Schulfach Sport soll freiwillig werden - Lehrer laufen Sturm
Schulsport ist in der Schweiz Pflicht – drei Stunden pro Woche. Nun will die EDK das Obligatorium kippen. Lehrpersonen und Sportverbände wehren sich vehement.

Das Wichtigste in Kürze
- Bund und Kantone wollen in der Schweiz das Schulsport-Obligatorium streichen.
- Lehrpersonen warnen vor mehr Bewegungsmangel und Übergewicht.
- Verbände befürchten Sparmassnahmen bei knappen Kantonsfinanzen.
Noch gilt in Schweizer Schulen eine klare Regel: Drei Stunden Sport pro Woche sind obligatorisch. Genau diese Vorgabe steht jetzt zur Debatte. Im Rahmen des Projekts «Entflechtung 27» wollen Bund und Kantone Zuständigkeiten und Finanzierung in mehreren Bereichen neu ordnen – der Sportunterricht ist einer davon. Aktuell läuft dazu die Konsultation.
Für Sportlehrer Stefan Frei ist klar, wohin ein solcher Schritt führen würde. Er unterrichtet an der Neuen Kantonsschule Aarau und leitet im Aargauer Lehrerverband die Abteilung Sport. Fiele das Obligatorium weg, sagt er in einem Beitrag von «10 vor 10», rechnet er mit einem spürbaren Rückgang der Bewegung im Schulalltag – mit Folgen für ein Problem, das seiner Einschätzung nach schon heute gross ist.
Frei beobachtet zudem eine wachsende Unsicherheit bei den Jugendlichen selbst. Beim Ringturnen etwa liessen sich mittlerweile nur noch die einfachsten Übungen ohne Verletzungsrisiko unterrichten, schildert er. Gleichzeitig nähmen motorische Schwächen zu.
Sein Fazit: Ohne verbindliche Vorgabe würde Sport in der Praxis zum Wahlfach. Besonders in finanzschwächeren Kantonen sieht er die Gefahr, dass zuerst bei Sportinfrastruktur und -angeboten gespart würde.
EDK befürwortet Aufhebung des Obligatoriums
Wer soll über den Schulsport entscheiden? Für Martina Bircher, Bildungsdirektorin des Kantons Aargau, ist die Antwort klar: Die Kantone selbst. Schliesslich seien es die Kantone und Gemeinden, welche die Kosten des Schulwesens tragen. Diese Haltung teilt auch die Konferenz der Kantonsregierungen (KdK).
Bircher betont jedoch, dass eine politische Mehrheit für weniger Sportstunden in den Kantonen kaum realistisch sei. Ausserdem macht die Expertin klar: «Auch fachlich macht das keinen Sinn, wenn man immer mehr Kinder mit Übergewicht sieht.»

Anders sieht das die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK). Sie betont gegenüber SRF, dass sie eine gesetzliche Verankerung des Obligatoriums für verzichtbar hält, da die kantonalen Lehrpläne den Sportunterricht bereits ausreichend regeln würden.
Spardruck bei Kantonen und Gemeinden
Jonathan Badan treibt eine andere Sorge um: Was passiert, wenn der finanzielle Druck auf Kantone und Gemeinden weiter zunimmt?
Der Präsident des Schweizerischen Verbands für Sport in der Schule verweist auf die hohen Kosten von Dreifachsporthallen, die mehrere Sportarten gleichzeitig ermöglichen – ein Bau kann über zehn Millionen Franken kosten. Schon jetzt mangelt es landesweit an solchen Hallen, Neubauten kommen nur zögerlich voran.

Ohne gesetzliche Absicherung, warnt Badan bei «10 vor 10», könnten einzelne Kantone versucht sein, ausgerechnet beim Sport zu kürzen. Die Stundentafeln seien längst dicht getaktet, die Fächer stünden untereinander im Wettbewerb um Zeit.
Schulsport breit verankert?
Diese Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen: Ursula Anderegg, Bildungsdirektorin der Stadt Bern, bestätigt, dass gerade in wachsenden Städten der Platz für Turnhallen zunehmend knapp wird. Bern spricht sich deshalb gegen eine Aufhebung des Obligatoriums aus.
Auch finanzielle Fragen sorgten immer wieder für Diskussionsstoff, räumt Anderegg ein. Dennoch ist sie überzeugt, dass der Schulsport in der Bevölkerung breit verankert und akzeptiert ist.

Bis zum 10. Juli können sich Verbände, Städte und Gemeinden noch dazu äussern. Ein erster Entscheid wird im Herbst erwartet.








