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Flughafen: Influencer faken ADHS & Co. und schummeln sich vor

Vivian Balsiger
Vivian Balsiger

Obwalden,

Das Sonnenblumen-Bändeli soll Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen helfen. Doch Influencer machen es zum Reise-Hack – droht jetzt der grosse Missbrauch?

bändeli
Das Sonnenblumen-Bändeli soll Personen mit «unsichtbaren Behinderungen» helfen, auf Reisen besser zurechtzukommen. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Das «Sunflower Lanyard» ist extra für Personen mit «unsichtbaren Behinderungen».
  • Betroffenen von etwa Autismus soll so mehr Rücksicht und Verständnis geboten werden.
  • Doch Influencer prahlen jetzt mit Spezial-Behandlungen an Flughäfen aufgrund des Bändelis.

Verreisen soll entspannen – doch Stress, Flughafenlärm und Gepäckchaos können schnell zur Belastung werden.

Für Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen erst recht. Genau dafür gibt es jetzt auch in der Schweiz die sogenannten Sonnenblumen-Bändeli («Sunflower Lanyard»). Wer es trägt, zeigt, dass er im Alltag etwas mehr Unterstützung, Geduld oder Verständnis braucht. Etwa Menschen mit ADHS, Angststörungen, Legasthenie oder Autismus.

Ob im ÖV, am Flughafen oder beim Kundenservice: Wer das Bändeli trägt, soll einfacher Hilfe erhalten.

Weltweit wird das Sunflower Lanyard bereits an über 260 Flughäfen anerkannt. In Ländern wie Grossbritannien, Deutschland oder den USA ist das System längst etabliert. Nun boomt auch die Nachfrage in der Schweiz.

Seit Kurzem gibt es die Bändeli gratis in zahlreichen SBB- und BLS-Reisezentren sowie an gewissen Flughäfen. Zusätzlich können sie inklusive Autismus-Badge über den Shop von «autismus schweiz» bestellt werden – ohne jeglichen Nachweis einer Diagnose.

Und genau das sorgt jetzt für Diskussionen.

Bändeli als Vorwand?

Denn: Online kursieren immer mehr Videos von Influencern, die mit dem Sonnenblumen-Bändeli von Vorteilen auf Reisen schwärmen. Bevorzugtes Boarding, kürzere Schlangen oder Zugang zu ruhigen Bereichen – auf Social Media wird das Hilfsmittel plötzlich als Reise-Hack gefeiert.

So erklärt etwa der britische Influencer Sir Marco Robinson seinen Followern in einem Video stinkfrech: Sie sollen sich am Flughafen einfach gratis ein Sonnenblumen-Bändeli holen. Damit hätten sie Priorität beim Check-in, bei der Sicherheitskontrolle und sogar beim Boarding. Es sei praktisch so, als würde man Business reisen.

Kennst du jemanden, der mit einer unsichtbaren Beeinträchtigung lebt?

Auch die britische Influencerin Amy Victoria berichtet von ihrer Reise nach Australien. Wegen ihrer Diabetes-Vorräte erhielt sie ein Bändeli.

Danach habe sie sofort einen Unterschied bemerkt, wie sie in ihrem Post schreibt: «Für einen meiner Flüge wurde mir sofort ein prioritäres Boarding angeboten.»

Die US-Influencerin Kiara wiederum zeigt stolz ihre «Travel Hacks» mit Sonnenblumen-Bändeli: Direkt durch die Schlange für Menschen mit Beeinträchtigungen – und entspannt warten im ruhigen Bereich bis zum Abflug. In ihrem Video schreibt sie: «Hatte Zeit, mir die Haare neu zu machen.»

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Das Sonnenblumen-Symbol an einem US-Flughafen: Wie für Rollstuhl-Passagiere gibt es auch hier einen schnelleren Durchgang bei der Kontrolle. - Tiktok/@lia_tuso

Wird jetzt also aus einer wichtigen Unterstützung für Betroffene plötzlich ein mieser Lifestyle-Trick?

Am Flughafen Zürich sieht man die Sache gelassen. Hier wurde das System im November 2025 eingeführt.

Bis Ende Februar 2026 wurden rund 250 Bändeli herausgegeben, erklärt Mediensprecher Adrian Panholzer auf Anfrage von Nau.ch: «Dieses einfache Symbol erleichtert betroffenen Passagieren die Kommunikation und gibt unseren Mitarbeitenden Orientierung für einen sensiblen Umgang mit den Betroffenen.»

Keine Sonderbehandlung – zumindest nicht in Zürich

Und er stellt klar: «Die Trägerinnen und Träger eines Sunflower Lanyards durchlaufen am Flughafen den herkömmlichen Prozess und haben kein Anrecht auf weitere Dienstleistungen

Das Band helfe dem Personal lediglich zu erkennen, dass jemand vielleicht mehr Zeit oder Unterstützung benötige. VIP-Behandlung gibt's aber nicht.

«Da das Lanyard weder Bevorzugungen noch Sonderrechte mit sich bringt, gehen wir nicht davon aus, dass es zu missbräuchlichem Verhalten kommt», so Panholzer.

Am EuroAirport in Basel werden derzeit noch keine Sunflower Lanyards genutzt, wie die Medienstelle auf Anfrage bekannt gibt.

Auch bei der Bahn setzt man inzwischen auf das Sonnenblumen-System. Die BLS verteilt die international anerkannten Bändeli seit dem 1. Mai gratis in allen Reisezentren. Laut Sprecherin Helena Soltermann sei die Resonanz positiv: Das Bändeli «kommt gut an», so Soltermann in einem Nau.ch-Bericht von letzter Woche.

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Unter «www.autismus.ch/sunflower» sind detaillierte Informationen zu den Sonnenblumen-Bändelis zu finden. - www.autismus.ch

Die SBB war bereits früher dran: Seit Juni 2025 läuft dort ein Pilotprojekt, seit März 2026 gibt es die Bändeli schweizweit in allen Reisezentren. Laut Mediensprecher Reto Schärli schätzen Betroffene besonders die Offenlegung ihrer Beeinträchtigung «ohne Nachweispflicht». In den ersten sechs Monaten seien bereits über 10’000 Lanyards abgegeben worden, so Schärli gegenüber Nau.ch.

Lieferfristen bis zu vier Wochen

Auch «Autismus Schweiz», die grösste Non-Profit-Organisation zum Thema Autismus in der Schweiz, meldet auf ihrer Website eine hohe Nachfrage: «Aktuell werden über unseren Shop durchschnittlich rund zehn Sunflower-Artikel pro Tag bestellt.»

Aufgrund der Nachfrage und den internationalen Produktions- und Lieferketten kommt es teilweise zu Lieferfristen von drei bis vier Wochen. Und ja: «Die Sunflower Lanyards können ohne Nachweis bezogen werden. Ein medizinischer Nachweis oder ein Attest ist nicht erforderlich», erklärt die Medienstelle gegenüber Nau.ch.

Der Grund: «Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen oder Beeinträchtigungen sollen selbst entscheiden können, ob sie ihre Bedürfnisse so sichtbar machen möchten.»

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Auch bei Typ-1-Diabetes bekommt man ein Sonnenblumen-Bändeli, wie die Influencerin Amy Victoria ihren Followern erklärt. - Tiktok/@aamy_victoria

Das System basiere bewusst auf Vertrauen statt Kontrolle: «Es handelt sich nicht um einen amtlichen Ausweis, sondern um ein freiwilliges Zeichen für mögliche Unterstützungsbedürfnisse.»

Unternehmen und Organisationen, die den Sunflower Lanyard abgeben oder sich als «Sunflower Friendly» bezeichnen, seien ausserdem verpflichtet, ihre Mitarbeitenden entsprechend zu schulen.

Keine Angst vor Missbrauch

«Autismus Schweiz» sieht deshalb auch keinen grossen Missbrauch: «Die Sorge vor einem möglichen Missbrauch des Sunflower Lanyards ist aus unserer Sicht deutlich grösser als das tatsächliche Risiko.»

Denn: «Der Sunflower Lanyard verschafft in dem Sinne keine speziellen Vorteile, die ausgenutzt werden könnten. Er weist lediglich darauf hin, dass jemand vielleicht etwas mehr Zeit, Unterstützung und vor allem Verständnis benötigt.»

Das Ziel von «Autismus Schweiz» ist: «Dass der Sunflower Lanyard in möglichst allen Bereichen, in denen sich Menschen begegnen, erkannt wird und etabliert ist.»

Kommentare

User #6511 (nicht angemeldet)

Was sagt der Wächterrat der SP dazu?

User #9818 (nicht angemeldet)

Es wurden viele Desinformationen verbreitet über diesen Bändel und Ausweis. Ich habe so etwas. Dieser Ausweis berechtigt zu Nichts. Außerdem ist es NIE Vorschrift diesen Ausweis zu tragen. Es ist nur das Zugspersonal reagiert auf diesen Ausweis. Darum wird dieser Ausweis plötzlich weniger getragen. Es gab vereinzelt auch solche die diesen Bändel als Schmuck verwendet haben, denn alle Menschen können so einen Bändel erhalten.

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