Hautkrebs-Fälle nehmen zu: Unterschätzen Schweizer das Risiko?
Wandern, Skifahren und Baden belasten die Haut stärker als viele denken. Fachleute warnen vor späten Folgen und hohen Kosten.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Schweiz zählt trotz wenig Sonne weltweit zu den Ländern mit viel Hautkrebs.
- Grund sind Freizeit-UV in Bergen und am Wasser sowie häufige Fernreisen.
- Laut Krebsliga und Dermatologen wird Hautkrebs heute zudem früher erkannt.
- Mit der alternden Bevölkerung dürften die Fallzahlen weiter deutlich steigen.
Die Schweiz ist kein Sonnenstaat wie Australien oder Neuseeland. Trotzdem gehört sie bei Hautkrebs weltweit zur Spitzengruppe.
Jährlich erkranken hierzulande rund 3500 Menschen an schwarzem Hautkrebs, also an einem Melanom. Dazu kommen schätzungsweise 25'000 Fälle von weissem Hautkrebs.
Und die Zahlen steigen weiter. Laut Krebsliga hat sich die Inzidenz beim schwarzen Hautkrebs in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt.
Auch beim weissen Hautkrebs nehmen die Fälle zu. Die Datenlage ist dort allerdings weniger genau, weil nicht alle Erkrankungen in der Krebsstatistik erfasst werden.
Doch warum trifft es ausgerechnet die Schweiz so stark? Dafür gibt es mehrere Gründe.
Schweizerinnen und Schweizer suchen die starke Sonne
Der wichtigste Faktor ist die UV-Exposition in der Freizeit. Schweizerinnen und Schweizer halten sich gerne draussen auf: In den Bergen, an Seen, beim Wandern, Skifahren oder Baden.
«Dort ist die UV-Strahlung aufgrund der Höhenlage und der Reflexion von Schnee und Wasser stärker», erklärt Joëlle Jufer. Sie ist Präventionsspezialistin bei der Krebsliga Schweiz.
Auch Fernreisen spielen eine Rolle. Die alternde Bevölkerung sei zugleich wohlhabender geworden, erklärt Olivier Gaide, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie SGDV.
Die höhere Kaufkraft habe vielen Menschen Aufenthalte in den Bergen und am Meer ermöglicht. Eben Orte mit starker Sonnenexposition.
Hinzu kommt eine verbesserte Diagnostik und Früherkennung. «Hautkrebs wird heute häufiger und früher erkannt, was sich ebenfalls in höheren Fallzahlen in der Statistik niederschlägt», erklärt Jufer.
Viele unterschätzen UV-Strahlen im Alltag
Trotz vieler Präventionskampagnen wird das Risiko laut Krebsliga weiterhin unterschätzt. «Ein zentraler Grund ist, dass UV-Schäden nicht sofort spürbar sind, sondern sich oft erst Jahre später zeigen», sagt Jufer.
Zudem dächten viele Menschen bei Hautkrebs vor allem an Sommerferien, Strand und Sonnenbrand. Doch UV-Strahlen wirkten auch im Alltag – bei bewölktem Himmel, im Frühling oder Herbst.
Die Folgen zeigen sich oft dort, wo die Sonne besonders häufig draufscheint. Laut SGDV haben Männer häufiger Hautkrebs auf der Kopfhaut – etwa wegen Glatzen – sowie auf den Schultern. Frauen sind etwas häufiger an den Beinen betroffen.
Experten rechnen mit weiter steigenden Fallzahlen
Auch in den kommenden Jahren dürften die Fallzahlen in der Schweiz steigen. Hauptsächlich wegen der Demografie: Die Bevölkerung wird älter, und bei den meisten Hautkrebsarten steigt das Risiko mit dem Alter.
Eigene Prognosen erstellt die Krebsliga nicht. Sie verweist aber auf Zahlen der International Agency for Research on Cancer der WHO.
Demnach könnten die Melanom-Erkrankungen in der Schweiz bis 2040 um rund einen Drittel zunehmen. Beim weissen Hautkrebs wird sogar mit einem Anstieg von über der Hälfte gerechnet.

Diese Prognosen sind allerdings mit Vorsicht zu lesen. Gerade beim weissen Hautkrebs sei die Datenlage lückenhaft, sagt Jufer.
Zudem beruhen solche Modelle auf Annahmen: Etwa dazu, wie stark sich Bevölkerung, Verhalten, Sonnenschutz und Klima verändern.
Auch Gaide warnt deshalb vor zu viel Scheingenauigkeit. Bei Hautkrebs-Prognosen gebe es zu viele Variablen. Jüngere Generationen seien besser vor Sonne geschützt worden. Gleichzeitig könne der Klimawandel das UV-Verhalten in verschiedene Richtungen beeinflussen.
Neue Therapien treiben die Kosten hoch
Klar ist: Hautkrebs verursacht hohe Kosten. Die SGDV spricht von Schätzungen von rund 250 Millionen Franken pro Jahr.
Laut dem Krankenversicherer Helsana werden die Ausgaben weiter steigen. Sprecher Nico Nabholz erklärt: «Haupttreiber sind die Zunahme moderner Immuntherapien und der Trend, dass neue Medikamente zu immer höheren Preisen auf den Markt kommen.»
Für die Prävention setzen Krebsliga und Dermatologen nicht nur auf Sonnencreme und Eigenverantwortung. Besonders wichtig seien strukturelle Massnahmen.
Sonnenschutz müsse im Alltag überhaupt möglich sein. Es brauche genügend Schattenplätze – gerade dort, wo sich Kinder aufhalten, betont Jufer.
Denn: «Studien zeigen, dass eine hohe UV-Belastung in der Kindheit ein starker Risikofaktor für spätere Hautkrebserkrankungen ist.»












