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«Klimaneutral»: Migros und Coop entfernen heikle Angabe

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Bern,

Der Bund rät von Produktangaben wie «klimaneutral» oder «CO₂-neutral» ab. Trotzdem tauchen sie bei grossen Händlern auf – teils werden die Claims nun gelöscht.

klimaneutral
Ob Optipet-Tiershampoo bei Migros, Naturaline-Shirts bei Coop oder Pingo-Windeln bei Galaxus: Grosse Schweizer Händler führen noch immer Produkte mit heiklen Klima-Versprechen. - zVg

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Bund rät klar von Claims wie «klimaneutral» auf Produkten ab.
  • Migros, Coop und Galaxus haben dennoch entsprechende Produktangaben online.
  • Die Händler verweisen teils auf Fehler oder übernommene Lieferantentexte.

«Klimaneutral» auf der Verpackung verspricht Einkaufen mit gutem Gewissen. Doch solche Angaben können täuschen: Nicht jedes Produkt, das sich so nennt, ist tatsächlich ohne Klimawirkung – Stichwort Greenwashing.

Der Bund rät deshalb inzwischen ausdrücklich davon ab, Produkte mit diesem Versprechen zu bewerben.

Bund rät klar von «klimaneutral» ab

In seiner im März 2026 publizierten Vollzugshilfe hält das Bundesamt für Umwelt (Bafu) fest: «Der Begriff klimaneutral ist derzeit faktisch nicht nachweisbar und sollte nicht verwendet werden.»

Auch produktbezogene Aussagen wie «CO₂-neutral» sind stark eingeschränkt. Sie dürfen insbesondere nicht damit begründet werden, dass verursachte Emissionen ausserhalb des Produkts kompensiert werden.

Recherchen von Nau.ch zeigen allerdings: Grosse Schweizer Händler werben weiterhin mit solchen Claims.

Bei Migros Online etwa wird ein Optipet-Tiershampoo als «klimaneutral» angepriesen.

Coop beschreibt seine Naturaline-Shirts als «fair und klimaneutral hergestellt» beziehungsweise «CO₂-neutral produziert».

Und bei Galaxus heisst es über Pingo-Babywindeln, sie würden «klimaneutral produziert».

Warum sind solche Klima-Claims trotz klarer Vorgaben des Bundes noch immer in Schweizer Onlineshops zu finden? Nau.ch hat bei allen drei Händlern nachgefragt.

Coop: «Dies sollte nicht passieren»

Coop verzichtet nach eigenen Angaben bereits seit 2024 grundsätzlich auf Aussagen wie «klimaneutral» oder «CO₂-neutral».

Dass solche Bezeichnungen trotzdem noch auf der Website zu finden seien, sei ein Fehler. «Dies sollte nicht passieren und wir werden diese umgehend entfernen», sagt Sprecherin Maja Riegler.

Bemerkenswert: Der Text stammt nicht von einem Lieferanten, sondern von Coop selbst.

Der Detailhändler will solche pauschalen Klimaangaben vermeiden. Bei Naturaline sollen stattdessen konkrete Nachhaltigkeitsmerkmale wie Biobaumwolle, Rückverfolgbarkeit oder das bioRe-Gütesiegel im Vordergrund stehen.

klimaneutral
Die Produktangabe «klimaneutral» ist laut Bund kaum belegbar. Er rät daher klar von der Verwendung des Begriffs ab. Bild: Ausschnitt aus der Produktbeschreibung von Optipet Tiershampoo. - migros.ch (Screenshot)

Ganz verschwunden sind die alten Begriffe allerdings auch damit nicht. Auf älteren Verpackungen im stationären Handel können sie weiterhin auftauchen.

Bereits produzierte Bestände würden aus Nachhaltigkeitsgründen nicht vernichtet, sondern regulär abverkauft, erklärt Riegler.

Migros verzichtet laut Sprecher Tobias Ochsenbein in der eigenen Kommunikation bereits seit 2022 auf «klimaneutral» und «CO₂-neutral».

Anders als bei Coop handelt es sich beim beanstandeten Tiershampoo um eine Fremdmarke. Die Produktbeschreibung sei vom Hersteller übernommen worden.

Trotzdem will Migros nun reagieren: «Die beim genannten Produkt verwendeten Aussagen entsprechen nicht unserem heutigen Kommunikationsansatz und werden entsprechend angepasst», sagt Ochsenbein.

Millionen Produkte erschweren die Kontrolle

Auch Galaxus übernimmt Produktbeschreibungen normalerweise von Herstellern und Lieferanten – so auch bei den Pingo-Windeln.

Der Onlinehändler hat die beanstandeten Angaben inzwischen gelöscht.

Wie viele weitere Produkte bei Galaxus noch mit solchen Aussagen beworben werden, ist unklar. «Das wissen wir aktuell nicht», sagt Sprecher Alex Hämmerli.

Galaxus
Galaxus baut einen automatisierten Prozess auf. Dieser soll Produkttexte nach Begriffen durchsuchen, die auf Umweltclaims hindeuten. - keystone

Der Grund liegt auch in der Grösse des Sortiments. «Wir haben über zehn Millionen verschiedene Produkte im Sortiment. Eine manuelle Prüfung ist deshalb nicht flächendeckend möglich», so Hämmerli.

Deshalb baut das Unternehmen nun einen automatisierten Prozess auf. Dieser soll Produkttexte nach Begriffen durchsuchen, die auf Umweltclaims hindeuten.

Herstellertext schützt Händler nicht

Dass ein Händler auch übernommene Umweltclaims im Blick behält, ist ratsam. Denn rechtlich zählt nicht, von wem die Formulierung stammt, sondern wer sie verwendet.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) stellt gegenüber Nau.ch klar: «Es spielt keine Rolle, ob er die Angaben selbst formuliert hat oder die Angaben des Herstellers wiedergibt.»

Sollten Begriffe wie «klimaneutral» auf Produkten verboten werden, wenn sie nicht eindeutig belegbar sind?

Heisst: Auch wer einen Klima-Claim bloss vom Lieferanten übernimmt, muss ihn belegen können.

Seit Anfang 2025 verlangt das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, dass Aussagen zur Klimabelastung auf objektiven und überprüfbaren Grundlagen beruhen.

Eine unabhängige Prüfung vor der Veröffentlichung ist zwar nicht vorgeschrieben. Kann ein Unternehmen die Aussage im Streitfall aber nicht ausreichend belegen, trägt es das Risiko, dass die Angabe als unlauter beurteilt wird.

Bei Produkten zieht das Bafu die Leitplanken besonders eng, wie aus der Vollzugshilfe zur Beurteilung von klimabezogenen Angaben hervorgeht.

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Produkte dürfen laut dem Bund nicht dadurch als klimaneutral oder CO₂-neutral dargestellt werden, dass Emissionen ausserhalb ihres Lebenszyklus kompensiert werden. (Symbolbild) - keystone

So darf etwa ein «CO₂-neutral»-Versprechen nicht einfach darauf beruhen, dass Emissionen an anderer Stelle kompensiert werden.

Denn bei Kundinnen und Kunden könne dadurch der Eindruck entstehen, die Belastung sei direkt beim Produkt reduziert worden. Oder die Herstellung sei gar emissionsfrei gewesen.

Genau dieses Problem zeigte sich bei den Pingo-Windeln: Die Aussage «klimaneutral produziert» wurde dort mit CO₂-Kompensation über myclimate begründet.

Warum «klimaneutral» problematisch ist

Beim Begriff «klimaneutral» geht das Bafu noch weiter. Er umfasst nicht nur CO₂ und andere Treibhausgase, sondern auch weitere Auswirkungen auf das Klima.

Dafür fehlen laut dem Bundesamt heute ausreichende wissenschaftliche Methoden. Der Begriff sei deshalb faktisch nicht nachweisbar und sollte derzeit nicht verwendet werden.

Ein ausdrückliches Verbot schafft die Vollzugshilfe damit allerdings nicht. Sie konkretisiert lediglich die seit Anfang 2025 geltenden gesetzlichen Anforderungen.

Ob ein konkreter Claim gegen das Bundesgesetz gegen unlauteren Wettbewerb verstösst, müssten im Streitfall die zuständigen Behörden oder Gerichte beurteilen.

Kommentare

User #3814 (nicht angemeldet)

Nichts ist klimaneutral, auch nicht das Leben selbst. Weder das Leben der Menschen, noch von anderen Lebewesen.

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