Weil Weisse Reggae spielten und Dreadlocks trugen, brach eine Berner Brasserie ein Konzert ab. Was sagen schwarze Musiker dazu?
cali p
Der Schweizer Reggae-Musiker Cali P stammt aus Guadeloupe. - Instagram
Ad

Das Wichtigste in Kürze

  • Wegen «kultureller Aneignung» wurde ein Reggae-Konzert in Bern abgebrochen.
  • In der Brasserie Lorraine störten sich Zuschauer am Auftritt.
  • Dies, weil die weisse Band Dreadlocks trägt und Reggae spielt.
  • Der schwarze Reggae-Musiker Cali P sagt, was er von der Diskussion hält.

Weisse dürfen weder Reggae spielen noch Dreadlocks tragen. Dieser Meinung waren mehrere Zuschauer eines Konzerts in der Berner Brasserie Lorraine. Und sorgten mit ihrem Protest für den Abbruch des Konzerts der Band «Lauwarm».

Der Vorwurf: «Kulturelle Aneignung». Wer sich beim Lokal beschwert hat? Unbekannt. «Wir wissen nicht, wer uns kritisiert hat, es waren aber Einzelpersonen», sagt Bandleader Dominik Plumettaz (27) zu Nau.ch.

lauwarm
Die weisse Band Lauwarm spielt Mundart-Reggae – ihr Konzert wurde deswegen abgebrochen. - Instagram

Fest steht: Die Kritiker der kulturellen Aneignung sind oftmals selbst Weisse. So wurde die deutsche Musikerin Ronja Maltzahn von «Fridays for Future» vor einigen Monaten wegen ihrer Dreadlocks ausgeladen.

Das sagen Schwarze über Reggae-Diskussion

Was aber halten Schwarze von der Diskussion? Der Schweizer Reggae-Künstler Cali P (37) stammt von der Karibikinsel Guadeloupe und lebte zehn Jahre in Jamaika. Er trug lange selbst Dreadlocks.

Die Frage, ob Weisse überhaupt Dreadlocks tragen dürfen, kann auch Cali P nicht abschliessend beantworten. Es wirble in ihm viele Gegenfragen auf, sagt er. Beispielsweise: «Ich frage mich: Ist sich diese Person bewusst über den Ursprung von Dreadlocks?» Er verweist auf Rastas, die von Weissen «bis zum Tode unterdrückt wurden, überall verteufelt, und nicht akzeptiert wurden».

Bis heute litten Kinder unter der Unterdrückung dieser Kultur. Cali P fragt sich, ob Dreadlocks heute «einfach cool geworden sind auf dem Laufsteg und man ein bisschen den Rebellen rausbringen wolle».

Lauwarm Band
Der Mundartkünstler Lauwarm mit seiner Band. - Instagram / @lauwarm_music

Denn: Wer heute Dreads trage, sollte seiner Meinung nach wissen, «dass es richtige Rebellen gab, die dafür starben, dass wir jetzt Dreadlocks haben und auf der Strasse laufen können».

«Bei Musik sehe ich keine Grenzen»

Beim Reggae ist die Frage für den Musiker aber klar. «Bei Musik sehe ich keine Grenzen.»

Er erwarte jedoch, dass man sich als Reggaesänger auch mit der Entwicklung auseinandersetzt. Und beispielsweise nach Jamaika reist, um die Musik zu erleben.

«Es gibt unzählige Beispiele, wie kommerzielle weisse Sänger Reggae oder Dancehall als Musik benutzen und dies dann als Popmusik klassifiziert und so verkauft wird», kritisiert er.

cali p
Cali P findet es okay, wenn Weisse Reggae machen – aber nur, wenn man etwas zur Bewegung beitrage. - Instagram

Nichtsdestotrotz hält er die Diskussion um kulturelle Aneignung für «wichtig». Denn wer nichts zur Bewegung beitrage, habe da auch nichts verloren.

Cali P: «Eine Kultur annehmen und dabei persönlichen Gewinn, finanziellen Profit und Bekanntheit zu gewinnen, ohne etwas zurückzugeben, ist Diebstahl in meinen Augen.»

Dürfen weisse Menschen Dreadlocks tragen?

«Lauwarm»-Sänger Dominik ist – anders als seine Bandmitglieder – nicht weiss. «Meine Eltern sind beide in Brasilien geboren, mein Grossvater war dunkelhäutig. Ich habe auch Vorfahren aus Angola.» Die Hautfarbe spiele bei ihm keine Rolle. «Wir wollen mit der jamaikanischen Kultur positive Vibes geben.»

Mehr zum Thema:

Klimastreik Musiker Protest Konzert