«Ausschluss der Generation Z kann man sich gar nicht leisten»

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Zürich,

Ein Jobinserat mit der Anforderung «keine Generation Z» sorgt für Empörung. Experten betonen: Angesichts des Fachkräftemangels darf man Junge nicht vergraulen.

Generation Z
Die Pflegebranche kann gar nicht ohne die Generation Z auskommen. (Symbolbild) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Inserat sucht eine «Teamleitung Pflege» – doch die Generation Z ist unerwünscht.
  • Gen-Z-Sprachrohr Yaël Meier kritisierte das Jobinserat scharf.
  • Experten betonen: Aufgrund des Fachkräftemangels ist die Gen-Z unverzichtbar.
  • Die Vorurteile gegenüber den Jungen halten sich aber hartnäckig.

«Keine Generation Z!»: Das Jobinserat einer Zürcher Spitex-Firma für eine «Teamleitung Pflege» schlägt hohe Wellen.

Selbst Gen-Z-Versteherin Yaël Meier (25) schaltete sich ein, nannte das Inserat «krass» und «schlecht».

Diesem Urteil kann sich der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) anschliessen.

«Ein Betrieb disqualifiziert sich mit einem solchen Inserat komplett», sagt Pierre-André Wagner, Leiter Rechtsdienst beim SBK, zu Nau.ch. «Das Inserat ist aggressiv formuliert und strotzt nur so vor Vorurteilen.»

Davon, eine ganze Generation über einen Kamm zu scheren, hält er nichts.

Pflege-Gewerkschaft: «Gen Z ist belastbar»

«Die Verweildauer im Pflegeberuf ist ohnehin gering. Die Mehrheit der heute tätigen Pflegenden gehört zur Generation Z.»

«Zu behaupten, sie würden sich nicht anstrengen oder seien nicht belastbar, ist schlicht falsch.»

Für Wagner ist klar: «In Anbetracht des Fachkräftemangels in der Pflege kann sich ein Spitex-Betrieb ein solches Ausschlusskriterium eigentlich gar nicht leisten.»

Generation Z
Pierre-André Wagner leitet den Rechtsdienst beim Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) und findet die Kritik an der Generation Z übertrieben. - zvg

Die ältesten Vertreter der Gen Z werden dieses Jahr 31. «Da kann man sehr wohl eine Teamleitung übernehmen. Nicht das Alter entscheidet über die Qualifikation.»

Dass Junge eine andere Anspruchshaltung an den Job haben, sei verständlich – und keineswegs schlecht.

«Angesichts der hohen Burnout-Zahlen sollten Arbeitgebende besser überlegen, wie sie die Arbeitsbedingungen attraktiv gestalten. Die Arbeitsbelastung ist vielerorts zu hoch, die Wertschätzung zu gering.»

Zwar gebe es einzelne Fälle, in denen die Generation Z mit ihren Forderungen übertreibe.

Doch vor solchen Problemen sei keine Generation gefeit, sagt Wagner. «Und es ist eine Führungsaufgabe, das Gespräch zu suchen und Grenzen zu setzen.»

Spitex-Verband: «Branche braucht Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen»

Der Verband der privaten Schweizer Spitex (ASPS) betont derweil, dass die Pflegeversorgung auf «qualifizierte, engagierte Fachpersonen aller Generationen» angewiesen ist.

«Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels braucht die Branche Menschen, die sich in unterschiedlichen Lebensphasen für den Pflegeberuf entscheiden.»

Die Pflege sei «generationenübergreifend» geprägt. Unterschiedliche Bedürfnisse hinsichtlich Arbeitsmodellen, Vereinbarkeit oder Entwicklungsmöglichkeiten müssten ernst genommen und berücksichtigt werden.

Wie findest du das Spitex-Inserat?

«Mit der zweiten Etappe der Umsetzung der Pflegeinitiative stehen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen im Zentrum», heisst es auf Nau.ch-Anfrage.

Ziel sei es, die Attraktivität des Pflegeberufs langfristig zu stärken und die Versorgung nachhaltig sicherzustellen.

Die Zürcher Spitex-Firma, die für das Job-Inserat verantwortlich ist, liess eine Nau.ch-Anfrage unbeantwortet. Mittlerweile hat sie das Inserat gelöscht.

Inserat ist «Affront» für pflichtbewusste Gen-Zler

Kritik am Inserat äussert auch Yannick Blättler, Gen-Z-Experte und CEO der Beratungsfirma Neoviso.

Er sagt zu Nau.ch: «Ich verstehe, dass man gewisse Prinzipien, Skills, Verhaltens- und Denkweisen für diese Stelle sucht. Aber ich verstehe nicht, dass man eine ganze Generation ausschliesst.»

Yannick Blättler Generation Z
Yannick Blätter ist Experte für die Generation Z: Gegen die Vorurteile wehrt er sich vehement. - zvg

Schliesslich sei nicht das Alter, sondern die Berufserfahrung entscheidend. «Es gibt genügend top motivierte und verantwortungsbewusste junge Leute. Aber man pauschalisiert aus den einzelnen Erfahrungen auf die gesamte Generation.»

Seiner Einschätzung nach wurde das Inserat wohl «aus Frust oder zur Aufmerksamkeit» geschrieben. «Das ist ein Affront aller anderen Generation-Z-Personen, die pflichtbewusst ihrem wichtigen Job nachgehen.»

Vorurteile gegenüber Generation Z halten sich hartnäckig

Trotz dem Wirbel um das Spitex-Inserat: Dass eine ganze Generation ausgegrenzt wird, sieht der Gen-Z-Experte «selten».

«Doch das Vorurteil gegenüber der Generation Z ist leider in vielen Branchen immer noch stärker, als man annehmen würde.»

Er rät: «Viele Unternehmen würden sich einen Gefallen tun, wenn sie positiver der jungen Generation begegnen, aber auch klare Erwartungen setzen.»

Auch mehr Coachings und schnellere Feedbacks seien für die Rekrutierung junger Leute zentral.

Hast du Vorurteile gegenüber der Generation Z?

Blättler ist überzeugt: «Aktuell können es sich aber fast keine Branchen leisten, komplett auf junge Leute zu verzichten. Man sucht nach wie vor Leute.»

Von Nau.ch angefragte Arbeitsmarktexperten bestätigen unisono: Ein Inserat, das eine ganze Generation explizit ausschliesst, ist ein Einzelfall.

Leistung muss für die Generation Z «Sinn machen»

Eine Studie der Uni St. Gallen aus dem letzten Jahr bestätigt zwar einen Wertewandel. Doch das Vorurteil, die Gen- Z sei faul, widerlegt die Studie.

«Die Daten zeigen, dass die Studierenden Leistung als wichtig einschätzen. Doch Leistung muss Sinn machen», heisst es darin.

Für die Generation Z sind demnach abwechslungsreiche und vielseitige Tätigkeiten am wichtigsten. Ausserdem schätzen sie anspruchsvolle Arbeit und Führungskräfte, die die Mitarbeitenden fördern.

Junge und Alte fehlen am häufigsten am Arbeitsplatz

Was hingegen stimmt: Die Krankheitsfälle bei den 15-24-Jährigen stiegen von 6,4 Tagen pro Jahr (Stand 2010) auf 9,5 Tage (Stand 2024). Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik.

Generation
Welche Generation ist am häufigsten krank? Das zeigt dieses Diagramm basierend auf Daten des Bundesamts für Statistik (BFS). - Nau.ch/BFS

Doch die Krankheitsfälle stiegen in allen Alterskategorien. Noch häufiger krank sind die 55-64-Jährigen mit 10,6 Krankheitstagen pro Arbeitsstelle und Jahr.

Eine aktuelle Studie des Zürcher Amts für Wirtschaft nennt drei Hauptgründe für die Zunahme: Psychische Erkrankungen nehmen zu, Kranke bleiben seit Corona öfter zu Hause und die Belegschaften werden älter.

Letzteres macht chronische Erkrankungen häufiger und verursacht längere Ausfallzeiten.

Kommentare

User #6538 (nicht angemeldet)

man müsste vielleicht jene, die auf eine solches Art Personal suchen ersetzen

User #2734 (nicht angemeldet)

Ich stelle niemanden an, der mir nicht passt. Ich vermiete keine Wohnung an jemanden der mir nicht passt und ich lade niemanden ein der mir nicht passt. Für all das, habe ich das Recht dazu.

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