Lehrer diskutieren wegen Hitze über längere Sommerferien

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Zürich,

Ein Basler Lehrer schlägt Alarm: Er sieht wegen der zunehmenden Hitze das Bildungsniveau in der Schweiz bedroht. Braucht es künftig längere Sommerferien?

schule
Hitzewelle vor den Sommerferien, Hitzewelle danach: In vielen Klassenzimmern ist es zu heiss fürs Lernen. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • In manchen Schulzimmern steigt die Temperatur bis auf 42 Grad.
  • Eine mögliche Lösung: Längere Sommerferien. Die Zürcher und Baselbieter sind nicht abgeneigt – andere sind skeptischer.
  • Ein Problem: Bei langen Unterbrüchen drohen die Kinder das Gelernte zu vergessen. Zudem dürfte es für die Eltern organisatorisch schwieriger werden.

In vielen Kantonen drücken die Kids wieder die Schulbank, in anderen geht es bald los. Nur: Kühler als vor den Sommerferien ist es kaum. Auch jetzt herrschen vielerorts über 30 Grad – in den Schulzimmern teils mehr.

Derzeit wird hitzig über mögliche Massnahmen diskutiert. Normaler Unterricht ist ab gewissen Temperaturen kaum noch möglich. Und das Problem wird in den kommenden Jahren voraussichtlich noch grösser.

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Diese Woche hat die Schule für viele Kinder in der Deutschschweiz wieder begonnen. - keystone

Der Basler Lehrer Jean-Michel Héritier findet kürzlich gegenüber SRF dramatische Worte: In Orten mit überhitzten Schulzimmern «wird das Bildungsniveau ganz sicher nicht mehr steigen, sondern sinken.»

Bestens vertraut mit heissen Sommern ist das Tessin. Dort gibt es darum schon lange längere Sommerferien. Während Deutschschweizer Kinder meist fünf oder sechs Wochen frei haben, bekommen die Tessiner Bambini jeweils acht bis elf Wochen frei.

Eine Lösung, die bald auch in der Deutschschweiz zum Zug kommen könnte, um der Hitze auszuweichen?

Zürcher Lehrerin: «Kostengünstige Lösung»

Für Lena Fleisch, Lehrerin und Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands, wären längere Sommerferien eine mögliche Antwort. Zum Beispiel, indem die Herbstferien direkt an die Sommerferien angehängt würden.

«Eine Verschiebung der Ferien tönt nach einer einfachen, kostengünstigen Lösung», sagt sie zu Nau.ch. Verbandsintern habe man diese Möglichkeit aber noch nicht diskutiert.

Braucht es längere Sommerferien für Schulkinder, um der Hitze auszuweichen?

Auch im Baselbiet sehen Lehrerinnen und Lehrer die Sommerferienverlängerung als mögliche Lösung – allerdings höchstens als Zusatz zu anderen Massnahmen.

«Es ist natürlich legitim, die Ferienverteilung zu überprüfen», sagt Philipp Loretz vom Lehrerinnen- und Lehrerverband Baselland zu Nau.ch. Die Bildungsdirektionen beider Basel hätten auch schon verschiedene Varianten für eine künftige Ferienverteilung erarbeitet.

Zudem haben sie laut Loretz unter anderem Lehrpersonenverbände, Erziehungsberechtigte und Wirtschaftsverbände befragt. Eine Auswertung gibt es allerdings noch nicht.

Auch Lena Fleisch gibt zu bedenken, dass man die Eltern einbeziehen müsste. «Längere Ferien sind für sie oft eine organisatorische Herausforderung, wenn sie berufstätig sind.»

Dann bräuchte es «drei Monate Sommerferien»

Auf mehr Skepsis stösst das Tessiner Modell als Anti-Hitze-Massnahme in den anderen Deutschschweizer Kantonen. Die meisten finden es als Massnahme zu wenig wirksam.

Céline Massa vom Lehrerinnen- und Lehrerverband Bildung Bern sagt zu Nau.ch: «Möchte man das Hitzeproblem an Schulen auf diese Weise lösen, bräuchte es drei Monate Sommerferien.»

Das habe das aktuelle Jahr gezeigt – «Hitzewellen können im Juni, Juli und August auftreten.» Und drei Monate Ferien wären «sicherlich weder mehrheitsfähig, noch sinnvoll oder realitätsnah», sagt Massa.

Die Umstellung hätte «erhebliche Folgen» für Familien, Lehrpersonen und für die Tourismusbranche, Sportvereine, Jugendorganisationen, Behörden, Kitas, Tagesschulen und Arbeitgeber.

Auch Colette Basler von Bildung Aargau stellt klar: Längere Sommerferien und dafür keine Herbstferien sind «keine Option».

«Das längste Quartal, das zwischen Herbstferien und Weihnachtsferien, dauert elf Wochen», sagt sie. «Vor Weihnachten laufen sowohl Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrpersonen am Anschlag

Würden die Herbstferien gestrichen, würde das erste Semester des Schuljahres 19 oder 20 Wochen dauern. Für die Aargauer Lehrpersonen unvorstellbar.

Kids aus bildungsfernen Familien würden bei längeren Ferien benachteiligt

Ähnlich klingt es bei den Lehrerverbänden Basel-Stadt, St. Gallen, Luzern, Zug, Nidwalden, Uri und beider Appenzell. Auch sie fordern andere Lösungen.

Lehrer Jean-Michel Héritier sagt zwar, er sei froh, dass es in Basel-Stadt sechs Wochen Sommerferien gibt statt fünf wie andernorts. Doch eine Ferienverlängerung findet der Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt keine gute Lösung.

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Kinder, die zu Hause weniger gefördert werden, hätten bei längeren Sommerferien einen noch grösseren Nachteil, warnt ein Lehrer. - keystone

Er argumentiert bei Nau.ch: «Länger andauernde Schliesszeiten bei den Schulen verstärken die Chancenungleichheit bei der Bildung zuungunsten der sozio-ökonomisch weniger privilegierten Bevölkerungsschichten.»

Kinder, die zu Hause weniger gefördert werden, hätten so also einen noch grösseren Nachteil.

Baselbieter Lehrer messen 42 Grad in Schulzimmern

Doch welche Massnahmen wollen die Lehrerinnen und Lehrer stattdessen?

«Schulgebäude und Aussenbereiche müssen hitzetauglich werden. Wir verlangen schon lange bauliche Massnahmen», sagt Céline Massa vom Berner Verband.

«Man muss die Schulhäuser anders bauen und bereits beim Planen und Renovieren an die Hitze denken. Kurzfristig braucht es aber auch energieintensive Massnahmen, also Kühlgeräte und Klimaanlagen.»

Könntest du dir vorstellen, als Lehrerin oder Lehrer zu arbeiten?

Man könne das Finden von Lösungen «nicht nur den Lehrpersonen überlassen», betont sie. «Unterricht draussen oder ein Badi- oder Waldbesuch sind zum Teil möglich und sinnvoll, zum Teil aber auch nicht.»

Das Hauptproblem aus Sicht der Berner Lehrerinnen und Lehrer: «Die meisten Schulhäuser sind nicht für Hitzeperioden ausgerüstet.»

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Lehrerinnen und Lehrer geben zu bedenken, dass sie nicht jeden Hitzetag mit den Kindern im Wald oder in der Badi verbringen können. - keystone

Es sei nicht dasselbe, alleine in einem heissen Büro zu sitzen oder in einem Raum mit 26 anderen zu sein. «In manchen Schulzimmern ist es schon am Mittag 30 Grad heiss. Bis am Abend steigt die Temperatur auf 36 Grad, punktuell noch höher.»

Sekundarlehrer Philipp Loretz vom Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland (LVB) kann das noch überbieten: Im August 2023 hat der Verband die Temperaturen in 38 Schulen gemessen.

Das Ergebnis: «Am Nachmittag gab es Spitzenwerte bis 42 Grad.»

«Lernerfolg ist bereits ab 26 Grad beeinträchtigt»

Ein solches Arbeitsklima sei weder für Kinder und Jugendliche noch für die Lehrpersonen zumutbar, sagt Massa. «Der Lernerfolg ist bereits ab zirka 26 Grad beeinträchtigt. Ab 30 Grad ist in der Schule maximal noch die Betreuung der Kinder möglich, Lernen kann so nicht mehr stattfinden.»

Bekanntlich ist hitzefrei auch kaum noch möglich, weil viele Eltern berufstätig sind.

Michael Weber, Präsident des Lehrerverbands Appenzell Ausserrhoden sagt zu Nau.ch: «Wir können nicht wochenlang Sondertage und Überbrückungsangebote schaffen, nur um den schulisch anspruchsvollen Inhalten aus dem Weg zu gehen.»

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Hitzefrei oder längere Sommerferien können für berufstätige Eltern organisatorisch schwierig sein. - keystone

So wie im Winter geheizt werde, müsse im Sommer auch gekühlt werden.

Colette Basler von Bildung Aargau meint: «Man müsste sich überlegen, ob die Stundenpläne angepasst werden sollen – Unterricht von 8 bis 13 Uhr.» In anderen Ländern sei das schon so.

«Für akute Hitzetage braucht es einen verbindlichen Stufenplan», fordert Simon Saxer vom Lehrerinnen- und Lehrerverein Kanton Zug. Heisst: Normalbetrieb bis 26 Grad, organisatorische Anpassungen bis 30 Grad, Einschränkungen darüber.

Mehr kurze Ferien sind fürs Lernen besser als wenig lange

Auch für den nationalen Berufsverband der Lehrerinnen und Lehrer (LCH) ist klar: Es braucht nachhaltige Massnahmen für Hitzeschutz. Eine Sommerferienverlängerung allein schätzt er aber nicht als zielführend ein, sagt LCH-Pädagogik-Leiter Beat A. Schwendimann zu Nau.ch.

Hitzewellen seien zeitlich unberechenbar, was mit veränderten Sommerferien nicht vorausgeplant werden könnte.

Welche Massnahme gegen Hitze in den Schulzimmern findest du am besten?

Er gibt zudem zu bedenken: «Aus pädagogischer Sicht sind regelmässige, kürzere Ferien zu bevorzugen, da sehr lange Sommerferien zu Lernverlusten führen können.»

Der LCH verlange stattdessen, dass Schulgebäude durch bauliche Massnahmen ganzjährig für das Lernen und Arbeiten tauglich gemacht werden.

Bezahlen sollen das neben den Gemeinden auch der Bund und die Kantone. Die Lehrerinnen und Lehrer fordern Fonds, die finanziell schwächere Gemeinden bei der Sanierung unterstützen.

Glarner Lehrer wollen als einzige keine Massnahmen

Kurz: Die Lehrerinnen und Lehrer in den meisten Kantonen schliessen sich den Anti-Hitze-Forderungen des nationalen Verbands an. Nur in zwei Kantonen können sich die lokalen Lehrpersonenverbände eine Sommerferienverlängerung als zusätzliche Lösung vorstellen.

Eine ganz andere Meinung hat man im Kanton Glarus. Dort fordert der lokale Lehrerinnen- und Lehrerverband als einziger gar keine Massnahmen.

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Der Glarner Lehrerinnen- und Lehrerverband fordert als einziger keine Hitze-Massnahmen. Es gebe viele Aktivitäten, die man mit den Kindern im Freien machen könne. - keystone

«Die Hitzewelle hört am Wochenende schon auf. Ich plädiere für Zurückhaltung», sagt Mauro Sana vom Lehrerinnen- und Lehrerverband Glarus zu Nau.ch. «Die Situation sollte über mehrere Jahre beobachtet und begleitet werden.»

Und: Es gebe viele Aktivitäten, die man mit den Kindern im Freien machen könne.

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Kommentare

User #5762 (nicht angemeldet)

14 Wochen Ferien pro Jahr nicht genug?

User #4895 (nicht angemeldet)

Noch weniger Schule… dann brauchts ja bald keine Lehrer mehr. Die sägen am Ästchen auf dem sie höckeln.😂😂

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