegliche Informationen verbreiten.
Das ist ein grosser Unterschied zur klassischen politischen Bildung, wie Medienforscher Mykola Makhortykh zu Nau.ch sagt: Die Transparenz fehlt.
In der Schule oder Familie wisse man meist, «wer die Personen sind, von denen die Informationen stammen». Auf Social Media bleibe dies oft unklar.
Hinzu kommt: Mit dem Aufkommen von KI werde es zusätzlich schwierig zu erkennen, «ob diese Information von Menschen erstellt wurde».
Viele Inhalte entstehen laut dem Experten zudem aus dem Wunsch, Aufmerksamkeit zu erzeugen. So funktionieren auch Algorithmen meist, wie Makhortykh erklärt.
Die Plattformen hätten zeitweise stark auf Interaktion, also Likes, Kommentare und Weiterverschicken gesetzt. Die Folge: Provokative oder emotionalisierende Beiträge wurden bevorzugt ausgespielt.
«Diese Motivation unterscheidet sich stark davon, jungen Bürgern dabei zu helfen, gut informiert zu bleiben.» Unter diesen Bedingungen sei es schwer einzuschätzen, wie zuverlässig Inhalte seien – und welchem Zweck sie dienten.
«Andere Perspektiven verschwinden»
Ein weiteres Problem bei der Meinungsbildung auf Social Media: «Wer bestimmte Inhalte liked, bekommt mehr davon. Andere Perspektiven verschwinden», warnt Social-Media-Strategin Tanja Herrmann bei Nau.ch.
Haben Beiträge viele Likes, «bestätigt das die Menschen weiter in ihrer Weltsicht», erklärt Herrmann. Aus Meinungen würden so gefühlte Fakten.
Zudem folgen selbst Kommentarspalten algorithmischen Logiken, wie die Expertin erklärt. Unterschiedliche Nutzerinnen sähen unterschiedliche Reihenfolgen und damit unterschiedliche Realitäten. Das verstärke die Polarisierung.
Emotionale Inhalte werden verstärkt ausgespielt
Auch die Dozentin und Social-Media-Strategin Lorella Liuzzo betont, dass Social Media «ein verzerrtes Bild der Realität» erzeugen könne. Der Feed sei «kein neutraler Ausschnitt der Wirklichkeit, sondern das Ergebnis algorithmischer Auswahl».
Hinzu komme, dass politische Themen häufig «kurz, zugespitzt und emotional» vermittelt würden. Gleichzeitig kann sich «grundsätzlich jede Person als Expertin oder Experte präsentieren».
Immerhin – die Expertinnen und Experten sind sich einig: Nebst all den Risiken birgt Social Media auch Chancen für die Politik.
Liuzzo betont, dass politische Kommunikation auf Social Media «nahbar, visuell und verständlich» sei. Abstrakte Prozesse würden in den Alltag übersetzt.
Heisst: Dinge, mit denen junge Menschen sonst nicht viel anfangen könnten, können so verständlich vermittelt werden.
Was Liuzzo auch positiv wertet, ist, dass viele Jugendliche so erstmals überhaupt mit Politik in Berührung kommen.



























