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Festivalleiter von Locarno stellt sich gegen ein «Elite»-Kino

Keystone-SDA
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Ascona,

Im Vorfeld des Filmfestivals von Locarno plädiert dessen künstlerischer Leiter Giona Nazzaro für ein populäres Kino. Eine Gefälle zwischen Autorenfilmern und dem breiten Publikum soll es nicht geben, sagt er im Gespräch mit Keystone-SDA.

Ein Gespräch mit Giona Nazzaro, dem künstlerischen Leiter des Filmfestivals von Locarno, über Kino, kreatives Schaffen und neue Perspektiven des Filmschaffens. (Archivbild)
Ein Gespräch mit Giona Nazzaro, dem künstlerischen Leiter des Filmfestivals von Locarno, über Kino, kreatives Schaffen und neue Perspektiven des Filmschaffens. (Archivbild) - KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Die Meinung, das Locarno-Festival sei nur Eingeweihten vorbehalten, hält sich hartnäckig. Festivalleiter Giona Nazzaro wischt es mit einer Handbewegung beiseite. Das Vorurteil, dass die Filme aus Locarno nicht über Chiasso hinauskommen, sei falsch, sei schon immer falsch gewesen, bekräftigt er wenige Tage vor der Eröffnung der 79. Ausgabe.

Die in Locarno entdeckten Filme machten oft eine Karriere weit über die Ufer des Lago Maggiore hinaus, so Nazzaro. Er nennt als Beispiel «Blue Heron», den ersten Spielfilm der kanadischen Regisseurin Sophy Romvary, eine intime Familienchronik, die nach dem Festival vom amerikanischen Verleih Janus Films gekauft wurde.

Er nennt des Weiteren «Gioia Mia» der Italienerin Margherita Spampinato, ein mit einem winzigen Budget gedrehtes Porträt der italienischen Jugend, das zu einem der Kritikererfolge der Saison wurde. «Das Problem ist nicht, dass Locarno in der Vorstellung der Kinoliebhaber an Einfluss verliert. Es ist vielmehr, dass es den Verleihern manchmal an Neugier mangelt.»

«Wir wählen einen Film nicht aus, weil wir das Gefühl haben, dass er für Aufsehen sorgen wird», betont Nazzaro. Für ihn gibt es keine Grenze zwischen Populärkino und Autorenkino. «Das Kino ist von Natur aus immer populär», sagt er und greift dabei einen Satz des französischen Filmemachers Jean-Marie Straub auf, der für sich beanspruchte, «ein populäres Kino für die Arbeitermassen» zu machen.

Nach Nazzaros Meinung ist die Rede von elitären Filmen in erster Linie «ein Konzept des Marktes und des Geldes», das darauf abziele, bestimmte Regisseure in eine Kategorie einzuordnen. Sein Ideal liege woanders: zu sehen, wie ein Zuschauer,, eine Zuschauerin am selben Tag von einem Straub-Film zu einem Horrorfilm und dann zu einem vietnamesischen Dokumentarfilm wechsle.

Auch gegenüber künstlicher Intelligenz hegt Nazzaro keine grundsätzliche Ablehnung. Locarno hat bereits «Dracula» des rumänischen Regisseurs Radu Jude gezeigt, der die Möglichkeiten der KI-generierten Bilder neu interpretiert, sowie «Cartas Telepáticas» des Portugiesen Edgar Pêra – ein imaginärer Briefwechsel zwischen Fernando Pessoa und H.P. Lovecraft, der mit diesen Werkzeugen konzipiert wurde. Ein neuer Film von Pêra, der KI nutzt, steht auch im diesjährigen Programm.

«Wir haben keinerlei ideologische Vorurteile», sagt Nazzaro. Die eigentliche Frage sei politischer Natur. Er verweist auf die kürzlich von Papst Leo XIV. veröffentlichte Enzyklika zur künstlichen Intelligenz, die er als «aussergewöhnlichen Text» bezeichnet. «Das Problem ist nicht die künstliche Intelligenz an sich, sondern was wir daraus machen.»

Auf die Frage, wer die idealen Begleiter für eine Filmvorführung auf der Piazza Grande wäre, nennt Nazzaro weder einen Hollywoodstar noch einen zeitgenössischen Filmemacher, sondern Roberto Rossellini und Ingrid Bergman. Deren Tochter Isabella Rossellini wird dieses Jahr in Locarno mit einem Preis geehrt.

Filme, sagt er, seien nicht dazu da, das Publikum zu beruhigen, sondern um ein Gespräch anzustossen. «Ein Kino, das aufrüttelt, ist auch eine Form des Trostes.» Es erinnere die Zuschauer daran, dass sie nicht allein seien mit ihren Sorgen um die Welt.

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