«Kann zum Glück wieder schwitzen»: Hitze belastet Brandopfer

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Obwalden,

Heisse Sommer sind für Menschen mit Verbrennungen eine Herausforderung. Schwitzen zu können, ist für sie nicht selbstverständlich.

Brandopfer
Kurt von Moos erlitt bei einer Gasexplosion schwere Verbrennungen. - zVg.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Haut von Brandopfern ist fragil, sodass sie sich vor der Sonne besonders schützen müssen.
  • Ein Brandopfer ist in die Berge gezogen, weil es an seinem Wohnort im Sommer zu heiss ist.
  • Andere Brandopfer erhielten düstere Prognosen, leiden an Schwindel – oder geniessen den Sommer umso mehr.

Für die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS ist der Sommer weniger unbeschwert als früher. Viele von ihnen haben Verbrennungen an mehr als 60 Prozent ihres Körpers und unterzogen sich Hauttransplantationen. Ihre Haut ist fragil, sodass sie sich vor Sonneneinstrahlung besonders schützen müssen.

Der 15-jährige Filippo Grassi hat sich beim Flammeninferno in der Bar Verbrennungen an Händen, Armen und am Rücken zugezogen. Nächste Woche fährt der Italiener in die Toskana ans Meer.

Dort stossen drei Freunde dazu, die auch Brandnarben haben. Keiner der drei Brandopfer darf sich laut «La Repubblica» der Sonne aussetzen.

Umzug ins Engadin

Manche Brandopfer flüchten vor Hitze. Philipp Bosshard erlitt 2014 bei einem Arbeitsunfall Verbrennungen, wobei er fast 90 Prozent seiner Haut verlor. Hohe Temperaturen sind für ihn anstrengend. Sein Körper kann nicht mehr schwitzen wie früher.

Verträgst du die Hitze gut?

Seit fünf Jahren lebt der 38-Jährige im Engadin. «Dort lebe ich vor allem auch wegen des kühleren Klimas, vor allem während des Sommers.» Dies sagte der Triathlet in der Talkshow «Gredig Direkt».

So habe er im Sommer einen funktionierenden Alltag. «Was im Unterland bei 35 oder 30 Grad zu einer Prozedur würde.»

«Schweissdrüsen können dauerhaft beschädigt sein»

Das Universitätsspital Zürich behandelte im Juni noch vier Brandopfer von Crans-Montana. «In tief verbrannten Hautarealen können Schweisdrüsen dauerhaft geschädigt oder zerstört sein», sagt Mediensprecher Marcel Schlatter auf Anfrage. Dadurch könne die Schweisproduktion eingeschränkt sein.

Bereits im Juni herrschten in der Schweiz Temperaturen über 30 Grad. «Dies kann für Menschen mit ausgedehnten Brandverletzungen unangenehm werden», sagt Schlatter. Diese sollten sich nicht über längere Zeit an der prallen Sonne aufhalten.

Brandopfer
Brandopfer Philipp Bosshard schwitzt nicht mehr wie früher. Deshalb zog er ins kühlere Engadin. - Screenshot / SRF

Brandopfer sollen deswegen aber nicht in kühlere Regionen ziehen. «Eine solche pauschale Empfehlung lässt sich nicht machen», sagt Marcel Schlatter. Die Situation müsse individuell beurteilt werden.

Sein Wille sei stärker gewesen

Kurt von Moos erhielt von verschiedenen Ärzten Prognosen, die kaum Hoffnung machten. «Ich würde nie mehr schwitzen können, nie wieder laufen oder mein Instrument spielen», sagt der 64-Jährige.

Diese Aussagen habe er weder akzeptieren wollen noch können. Sein Ehrgeiz, seine Ausdauer und sein unbedingter Wille, nicht aufzugeben, seien stärker gewesen.

Brandopfer
Kurt von Moos erlitt Verbrennungen zweiten und dritten Grades an 65 Prozent seines Körpers. - zVg.

«Heute – 16 Jahre später und nach mehr als 55 Operationen – kann ich zum Glück wieder schwitzen.» Dies mache ihm das Leben wieder einigermassen angenehmer. Vieles sei anders als früher, und manches werde nie mehr so sein.

«Auch an die schrägen Blicke der Menschen habe ich mich mittlerweile gewöhnt.» Diese gehörten zu seinem Alltag, bestimmten aber nicht mehr sein Leben.

«Gewaltige Explosion»

Der Präsident des Vereins «Brandgezeichnet» erinnert sich noch genau an den Unfall. Im April 2010, kurz vor Feierabend, musste der Metallbauer die letzten Arbeiten an einem Stahlträger ausführen. Gemeinsam mit einem Arbeitskollegen befand er sich auf einer Hebebühne in rund zehn Metern Höhe. Ihre Aufgabe war es, den Stahlträger mit einer Trennscheibe zu durchtrennen.

«Was wir nicht wussten: Hinter dem Stahlträger verlief eine Gasleitung, in der sich noch Restgas befand», sagt Kurt von Moos. «Innerhalb weniger Sekunden führte eine Verkettung unglücklicher Umstände zu einer gewaltigen Explosion.» Um der Explosion zu entkommen, seien sie aus dem Korb der Hebebühne in die Tiefe gesprungen.

«Ich erlitt Verbrennungen zweiten und dritten Grades an 65 Prozent meines Körpers sowie schwerste innere Verletzungen.» Anschliessend lag von Moos dreieinhalb Monate im Koma. «Als ich erwachte, begann ein langer und beschwerlicher Weg zurück ins Leben.» In der Rehabilitation habe er praktisch alles von Grund auf neu erlernen müssen.

Dieser Unfall habe sein Leben für immer verändert. «Er hat mir jedoch auch gezeigt, wie viel Kraft, Durchhaltevermögen und Lebenswille in einem Menschen stecken können.»

«Drei Tage flach gelegen»

Petra Krause-Wloch ist Vorsitzende des Bundesverbands für Brandverletzte in Deutschland. «Mit der Hitzewelle komme ich weniger gut zurecht», sagt die 72-Jährige. 2015 sei sie Ende Juni drei Tage im Spital gewesen. «Und dieses Jahr bin ich gerade drei Tage flach gelegen.»

Krause-Wloch hat Verbrennungen im Gesicht und vorderen Halsbereich. Im Nacken schwitzt sie dadurch verstärkt. Sie reagiere mit starkem Schwindel und Übelkeit sowie starken Kopfschmerzen auf die Hitze, sagt sie. «Dabei reagiert oft das linke Innenohr, welches sehr stark verbrannt ist.»

Als 39-Jährige prallte sie mit dem Auto gegen einen Baum. Sie erinnere sich nicht mehr an den Unfall, sagt sie. Es werde vermutet, dass sie aus der Heckklappe des Autos rausgekrabbelt sei. «Allerdings linksseitig, also tankseitig, wobei der Tank explodierte.»

Schutz vor Sonne

Im Sommer sollen Brandverletzte mit frischen Narben langärmlige Kleidung tragen. Auch sollten sie viel trinken.

«Ansonsten können wir uns genauso gut im Warmen aufhalten wie andere Menschen», sagt Petra Krause-Wloch. Möglichst gut sollten sich Brandverletzte zudem vor Sonnenbrand schützen.

Mafalda Da Silva Baptista aus Zürich lässt sich den Sommer von ihren Brandnarben am Gesicht, Händen und Füssen nicht verderben.

«Ich trage immer Sonnencrème mit Schutzfaktor 50 plus auf und kann in die Badi gehen», sagt die 25-Jährige.

«Lieber lebe ich ein glückliches Leben»

Da Silva Baptista war sieben Jahre alt, als sie bei einer Gasexplosion in Portugal Verbrennungen erlitt.

«Die ersten fünf Jahre musste ich Kompressionsstrümpfe tragen und durfte nicht ins Wasser.» Dies sei mühsam gewesen. «Alle meine Gspänli waren in der Badi und ich musste zu Hause bleiben.»

Zudem habe sie einen starken Juckreiz geplagt. «Wenn es warm ist, jucken frische Narben noch mehr.» Eine kalte Dusche habe die Haut beruhigt.

Ärzte empfehlen wegen der starken Sonneneinstrahlung, das Baden am Nachmittag zu vermeiden, sagt Da Silva Baptista. Sie mache es trotzdem. «Lieber lebe ich ein glückliches und vielleicht ein kürzeres Leben, als mich zu stark einzuschränken.»

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Kommentare

User #1251 (nicht angemeldet)

Und deswegen muss das schöne normale Sommerwetter abgeschafft werden?

User #4415 (nicht angemeldet)

Elegant via Hitzewelle direkt zum Hauptthema: Crans Montana...

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