Geld spaltet Schweiz – «darunter leiden vor allem Kinder»

    Elena Hatebur
    Elena Hatebur

    Bern,

    Wer wenig verdient, fühlt sich vom Schweizer System eher benachteiligt. Der soziale Druck entlädt sich dabei häufig in Protesten – oder innerhalb der Familie.

    Geringverdienende Schweiz
    Wer wenig verdient, fühlt sich in der Schweiz eher ungerecht behandelt. - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Unzufriedenheit der Schweizerinnen und Schweizer hat zugenommen.
    • Geringverdienende fühlen sich vom System eher benachteiligt.
    • Der soziale Druck wirkt sich dabei häufig auf die Gesundheit und die Familie aus.

    Mehr als die Hälfte der Menschen in der Schweiz empfindet die gesellschaftlichen Verhältnisse als eher oder sehr ungerecht. Das zeigt der sogenannte «Gerechtigkeitsbarometer» des «Beobachter».

    Im Vergleich zur ersten Erhebung vor zwei Jahren ist die Unzufriedenheit deutlich gestiegen. Ein Drittel der Befragten bezeichnet das System als «eher nicht gerecht», weitere 18 Prozent sogar als «überhaupt nicht gerecht».

    Auffällig: Wer weniger verdient, fühlt sich häufiger benachteiligt. Gleichzeitig glauben immer weniger Menschen daran, dass sich Leistung automatisch in Wohlstand auszahlt.

    Eine Frage drängt sich zunehmend auf: Steckt darin sozialer Sprengstoff?

    Soziologe: «Darunter leiden vor allem Kinder»

    Für den Soziologen Ueli Mäder ist die Entwicklung klar problematisch. «Viele Menschen haben keine finanziellen Reserven. Das stresst», erklärt er gegenüber Nau.ch.

    Dieser Druck bleibe nicht ohne Folgen. «Je tiefer die Einkommen, desto grösser sind die gesundheitlichen Belastungen.» Das schlage sich auch auf die Psyche nieder.

    Unzufriedenheit entlädt sich häufig in Form von politischer Mobilisierung und Protesten. Aber auch Familien seien davon betroffen, so Mäder. «Darunter leiden vor allem Kinder.»

    Wird die Kluft zwischen Arm und Reich grösser, könnten auch sichtbare Spannungen zunehmen. Der Fokus gerate dabei jedoch schnell auf diejenigen, die für diese Entwicklung wenig können, so Mäder.

    «Einzelne richten ihre Wut leider auf Migrierte, die mit weniger Geld in noch kleineren Wohnungen leben.»

    Unzufriedenheit führte bisher kaum zu grösseren Konflikten

    Differenzierter fällt die Einschätzung von Maurizio Strazzeri aus. Strazzeri ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berner Fachhochschule und forscht zu den Themen Armut und sozialer Ungleichheit.

    Glaubst du, dass sich Leistung automatisch in Wohlstand auszahlt?

    «Ich sehe Gerechtigkeitsempfinden grundsätzlich als eine wichtige Dimension gesellschaftlicher Entwicklungen», sagt er gegenüber Nau.ch.

    In einem stabilen Wohlfahrtsstaat wie der Schweiz habe Unzufriedenheit jedoch bisher selten zu grösseren Konflikten geführt.

    Ganz ausschliessen lasse sich das aber nicht. Internationale Beispiele zeigten, dass sich länger anhaltende Unzufriedenheit unter bestimmten Bedingungen entladen könne.

    Menschen suchen Sündenbock in sozialen Gruppen

    Welche Form diese Unzufriedenheit annimmt, sei schwer vorherzusagen. Strazzeri: «Unzufriedenheit kann sich grundsätzlich sowohl in Form politischer Mobilisierung als auch in Form von Rückzug aus dem politischen System äussern.»

    Demonstrationen seien möglich, aber nicht die Regel. «In der Regel sind Proteste thematisch organisiert und werden häufig von Organisationen wie Gewerkschaften getragen.»

    «Geld macht glücklich»: Stimmt diese Aussage?

    Was hingegen zunehmen könne, seien vereinfachende Deutungsmuster. «Anhaltendes Ungerechtigkeitsempfinden kann solche Muster begünstigen», insbesondere wenn komplexe Probleme einzelnen Gruppen zugeschrieben würden.

    Das heisst: Menschen suchen einfache Antworten auf komplexe Probleme – und suchen den Sündenbock daher schnell in einzelnen Gruppen. Dazu gehören beispielsweise Wohlhabende oder Migrierte.

    Kein Zusammenhang mit steigender Kriminalität

    Einen direkten Zusammenhang zwischen Gerechtigkeitswahrnehmung und steigender Kriminalität sieht Strazzeri aber nicht.

    «Was die psychische Gesundheit betrifft, sehe ich plausiblere Zusammenhänge», so der Experte. «Tatsächliche oder wahrgenommene Ungleichheit kann mit Stress und anderen psychischen Belastungen einhergehen.»

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    Kommentare

    User #1691 (nicht angemeldet)

    Was ist reichtum? Wer nicht arbeitet verdient 8std mehr pro Tag - unbezahlbar.

    Ohalätz

    Wirklich glückliche Menschen habe ich nur dort angetroffen, wo Reichtum keine Bedeutung hat.

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