«Wird unterschätzt»: Warum gibt es kein hitzefrei mehr an Schulen?
Die zunehmenden Hitzetage sorgen für schier unerträgliche Temperaturen im Klassenzimmer. Ein Kinderarzt warnt davor, das Problem zu unterschätzen.

Das Wichtigste in Kürze
- Im Sommer herrschen in den Klassenzimmern oftmals unerträgliche Temperaturen.
- Das hat Auswirkungen auf die Lernfähigkeit von Kindern und jungen Erwachsenen.
- Die Schulen seien darauf baulich und organisatorisch nicht vorbereitet, so ein Kinderarzt.
- Hitzefrei gibts nicht mehr – und es wäre heute auch kaum noch möglich.
Die Sonne brennt durchs Fenster, die Luft im Schulzimmer ist stickig. Draussen kratzt das Thermometer an der 30-Grad-Marke. Trotzdem sollen drinnen Matheaufgaben gelöst und Prüfungen geschrieben werden.
Für viele Kinder wird die zunehmende Hitze in den Klassenzimmern zum Problem. Sie ist nicht nur unangenehm, sondern kann auch gesundheitliche Folgen haben.
Der Kinderarzt Patrick Hetzel warnt gegenüber Nau.ch: Die Hitze in den Schulzimmern wird noch immer unterschätzt.

«Kinder sind grundsätzlich schneller von der Belastung betroffen als gesunde Erwachsene», sagt Hetzel.
Der Mediziner leitet die Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit bei Kinderärzte Schweiz, dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärztinnen in der Praxis. Zudem war Hitzel am Projekt «Hitze und Schule» im Kanton Basel-Stadt massgeblich beteiligt.
Der Grund für die Belastung: Kinder schwitzen weniger als Erwachsene und können überschüssige Wärme deshalb schlechter abgeben. Besonders betroffen seien chronisch kranke Kinder, etwa mit Asthma oder Diabetes.
«Die Lernleistung lässt bei 28 Grad extrem nach»
Ab welcher Temperatur die Hitze für Kinder problematisch wird, lasse sich zwar nicht pauschal festlegen. Klar sei aber, dass der Körper zunehmend unter Stress gerät.
«Da der Blutfluss in die ‹Klimaanlage› Haut steigt, muss der Körper bei anderen Organen sparen», erklärt Hetzel. Gerade für Kinder mit Vorerkrankungen könne das zur zusätzlichen Belastung werden.
«Die Optimaltemperatur zum Lernen liegt bei 22 oder 23 Grad», erklärt der Kinderarzt. Bereits wenige Grad darüber würden sich bemerkbar machen. «Die Lernleistung lässt bei 28 Grad extrem nach.»
Einen Vergleich findet Hetzel besonders aufschlussreich: «Auch Schwangere dürfen bei solchen Temperaturen nicht mehr arbeiten.»
Schulen sind auf Hitzetage nicht vorbereitet
Das eigentliche Problem sieht der Kinderarzt jedoch bei den Schulen. Diese seien «baulich und organisatorisch nicht vorbereitet auf zunehmende Hitzetage», sagt Hetzel.
Viele Gebäude seien schlecht isoliert, häufig betreffe dies auch die Dächer. Die Folge: In manchen Klassenzimmern würden im Sommer Temperaturen erreicht, die weder gesund noch lernfördernd seien.
Wie schnell die Situation eskalieren kann, zeigt ein Blick nach Frankreich: Im Ort Soustons wurden in Schulzimmern Temperaturen von 53 Grad gemessen, bevor der Unterricht für Donnerstag und Freitag eingestellt wurde.
«Das Problem wird unterschätzt»
«Man denkt, man lüftet einfach mal. Aber das Problem wird unterschätzt», sagt Hetzel. Dabei sei längst klar, dass Hitzewellen häufiger und intensiver werden. Trotzdem werde die Thematik vielerorts noch immer behandelt wie ein kurzfristiges Sommerproblem.
In diesen Zeiten findet auch das Konzept «hitzefrei» vermehrt wieder in die Diskussionen. 2023 forderte beispielsweise die Juso hitzefrei ab 30 Grad, sowohl an den Schulen als auch für Arbeitnehmende.
Das Konzept gibt es an Schweizer Schulen nicht mehr. Als letzter Deutschschweizer Kanton schaffte Basel-Stadt die sogenannten Hitzeferien im Frühling 2003 ab.
Ausgerechnet in jenem Jahr ging der Sommer wegen seiner aussergewöhnlichen Hitzewelle als «Jahrhundertsommer» in die Geschichte ein.
Betreuung statt Unterricht ab 28 Grad
Dass es heute praktisch kein hitzefrei mehr gibt, hat laut Hetzel auch gesellschaftliche Gründe.
«Gerade in der Primarstufe kann man die Kinder nicht einfach nach Hause schicken.» Viele Eltern seien berufstätig. Zudem unterliege die Schule der gesetzlichen Betreuungs- und Aufsichtspflicht.
Deshalb plädiert der Kinderarzt für einen Mittelweg. «Es ist medizinisch sinnvoll, den Unterricht ab einer gewissen Temperatur einzustellen.»

Auch der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz fordert Bund und Kantone zum Handeln auf. Konkret schlägt der Verband in einem Positionspapier vor, einen verbindlichen Grenzwert von 26 Grad Celsius festzulegen.
«Ideal wäre ab beispielsweise 28 Grad eine Betreuung statt Unterricht», sagt Hetzel. «Das wäre aus Lern- und Gesundheitsperspektive am sinnvollsten.»
«Man muss aktiv etwas dagegen tun»
Langfristig brauche es aber vor allem bauliche Lösungen.
«Die Schulzimmer müssen kühler werden», fordert Hetzel. Als mögliche Lösungen nennt er Begrünung, Beschattung oder technische Kühlsysteme.
Bei neueren Schulhäusern werde bereits umgedacht. Dort gebe es teilweise automatische Nachtlüftungen oder Erdkühlungen. Viele bestehende Schulgebäude stammen jedoch aus einer Zeit, in der anders gebaut wurde.
Für Hetzel ist deshalb klar: «Man muss das Problem auf allen Ebenen anschauen: Information, Management der Hitzetage und langfristige Massnahmen.»













