Keine Musik bei Spar und Ikea – Kunden bleiben länger
Spar machte es 2019 vor, Ikea zieht nach: Die «Stille Stunde» sei «entschleunigend und wohltuend» – nicht nur für Menschen mit Autismus.

Das Wichtigste in Kürze
- Mehrere Detailhändler haben die «Stille Stunde» eingeführt – neuestes Beispiel: Ikea.
- Ziel ist vor allem, Menschen im Autismus-Spektrum zu unterstützen.
- Autismus Schweiz wünscht sich, dass sich weitere Detailhändler dem Konzept anschliessen.
Keine Durchsage, keine Musik, keine Geräusche.
Was nach Bibliothek klingt, gibt es jetzt auch bei Ikea. Das schwedische Einrichtungshaus hat am 21. April die sogenannte «Stille Stunde» eingeführt.
«Ein wöchentliches Zeitfenster, das für ein ruhigeres und besser planbares Einkaufserlebnis sorgen soll», heisst es auf der Website.
Jeweils Dienstag ab 15 Uhr bis 30 Minuten vor Ladenschluss werden Lärm und andere Reize bewusst reduziert. Insbesondere für Menschen mit sensorischer Überempfindlichkeit, etwa bei ADHS oder Autismus.
Konkret bedeutet das: Keine Hintergrundmusik, nur notwendige Sicherheitsdurchsagen und möglichst wenig Betriebsgeräusche. Sogar Ohrstöpsel und Sonnenbrillen liegen bereit, um das Einkaufserlebnis noch angenehmer zu gestalten.
Positive Resonanz
Bei Ikea Schweiz kommt das Konzept bestens an. «Das Angebot wird sehr positiv aufgenommen. Sowohl von Kunden als auch von den Mitarbeitenden», erklärt Ikea Schweiz auf Anfrage von Nau.ch.
Auch die Mitarbeitenden würden die Ruhe im Laden geniessen. Und viele Kunden hätten rückgemeldet, dass sie die «Stillen Stunden» sehr schätzen.
Ikea macht daher klar: Das soll erst der Anfang sein: «Die Stillen Stunden verstehen wir als ersten Schritt. Wir werden die Massnahmen laufend evaluieren und daraus lernen, um das bestmögliche Erlebnis zu schaffen.»

Vorreiter ist Ikea allerdings nicht. Hornbach führte die «Stille Stunde» bereits vergangenen Sommer ein.
Spar schwärmt
Der Lebensmittelhändler Spar setzt schon seit 2019 auf reizreduzierte Einkaufszeiten. Mit durchwegs positiven Erfahrungen, wie die Spar-Medienstelle auf Anfrage verrät.
«Die ‹Stille Stunde› kommt nicht nur bei Menschen mit Autismus gut an. Sie wirkt auf alle Kundinnen und Kunden entschleunigend und wohltuend», heisst es.
«Kleine Auszeit»
Die Rückmeldungen, die Spar seit der Einführung erhalten haben, seien ausnahmslos positiv. Sowohl von der Kundschaft als auch von den Mitarbeitenden. Die Stille Stunde sei «eine kleine Auszeit vom hektischen Alltag, mitten beim Einkaufen.»
Die ruhige Atmosphäre habe sogar einen überraschenden Effekt: «Viele Kundinnen und Kunden verweilen während der «Stillen Stunde» länger im Markt. Die entspannte Atmosphäre lädt einfach dazu ein.»
«Für alle das Richtige»
Das zeige, «dass ein bisschen mehr Stille manchmal genau das Richtige ist – für alle.»
Aktuell gilt die «Stille Stunde» in teilnehmenden Spar-Filialen dienstags von 15 bis 17 Uhr sowie donnerstags von 18.30 bis 20 Uhr. Wegen der grossen Nachfrage prüft Spar eine Ausweitung auf weitere Märkte.
Auch Autismus Schweiz ist begeistert vom Konzept. Mediensprecherin Sibylle Grimm Nafzger sagt: «‹Stille Stunden› sind kein Spezialangebot für eine kleine Minderheit, sondern eine niederschwellige Massnahme mit breiter Wirkung.»

Für Menschen im Autismus-Spektrum bedeuten solche Angebote vor allem mehr Selbstständigkeit und weniger Stress. Und «Die Teilhabe am gesellschaftlichen Alltag», so Grimm Nafzger.
Denn für viele Betroffene bedeutet der Alltag im öffentlichen Raum Stress pur, erklärt die Mediensprecherin. «Helles Licht, Hintergrundmusik, Lautsprecherdurchsagen, Menschenmengen oder unvorhersehbare Situationen können zu einer starken sensorischen Überlastung führen.»
Reizreduzierte Einkaufszeiten würden so Entlastung schaffen.
Ein Zeichen setzen
Gleichzeitig sende das Konzept auch ein gesellschaftliches Signal: «Unterschiedliche Bedürfnisse werden ernst genommen.»
Autismus Schweiz wünscht sich deshalb eine Ausweitung. Und könnte sich zudem eine Kombination der «Stillen Stunden» mit dem sogenannten Sonnenblumenband («Sunflower Lanyard») vorstellen.
Das Band gilt international als Zeichen für nicht sichtbare Beeinträchtigungen. Wer es trägt, signalisiert, dass er im Alltag etwas mehr Unterstützung, Geduld oder Verständnis braucht. Etwa an Flughäfen oder im öffentlichen Verkehr.

Und was sich Autismus Schweiz ausserdem wünscht: Mehr Detailhändler, die mitziehen. Migros und Coop planen derzeit allerdings keine «Stillen Stunden», wie sie auf Anfrage von Nau.ch bekannt geben.
Immerhin: Auch bei den Schweizer Detailhandels-Riesen versucht man, Reize zu reduzieren.
Bei Migros würden Lautsprecherdurchsagen nur wenige Minuten pro Stunde genutzt, erklärt Sprecher Tobias Ochsenbein. Coop wiederum achte darauf, dass die Musik in den Filialen «nicht als störend empfunden wird».
















